Schulterschluss in die Unendlichkeit
Die Stimmen in diesem Dialog sind vielfältig, aber manche erlangen ein grösseres Echo. Das Institut für Jüdisch-Christliche Forschung (IJCF) an der Universität Luzern feiert den 30. Jahrestag seiner Gründung, noch zehn Jahre älter ist das Fach Judaistik, das am selben Ort erstmals in der Schweiz eingeführt wurde (vgl. tachles 41/11). Der Ort hat also Geschichte, und die ist nicht viel kürzer als der besagte Dialog selbst – zumindest zwischen dem Judentum und dem Vatikan. Im Oktober 1965 erschien im Rahmen des Zweiten Vatikanischen Konzils zu Rom die Erklärung «Nostra Aetate», in der die römisch-katholische Kirche ihren jahrhundertealten theologisch untermauerten Antijudaismus zugunsten des «geschwisterlichen Gesprächs» zwischen den beiden Religionen aufgab. Was geschwisterlich ist, bleibt noch lange nicht frei von Dissonanzen: Die Analyse dieses Gesprächs bildete am Symposium anlässlich der Jubiläumsfeier des IJCF einen Schwerpunkt. Auf der einen Seite stand Pater Norbert Hofmann aus Rom, Sekretär der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum des Heiligen Stuhls, der den erkrankten Präsidenten derselben Kommission, Kardinal Kurt Koch, vertrat. Für die jüdische Seite dieses Gesprächs führte David Bollag, Lehrbeauftragter am IJCF, Rabbiner David Rosen als Ausnahmeerscheinung ein: Spätestens seit Jean-Paul Sartre wisse man, dass es «den Juden» nicht gebe, weil das Judentum zu heterogen und dezentral sei – mit einer Ausnahme: David Rosen. «Er ist ‹der Jude›», und wenn er teilhabe am interreligiösen Dialog, seien die Juden repräsentativ vor Ort.
Bis vor zwei Jahren stand Rosen dem Internationalen Jüdischen Komitee für Interreligiöse Beziehungen (IJCIC) vor, eine breite Vereinigung verschiedener jüdischer Organisationen, die als Repräsentant für das Weltjudentum gegenüber anderen Religionen gilt. IJCIC ist auch direkter Gesprächspartner der von Kardinal Koch präsidierten päpstlichen Kommission.
Widerstand gegen Vereinnahmung
Was also sind die Linien seit dem Zweiten Vaticanum? Wovon lebt das Gespräch, und was bleibt an offenen Fragen zwischen Judentum und der römisch-katholischen Kirche überhaupt noch übrig, seit der Staat Israel und der Heilige Stuhl seit 1993 volle diplomatische Beziehungen aufgenommen haben und Rom somit die jüdische Hoheit über die heiligen christlichen Stätten akzeptiert hat? Pater Hofmann wie Rabbiner Rosen hoben «Nostra Aetate» zu einer «Revolution» hervor, und besonders Hofmann wies anhand Kardinal Kochs nüchterner und detailreicher Chronik dieser Beziehung darauf hin, dass das Judentum nicht «als etwas äusserliches betrachtet werden kann, sondern zum Innern der christlichen Religion gehört». Juden und Christen seien trotz ihrer Verschiedenheit das «eine Volk Gottes, das sich in gegenseitiger Freundschaft bereichern kann», was gerade theologisch sinnvoll sei, da «die Trennung von Kirche und Synagoge als das erste Schisma der Kirchengeschichte betrachtet werden» könne.
Spätestens da regte sich Widerspruch aus dem Publikum gegen die vermeintlichen Vereinnahmungstendenzen Roms, und er legte sich auch nicht, als Hofmann nach dem Entwicklungsabriss zu den offenen Fragen kam: Aus theologischer Sicht sei das «Geheimnis» zu befragen, wie Jesus Christus als einziger und universeller Vermittler des Heils anzunehmen sei und dennoch der besondere Bund zwischen Gott und dem Volk Israel bestehen bleibe. An diesem Widerspruch zwischen Bund und Universalismus «haben wir noch zu kauen», gestand Hofmann, und es war Rolf Bloch, ehemaliger Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds, der aus dem Publikum die Irritationen und persönlich zugespitzten Reaktionen mit einem Gleichnis beschwichtigte: In der Mathematik gebe es das Theorem, wonach parallele Linien sich in der Unendlichkeiten treffen würden. Diesen Steilpass nahm auch Hofmann erleichtert auf und zitierte abschliessend noch einmal aus «Nostra Aetate»: Am Ende aller Tage würden Juden und Christen «Schulter an Schulter dem Herrn entgegengehen».
Modernes Wunder
Dass der Schulterschluss auch innerhalb der römisch-katholischen Kirche nicht vollständig ist, darauf wies Rabbiner Rosen hin: In jüngerer Vergangenheit hätten einzelne katholische Stimmen die Verbindlichkeit von «Nostra Aetate» relativiert, auf der anderen Seite stellten sich deutsche Bischöfe gegen die päpstliche Position, wonach eine Mitschuld an der Schoah zwar auf Personen innerhalb der Kirche, jedoch nicht auf die Kirche selbst falle, und bekannten, die Kirche als Ganzes trage die Sünde. Zudem, so Rosen weiter, sei auch das Gespräch zwischen Judentum und Rom alles andere als krisenfrei verlaufen. Die Affäre um den Holocaust-Leugner Richard Williamson von der traditionalistischen Pius-Bruderschaft, die Neueinführung der Karfreitagsfürbitte sowie der implementierten Judenmission von Benedikt XVI. sowie die sogenannte Waldheim-Affäre aus den späten achtziger Jahren sind Zeugnisse davon. Dennoch: Trotz der andauernden Herausforderungen dieser bilateralen Beziehung solle man ihre «wahrlich erstaunliche Veränderung» in den vergangenen Jahrzehnten nicht vergessen. Nicht ohne Selbstironie attestierte Rosen dem Vatikan, tatsächlich für ein Wunder der Moderne verantwortlich zu sein. Mit seiner Suche nach einem jüdischen Gesprächspartner nach «Nostra Aetate», die 1971 in die Bildung von IJCIC mündete, habe erst der Vatikan eine Vereinigung der Juden erwirkt. «Alleine hätten wir das nie geschafft», so Rosen.


