Sohn seiner Eltern
Bittere Pille. Nach über fünf Jahren im Hamas-Verliess, ohne unvermummte Menschen, geschweige denn Vertreter des Roten Kreuzes zu Gesicht bekommen zu haben, ist Gilad Shalit wieder zu Hause im Elternhaus in Galiläa. Der Jubel der praktisch ganzen Nation ist verständlich. An der bitteren Pille – der Freilassung von über 1000 Terroristen, unter ihnen Dutzende skrupellose Massenmörder – wird Israel noch lange zu kauen haben.
Penible Vermarktung. Um die Erkenntnis einer weiteren, fast ebenso bitteren Pille, drücken sich noch die meisten Israeli, angefangen beim Staatspräsidenten Shimon Peres, der am liebsten wieder von einem «neuen Nahen Osten» träumen würde, bis hin zum Strassenkehrer, der den Staub der Shalit-Festivitäten wegwischt, weil er dafür bezahlt wird, oder zum Taxichauffeur, der sowieso schon vor allen anderen gewusst haben will, wann und wo Shalit freigelassen wird. Diese bittere Pille betrifft die ans Peinliche grenzende Vermarktung des Soldaten. Da tauchten doch tatsächlich T-Shirts auf, die seine Rückkehr feiern. Es macht den Anschein, jeder israelische Politiker wolle sich ein möglichst fettes Stück vom «Shalit-Kuchen» abschneiden. Wenn es wieder Wahlen gibt, verschafft eine den Politiker bei einer der zahllosen Aktivitäten im Zuge der Befreiung Shalits zeigende Fotografie vielleicht zusätzliche Stimmen. Und dann erst die seit 25. Juni 2006 wie Pilze nach dem Regen aus dem Boden emporgeschossenen Shalit-Hilfsorganisationen! Während Jahren haben sie mitgeholfen, der betroffenen Familie den Gang vom versteckten Dorf in Galiläa in das für sie ungewohnte Scheinwerferlicht in der Öffentlichkeit zu erleichtern und das Bewusstsein in aller Welt für Gilad Shalits Schicksal zu wecken. Nicht zu vergessen jüdische Verbände, Gruppen und Gesellschaften in der Diaspora, die nach der Freilassung alle offiziellen israelischen Adressen, deren sie habhaft werden konnten, mit Botschaften und Communiqués überschwemmten. Letzten Endes ging es den Absendern dabei vor allem um eines: Um die Suche nach der Existenzberechtigung, die sich im jüdischen Diaspora-Alltag oft nur sehr schwer finden lässt.
Zusammenpacken. Jetzt aber ist für diese Organisationen der Tag gekommen, vor dem sie sich fast so gefürchtet haben, wie vor einem Terroranschlag: der Tag des Zusammenpackens, des Abtretens von der öffentlichen Bühne und des Zurücktretens in die Anonymität, zumindest was Gilad Shalit betrifft. Denn für das, was jetzt auf ihn wartet – die psychologische, medizinische und sonstige Rehabilitierung –, gibt es im zivilen wie im militärischen Bereich kompetente professionelle Stellen. Fast 1400 Tage lang war Gilad «unser aller Kind», doch jetzt muss er wieder der Sohn seiner Eltern und der Freund seiner Freunde werden, wollen wir ihm bei der Rückkehr in die Gesellschaft wirklich helfen.
Vorschlag. Sollten Shalit-Hilfsorganisationen das Loch im Terminkalender nicht füllen können, das der Wegfall ihres bisherigen Hauptobjekts aufgerissen hat, hier ein Vorschlag: Die Organisationen könnten doch mit der gleichen Energie, mit der sie sich für Gilad Shalit eingesetzt habt, die Gunst der Stunde nutzen und im Sinne der israelischen Regierung eine Annäherung an die Hamas zu suchen, ohne dabei die Sicherheit Israels und seiner Einwohner zu riskieren. Erstes Ziel wäre die Schaffung eines Modus Vivendi, ohne dass man sich deswegen um den Hals fallen müsste, aber auch ohne den abgrundtiefen Hass, der bis heute von beiden Seiten gepredigt und praktiziert wird.


