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28. Oktober 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 43 Ausgabe: Nr. 43 » October 28, 2011

Führungsvakuum im Weissen Haus

Von Andreas Mink, October 28, 2011
Der Journalist Ron Suskind entlarvt Barack Obama als unsicheren Novizen, der seine Präsidentschaft verspielt und das Vertrauen seiner Bewunderer enttäuscht hat.
NEUES BUCH ÜBT HARSCHE KRITIK Barack Obama mit Wirtschaftsberatern

Ron Suskind hat als Reporter beim «Wall Street Journal» den Pulitzer-Preis gewonnen. Danach konnte sich der 52-Jährige mit Bestsellern wie «The Prize of Loyalty» (2004) – über den Weg der Bush-Regierung in den Irak-Krieg – als Enthüllungsjournalist mit exzellentem Zugang zu Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft etablieren. Seit Sommer 2008 hat Suskind aus nächster Nähe Barack Obama und seine wirtschaftspolitischen Entscheidungen beobachtet. Das Ergebnis liegt nun mit «Confidence Men. Wall Street, Washington, and the Education of a President» vor. Suskind zeichnet ein ernüchterndes Portrait von Obama als Zauderer, der im Weissen Haus mangelnde Erfahrung und fehlende Zielvorstellungen mit einer kühlen Fassade kaschiert.
Seiner Umgebung blieb dies nicht verborgen. So war Obama noch keine vier Monate im Amt, als sein Wirtschaftsberater Larry Summers einem Kollegen folgende Einschätzung anvertraute: «Wir sind allein zu Hause. Hier fehlt ein Erwachsener, der das Kommando übernimmt.» Kurz zuvor hatte Finanzminister Tim Geithner eine ausdrückliche Weisung Obamas ignoriert, die überschuldete Grossbank Citigroup abzuwickeln. Der Präsident nahm die Insubordination jedoch gelassen hin. Regierungssprecher haben Suskind die Verdrehung von Tatsachen vorgeworfen. Aber der Preisträger hat dem Weissen Haus den Text vor der Publikation vorgelegt und keine Änderungswünsche erhalten.



Zweifel an Entscheidungen

«Confidence Men» beruht auf Interviews mit 200 Beteiligten, einschliesslich Obamas und seiner Berater. Schliesslich hat auch der Journalist Bob Woodward vor einem Jahr in seinem Buch«Obama’s Wars» zwar dessen Aussenpolitik unter die Lupe genommen, aber ein identisches Charakterbild Obamas als Studie der Unentschlossenheit gezeichnet. Der Titel kündigt den Schlüsselbegriff Suskinds an: «Confidence Men» sind Betrüger, die das Vertrauen («confidence») ihrer Opfer ausnutzen. Als derartige Schurken betrachtet der Autor die Wall-Street-Grössen, die das amerikanische Finanzsystem 2007/08 an den Rand des Abgrunds gebracht haben. Dieses betrogene Vertrauen wiederherzustellen war das grosse Versprechen Obamas im Wahlkampf. Aber wie er Suskind im Februar 2011 erklärte, fehlte ihm nach seinem Amtsantritt «eine klare philosophische Grundlage» für die politische Umsetzung dieses Versprechens. Dies dürfte die herbste Enttäuschung für Obamas Anhänger in «Confidence Men» darstellen. Deshalb haben ihn, so Obama weiter, auch Zweifel an seinen Entscheidungen beschlichen, die er den erfahrenen Beratern um ihn herum verheimlichen wollte. Dass er Experten wie den ehemaligen Notenbankchef Paul Volcker nach seinem Wahlsieg gegen ein Führungsteam um Summers, Geith­ner und Rahm Emanuel – als Stabschef – ausgetauscht hat, stellt Suskind ebenfalls als ein Vertrauensproblem dar: Obama wollte den Mangel an einem inneren Kompass durch die Berufung etablierter Figuren wettmachen. Doch im Gegensatz zum 80-jährigen Volcker waren Summers, Geith­ner und Emanuel dem wirtschaftspolitischen Status quo verhaftet.

Vertrauen verspielt

Wie Suskind schreibt, haben Wall-Street-Banker und seine eigenen Leute Obama rasch entweder ignoriert oder manipuliert. Die Entscheidungsschwäche des Präsidenten führte überdies zu Konfusion und endlosen Diskussionen, bei denen der brillante Rhetoriker Summers vor allem weibliche Kollegen marginalisiert und bis an den Rand der Verzweiflung getrieben hat. So liess der Hoffnungsträger Obama die historische Chance verstreichen, aus der Krise heraus rasch durchgreifende Reformen im Finanz- und Gesundheitswesen durchzusetzen. Und doch endet Suskind auf einer hoffnungsvollen Note: Nach dem Debakel der Demokraten bei den Kongresswahlen 2010 schien Obama endlich die Kraft zu finden, sein Amt auszufüllen. Aber das Vertrauen der meisten Wähler dürfte er da bereits verspielt haben.
 
Ron Suskind: «Confidence Men. Wall Street, Washington, and the Education of a President», Harper Collins, New York 2011.



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