«Im internationalen Vergleich stehen wir gut da»
europäischen Kontext passieren könnte»
tachles: Bereitet Ihnen die Finanz- und Börsenkrise schlaflose Nächte?
Patrick Loeb: Nicht wirklich. Seit der Verein in seiner jetzigen Form im Jahr 2005 entstand, hatten wir sechs Anwendungsfälle. Davon hatte nur einer im weitesten Sinn einen Zusammenhang mit der Finanzkrise, nämlich jener der Kaupthing Luxembourg SA, Filiale Genf.
Also sind Sie erst im Eintretensfall wirklich gefordert?
Der FINMA, mit der wir sehr eng und gut zusammenarbeiten, ist bekannt, wie die einzelnen Banken wirklich stehen, und sie ergreift nötigenfalls Massnahmen, damit es, wenn immer möglich, nicht zum Kollaps kommt. Insofern sind wir sehr ruhig, denn wir dürfen aufgrund der Erfahrungen auf unsere Aufsicht vertrauen.
Sie sichern ab, dass jeder Kontoinhaber in der Schweiz bei einem Bankenkollaps bis zu 100 000 Franken von seinem Guthaben innert 20 Tagen erhält. Ist dies volkswirtschaftlich bedeutsam?
Die Einlagensicherung ist ein Teil der Finanzplatzstabilität. In diesem Sicherungsnetz gibt es verschiedene Akteure: die Nationalbank, die die Geld- und Währungspolitik des Landes führt und für die Preisstabilität besorgt ist; und die FINMA, welche als Aufsichtsbehörde die einzelnen Institute unter die Lupe nimmt. Aber deren Wirken wird in seiner Komplexität öffentlich selten wahrgenommen und ist für Personen ohne entsprechendes Know-how auch nur sehr schwer verständlich. Die Einlagensicherung ist das letzte Glied zwischen dem Bankkunden und den ganzen Sicherungseinrichtungen. Ihre Aufgaben sollten jedem verständlich sein; sie ist deshalb Teil des Vertrauens, das der Kunde in den Banken- und Finanzplatz setzt. Dabei geht es – weltweit – nicht darum, die Vermögen der Reichsten zu schützen, sondern die Grundfunktionen des Bankensystems wie Zahlungsverkehr und -möglichkeiten und den normalen Finanzfluss, also eigentlich die Grundbedürfnisse, abzudecken. Die Einlagensicherung soll letztlich ein Grundvertrauen herstellen und so früher erlebte Runs auf Banken in Krisen verhindern.
Vor drei Jahren wurde der abgesicherte Betrag von 30 000 auf 100 000 Franken erhöht, per 1. September 2011 die Auszahlungsfrist von drei Monaten auf 20 Tage heruntergesetzt. Wie ordnen Sie persönlich die Höhe des Betrags und die Frist ein?
Die Verkürzung der Frist, binnen welcher die Einlagensicherung zu zahlen hat, die vom Bundesrat per 1. September 2011 in Kraft gesetzt wurde, ist in unserem Sinn, weil sie der Sicherung der Grundbedürfnisse im Zahlungsverkehr der Bankkunden entgegenkommt. Was die Höhe anbelangt, wäre es aus Kundensicht natürlich schön, unlimitiert abgesichert zu sein. Aber damit nimmt man auch die Eigenverantwortung vom Bankkunden, der sich ja auch überlegen soll, zu welcher Bank er geht. Der jetzige Betrag entspricht international gesehen einem guten, mittleren Standard und liegt sehr nahe bei der Einlagensicherung in der EU, die bei 100 000 Euro liegt.
Wie kommt man rechnerisch gerade auf diesen Betrag?
Es wurden die Daten, welche über die Einlagen greifbar sind, analysiert. Der durchschnittliche Bankkunde verfügt über weit weniger als 100 000 Franken. Auch die Entwicklung im Ausland, insbesondere in der EU, wurde genau beobachtet. Dort gilt generell eine Sicherung der Einlagen über 100 000 Euro. Auch angesichts des Durchschnittseinkommens in der Schweiz gehe ich davon aus, dass 100 000 Franken als Absicherung sehr komfortabel sind, soll doch die Liquidität, die die Einlagensicherung zur Verfügung stellt, helfen, dass die Grundbedürfnisse wie zum Beispiel die Miete, Nahrung und Versicherungen bezahlt werden können.
Wie genau ist die Einlagensicherung beispielsweise im Fall der Kaupthing Luxembourg in Genf aktiv geworden?
Wir haben als Einlagensicherung nicht die Möglichkeit, Banken zu durchleuchten, wir werden erst dann aktiv, wenn die Aufsichtsbehörde, also die FINMA, eine entsprechende Massnahme verfügt. Wir sind also die Feuerwehr, aber nicht der Brandschutz.
Kaupthing war die einzige der drei kollabierten isländischen Banken, die in der Schweiz – als Ableger der luxemburgischen Niederlassung sogar nur indirekt – niedergelassen war. Sie zog Kunden an, die üblicherweise Beträge so um die 25 000 Franken deponierten. Mit der Absicherung von 30 000 Franken waren sogar die Zinsen und Zinseszinsen abgedeckt – das waren also wirklich informierte Bankkunden. Dieser besondere Fall wurde in enger Zusammenarbeit mit dem EDA unter Inanspruchnahme diplomatischer Kanäle zu einem guten Ende gebracht.
Wie teuer kam die Sache letztlich zu stehen?
Die Einlagensicherung hat ungefähr 29 Millionen Franken für die Auszahlung bereitgestellt. Dieser Betrag konnte vollumfänglich durch Vereinbarungen mit Luxemburg und Belgien abgedeckt werden. Es kam in der Schweiz also niemand zu Schaden, und der Fall konnte – unter anderem mit effizienter Hilfe der beiden betroffenen Botschaften und anderer Institutionen der Schweiz – recht schnell erledigt werden. Zum Schluss hatten wir nur den Aufwand zu decken, aber keine weiteren Kosten.
Hat die Krise der UBS bei Ihnen damals schlimme Erwartungen geweckt?
Die UBS ist, betrachtet nach ihrer Kundeneinlagensumme, unser zweitgrösstes Mitglied! Aber ich bin ziemlich sicher, dass das System auch in diesem Fall getragen hätte und tragen würde, jedenfalls wenn kein Dominoeffekt eintreten und sich die Sache auf ein einzelnes sehr grosses Institut beschränken würde. Denn gerade die grossen Institute haben entsprechend hohe Liquiditätsanforderungen und werden durch die FINMA eng beaufsichtigt. Wir zahlen ja erst sekundär; primär wird aus der vorhandenen Liquidität bezahlt. Bei den Grossbanken etwa sind die Einlagen, gemessen an ihrer Bilanzsumme, ein verschwindend kleiner Teil. Bei kleineren Banken ist der Einlagenanteil in der Relation oft viel höher. Es würde mich also beim Beispiel der UBS nicht überraschen, wenn wir im Kollapsfall gar nicht zum Zuge kämen, weil die gesicherten Einlagen von ihr selbst aus der Liquidität bezahlt werden könnten. Fraglich wäre bei einem so grossen Institut allenfalls, ob wir die Auszahlungen technisch innerhalb von 20 Tagen machen könnten.
Summa summarum könnte man also sagen: Gut, dass es Ihre Firma gibt, aber eigentlich braucht es Sie gar nicht wirklich?
Selbstverständlich hoffen wir, dass es uns nie braucht! Aber wesentlich ist, dass wir, falls es uns braucht, unser abgegebenes Versprechen halten können.
Machen Sie sich Gedanken dazu, wie das Bankensystem in zehn Jahren aussehen wird und was dies für Sie bedeutet?
Natürlich tun wir das. Dazu beobachten wir, was um uns herum läuft, und vergleichen uns mit unseren Peers. Wir sind der Auffassung, dass es auch künftig wohl keine wesentlichen Änderungen in unserem System braucht; das Bankkonto ist sicher kein Auslaufmodell. Grundsätzlich machen wir uns aber Gedanken, was es brauchen würde, um auch Kapitalanlagen abdecken zu können. Weiterhin sichern wir weder die Einlagen bei der Postfinance noch bei Genossenschaften. Die Postfinance hat heute eine implizite unbeschränkte Staatsgarantie. Das ändert sich aber per 2012, indem auch in diesem Fall eine Beschränkung von 100 000 Franken eingeführt wird. Wir erwarten, dass die Postfinance in den kommenden Jahren die Bedingungen der Einlagensicherung vollständig übernehmen wird und Mitglied der Einlagensicherung werden wird. Auch die Genossenschaften können Einlagen entgegennehmen, ohne der Einlagensicherung angeschlossen zu sein; sie halten teilweise sehr hohe Beträge. Es wäre sicher gut, wenn auch solche Guthaben abgesichert wären.
Offenbar ist das Schweizer Modell punkto Kosten schlanker als ausländische Einlagensicherungsinstitute. Wie kommt das?
Die derzeit drei Milliarden Franken unseres Fonds werden als Sonderliquidität bei unseren Mitgliedern gehalten und müssen nicht wie ein eigentlicher Fonds unter Kostenfolge verwaltet werden. Diese – normalerweise ausreichenden – Gelder können innerhalb kürzester Zeit abgerufen werden und sind bei ungefähr 300 unserer Mitglieder diversifiziert. Wir stehen also punkto Kosten wie auch Höhe der Sicherung im internationalen Vergleich sehr gut da.
Was ist derzeit Ihre grösste Sorge?
Dass durch Unverständnis von aussen Druck auf uns entstehen könnte, ein anderes System zu übernehmen, das administrativ viel aufwändiger und gar nicht nötig wäre. Das wäre auch aus der Optik des Bankkunden nicht wünschenswert, denn jeder Franken, den ein anderes System mehr kosten würde, ginge zulasten des Kunden. Deshalb auch der Erklärungsbedarf gegen aussen.
Auch eine politische Aufgabe?
Die Vermittlung des Wissens gegen aussen ist unsere Aufgabe, und wir sind in den entsprechenden Gremien vertreten und halten die Kontakte zu ausländischen Behörden wie Ministerien und dem Financial Stability Board, einer Organisation der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Aber man muss trotzdem immer darauf vorbereitet sein, was mit der Schweiz etwa im europäischen Kontext passieren könnte. Bei den Bilateralen, aber auch bei den Steuerabkommen muss stets darüber aufgeklärt werden, dass das, was wir bieten, den gleichen Schutz beinhaltet wie andere, kostenintensivere Systeme.
In Amerika sind innerhalb kürzerer Zeit 99 Banken Pleite gegangen. Was würde ein solches Szenario ohne Einlagensicherung volkswirtschaftlich bedeuten?
Erstens den Dominoeffekt: Wenn das Vertrauen in eine Bank schwindet, hat das schnell Auswirkungen auf die anderen Banken. Das ist auch im sogenannten Interbankengeschäft spürbar, in dem Banken untereinander Geld verleihen. Aber zweitens betrifft eine durch Ausfall einer Bank entstandene Zahlungsunfähigkeit des einzelnen Bankkunden auch schnell Industrien ausserhalb des Banksystems, wenn etwa Bankkunden nicht mehr an ihr Geld kommen und zum Beispiel Rechnungen nicht mehr bezahlen können.
Was hätten Sie 2008 beim Ausbruch der UBS-Krise getan: Hätten Sie den damaligen UBS-Präsidenten Ospel angerufen und zu sich zitiert?
Nein, und ich hätte das auch nicht getan, wenn ich es gekonnt hätte. Unsere Aufgabe ist vielmehr, den Regulator, also die FINMA, zu kontaktieren, wenn uns etwas zu Ohren kommt oder auffällt. Diese hat sowohl die entsprechenden Kompetenzen wie Kapazitäten und das nötige Know-how, um zu intervenieren und das Nötige in die Wege zu leiten.


