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28. Oktober 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 43 Ausgabe: Nr. 43 » October 28, 2011

Ein unvergessenes Gedicht

Von Julian Voloj, October 28, 2011
Die Dame mit der Fackel in der Hand hiess Millionen von Immigranten, die mit dem Schiff nach New York kamen, willkommen. Die Freiheitsstatue, die das vielleicht bekannteste Wahrzeichen der USA ist, wird 125 Jahre alt – und mit ihr das Gedicht «The New Colossus» von Emma Lazarus.
125 JAHRE FREIHEITSTATUE Das Gedicht «The New Colossus» (kleines Bild) stammt von der Lyrikerin Emma Lazarus

Amerikaner assoziierten Lady Liberty, die am heutigen Freitag ihren 125. Geburtstag feiert, fast automatisch mit dem Sonett «The New Colossus», in dem es heisst: «Gebt mir eure Müden, eure Armen, eure geknechteten Massen, die sich danach sehnen, frei zu atmen». Die Zeilen der Dichterin Emma Lazarus sind so etwas wie das Nationalgedicht der USA und jedem Amerikaner wahrscheinlich so bekannt wie den Deutschen der Vers «Ich weiss nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin» aus Heinrich Heines «Loreley».
Lazarus verfasste das Sonett 1883 als Beitrag zu einer Kunstsammlung, die Geld für den Bau des Podests der Freiheitsstatue sammeln sollte. Obwohl die von Frédéric-Auguste Bartholdi geschaffene neoklassizistische Kolossalstatue ein Geschenk des französischen Volkes an die Vereinigten Staaten war, mussten die Amerikaner den Sockel für dieses Geschenk selbst finanzieren.



Jüdische Themen

Das Spendensammeln begann 1882. Emma Lazarus wurde gebeten, ein Originalwerk zu einer Versteigerung von Kunstwerken und Manuskripten beizutragen. Die 1849 in eine wohlhabende sephardische Familie geborene Dichterin veröffentlichte ihren ersten Gedichtband, als sie gerade 17 Jahre alt ,war und gewann damit Zutritt zur literarischen Elite Amerikas. Sie war eine der gefeiertesten amerikanischen Lyrikerinnen ihrer Zeit und zu ihren Mentoren gehörte unter anderem der damals sehr einflussreiche Philosoph Ralph Waldo Emerson. Lazarus lehnte die Anfrage zunächst mit der Begründung ab, sie könne kein Gedicht über eine Statue verfassen. Doch wie Esther Schor in ihrer Biografie von Emma Lazarus («Emma Lazarus», New York 2006) aufzeigt, fällt die Anfrage in die Zeit von Lazarus’ jüdischer Selbstfindung. Obwohl die Dichterin der ältesten jüdischen Gemeinde Amerikas, Shearith Israel, angehörte und ihre Familie seit der Kolo­nialzeit in der Stadt lebte und damit zu den ältesten jüdischen Familien Amerikas zählte, wuchs Lazarus privilegiert und weitgehend assimiliert auf.
Anfang der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts kam es zu Pogromwellen in Russland, und Lazarus, die in den USA keinen Antisemitismus erlebte, war schockiert von den Nachrichten über antisemitische Gewalt. Im Jahr 1882 kamen monatlich etwa 2000 russisch-jüdische Flüchtlinge nach New York. Lazarus engagierte sich für die im Jahr zuvor gegründete Hebrew Immigrant Aid Society und veröffentlichte Essays, die Antisemitismus anprangerten. Lazarus wurde, so Schor, die erste bekannte Amerikanerin, die sich öffentlich dafür einsetzte, einen jüdischen Staat in Palästina zu kreieren, mehr als zehn Jahre bevor Theodor Herzl den Begriff Zionismus prägte.
In ihrer Lyrik widmete sie sich zunehmend jüdischen Themen, etwa im 1882 erschienenen Zyklus «Songs of a Semite», und sie übersetzte zahlreiche jüdische Schriftsteller, darunter Heinrich Heine, den sie als Seelenverwandten empfand, zum ersten Mal ins Englische. Obwohl die privilegiert lebende, tief in Amerika verwurzelte sephardische Jüdin nur wenig mit den in Armut und Unterdrückung in Osteuropa aufgewachsenen, aschkenasischen Immigranten gemein hatte, halfen diese Lazarus, sich selbst als Jüdin und Amerikanerin zu definieren.

Das Land der Freiheit

Als Lazarus 1883 ihr Gedicht «The New Colossus» verfasste, hatte sie ohne Zweifel das Leid ihrer osteuropäischen Glaubensgenossen im Kopf. Das Sonett ist eine Hommage an das amerikanische Ideal als Land der Freiheit. Am 28. Oktober 1886 wurde die Freiheitsstatue, die offiziell «Liberty Enlightening the World» heisst, im New Yorker Hafen eingeweiht und Lazarus’ Gedicht verlesen. Im folgenden Jahr starb die Dichterin. Ihr Gedicht wurde 1903 auf einer Bronzetafel am Podest der Freiheitsstatue angebracht.
Auch wenn «The New Colossus» ein amerikanisches Gedicht ist, so hat es für jüdische Amerikaner eine besondere Bedeutung. Viele haben es zur Tradition gemacht, das Gedicht am Pessach-Seder zu lesen, erinnert es doch daran, dass Juden während des Massenexodus aus Osteuropa Unterdrückung entflohen und ins Land der Freiheit kamen. Der 125. Geburtstag der Statue, die 1984 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde, sollte daher auch dazu genutzt werden, die erste grosse jüdisch-amerikanische Schriftstellerin neu zu entdecken.    


Nextbook hat anlässlich des 125. Geburts­tages der Freiheitsstatue eine interaktive kommentierte Version des Gedichts «The New Colossus» ins Netz gestellt: http://nextbook press.com/new-colossus.



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