«Gilad Shalit ist nach Hause zurückgekehrt»
Die Mehrheit der Israeli war überzeugt davon, dass bei dem logistisch äusserst komplizierten Austausch gar nichts schiefgehen konnte und dass der inzwischen 25 Jahre alte Gilad Shalit nach über fünfjähriger Gefangenschaft in der Gewalt der Hamas zu seiner Familie in das 140-Familien-Dorf Mizpe Hila in Galiläa zurückkehren würde. Am Dienstag, kurz nach 11 Uhr, wurde aus der bangenden Hoffnung unverrückbare Realität.
Freude und Stolz
Der Optimismus wurde auch in den im Vorfeld von Shalits Heimkehr veröffentlichten Umfragen deutlich. Laut «Yediot Achronot» etwa befürworteten 79 Prozent der Israeli den Austausch von Shalit gegen 1027 verurteilte palästinensische Terroristen, von denen Dutzende für ihre Verbrechen eine ein- oder mehrfache lebenslange Haftstrafe in israelischen Gefängnissen hätten verbüssen müssen. Nur 14 Prozent der befragten Israeli widersetzten sich dem Deal.
Bemerkenswert ist, dass 86 Prozent der Frauen das Abkommen absegneten und nur gerade fünf Prozent dagegen waren. Abgesehen davon, dass das weibliche Geschlecht erfahrungsgemäss emotionaler reagiert als das männliche, dürfte die befragten Frauen im konkreten Fall der unablässige, aber trotzdem stets würdige Kampf von Aviva Shalit um die Freilassung ihres Sohns beeinflusst haben.
76 Prozent der von «Yediot Achronot» Interviewten schliesslich empfanden angesichts der bevorstehenden Heimkehr Shalits «Freude», «Erregung» oder «Stolz», und nur 22 Prozent gaben zu Protokoll, dass bei ihnen Gefühle wie «Sorge», «Zorn» oder «Demütigung» dominierten. Nicht sonderlich gut steht Premier Binyamin Netanyahu gemäss dieser Umfrage da, attestieren ihm doch nur 43 Prozent der Befragten ein «Verhalten wie ein Staatsmann», während 49 Prozent der Israeli eher denken, der Regierungschef habe vor der öffentlichen Meinung kapituliert. Ausgewogen sodann verteilten sich die Antworten auf die Frage, ob die Freilassung von so vielen Terroristen die Sicherheit der Bürger Israels beeinträchtigen würde: Die Hälfte der Interviewten teilt diese Befürchtung, während 48 Prozent auf die israelischen Sicherheitskräfte vertrauen. Gemäss einer Erhebung des israelischen TV-Kanals 10 sind je 35 Prozent der Israeli der Meinung, Netanyahu habe dem öffentlichen Druck nachgegeben oder habe einfach nach Wegen gesucht, die Position von Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas zu schwächen; er habe sich bei ihm revanchieren wollen für Abbas’ ausgesprochen antiisraelischen Auftritt vor der Uno. Nur gerade 22 Prozent der Interviewten gestehen Netanyahu zu, ausschliesslich im Interesse des Staates Israel gehandelt zu haben.
Verbrecher auf freiem Fuss
Trotz der klaren Befürwortung des Shalit-Deals durch das israelische Volk darf nicht übersehen werden, dass die Freilassung des Soldaten untrennbar verknüpft ist mit der Entlassung von überwiegend grausamen und hasserfüllten Menschen, die entweder persönlich das Leben von Hunderten von Israeli auf dem Gewissen haben oder die massgeblich an der Organisation und Vorbereitung von Gewaltakten beteiligt waren. Ausgehend vom Erfahrungswert, wonach rund 60 Prozent der im Rahmen von Austauschaktionen freigelassenen Terroristen wieder zur Gewalt zurückkehren, kann man sich vorstellen, dass den israelischen Sicherheitskräften und Politikern in den kommenden Monaten und Jahren schwierige Aufgaben bevorstehen. Die Lageeinschätzung von Experten wie Yoram Cohen, dem Chef des Inland-Geheimdienstes Shabak, wonach das Risiko kalkulier- und tragbar sei, wird sich in der Wirklichkeit erst noch zeigen müssen.
In den Tagen vor der Austauschaktion veröffentlichten die israelischen Medien Berichte über die freizulassenden Palästinenser und deren Verbrechen. So kommt der Terrorist, der vor einigen Jahren in der Westbankstadt Ramallah im Rahmen einer Massen-Lynchaktion an der Ermordung von zwei vom richtigen Weg abgekommenen Soldaten der israelischen Steitkräfte (IDF) beteiligt war, ebenso frei wie Ahlam Tamimi, die Terroristin, die im «Nebenberuf» als TV-Journalistin tätig war. Vor gut zehn Jahren hatte sie den Selbstmörder zur Pizzeria Sbarro in Jerusalem gefahren, wo der Mann sich in die Luft jagte und dabei 16 Israeli mit in den Tod riss und 130 weitere Personen verletzte. Die zu einer 16-fachen lebenslangen Haftstrafe verurteilte Tamimi sass kurz vor ihrer Freilassung im Rahmen des Deals einem israelischen Reporter gegenüber, ohne auch nur das geringste Gefühl der Reue zu zeigen, im Gegenteil. Auf die Frage des Journalisten, wie viele Kinder bei dem Sprengstoffanschlag in der Pizzeria ums Leben gekommen seien, zuckte sie mit der Schulter und meinte leichtfertig: «Vielleicht drei.» Als der Reporter ihr enthüllte, dass acht Kinder umgekommen seien, setzte Tamimi für einen Augenblick ihr engelhaftes Lächeln auf und sagte: «Acht? Na ja, dann eben acht.» Die inzwischen 31-jährige Frau hat am Dienstag israelisches Gebiet verlassen und befindet sich auf dem Weg nach Amman, wo sie einen Cousin ehelichen soll.
Drei der Kinder waren die Geschwister von Shvuel Schijveschuurder, der bei dem Anschlag vom August 2001 auch seine Eltern verlor. Der junge Mann gehörte zu den Demonstranten, die heftigst gegen die Austauschaktion protestierten. Nicht nur beschmierte er das Rabin-Denkmal in Tel Aviv, er attackierte auch Gilads Vater Noam verbal besonders scharf am Montag vor der Sitzung des Obersten Gerichtshofs in Jerusalem, an der über vier Eingaben gegen die Freilassung der Terroristen verhandelt wurde. Das Gericht wies die Eingaben erwartungsgemäss zurück, und nun wird sich zeigen müssen, ob die Familie Schijveschuurder tatsächlich, wie sie es angekündigt hat, Israel verlassen wird.
Eine kurze Ruhepause
Seit Bekanntgabe des Zustandekommens des Abkommens zwischen Israel und der Hamas war es paradiesisch ruhig in der Grenzregion zum Gazastreifen. Kein einziges von palästinensischer Seite abgefeuertes Geschoss landete auf der israelischen Seite. Ein Beweis dafür, dass die Hamas durchaus in der Lage ist, Ruhe in dem von ihr kontrollierten Gebiet zu bewahren – wenn es ihren Interessen entspricht.
Was die Interessen der Hamas betrifft, äusserte Scheich Hassan Youssef, der inoffizielle Hamas-Führer in der Westbank, warnend, dass die Bewegung motiviert bleibt, IDF-Soldaten zu entführen, solange noch auch nur ein Palästinenser in israelischen Gefängnissen sitzt. Youssef, der selber lange in einem israelischen Gefängnis sass, gilt als «gemässigt». Er geniesst auch den Respekt der Fatah von Präsident Abbas. Über eine Annäherung zwischen Israel und Palästinensern im Zuge des Gefangenenaustauschs liess er sich aber nicht aus. Der Hamas-Prominente Mahmoud Zahar, der aktiv an den Verhandlungen über das Abkommen teilgenommen hat, meinte, seiner Meinung nach müsste Israel jetzt die Blockade des Gazastreifens aufheben, da es für diese Massnahme nach Shalits Freilassung keine «Ausrede» mehr gebe. Laut Zahar habe Israel im Zuge der Verhandlungen eine Zusage in diesem Sinne gemacht. Die Aufhebung der bereits wesentlich gelockerten Blockade würde, so Zahar, die Spannungen zwischen Israel und der Hamas merklich abbauen. Gleiches gelte für die Wiedereinführung der im Gazastreifen wohnhaften Familienmitglieder von Gefangenen in israelischen Gefängnissen. Diese Visiten hat Israel 2006 nach Shalits Entführung suspendiert. Abzuwarten bleibt, ob die Ruhe am Gazastreifen anhält oder ob man zur Atmosphäre des Kleinkriegs zurückkehrt, sobald die Wiedersehensfeiern auf beiden Seiten zu Ende sind.
Befürchtungen in dieser Richtung sind in Israel weder zu übersehen noch zu überhören. Wahrscheinlich gefestigt aus der Situation hervorgehen dürften die Beziehungen zwischen Kairo und Jerusalem. Die Vermittlungen der Ägypter sind in Israel bereits überschwänglich gelobt worden, und deren Wichtigkeit kann angesichts der politischen Bewegungen am Nil trotz des läppischen Gefälligkeitsinterviews, zu dem das ägyptische Fernsehen Gilad Shalit noch vor dessen Überstellung an die Israeli genötigt hat, gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.


