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20. Oktober 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 42 Ausgabe: Nr. 42 » October 20, 2011

Delikates Gleichgewicht

Von Aaron Burke, October 19, 2011
Howard Jacobson, dessen Buch «Die Finkler-Frage» im Jahr 2010 mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet wurde, spricht mit tachles über literarischen Erfolg, jüdische Identität und satirischen Stil.
HOWARD JACOBSON «Zionist war ich nie, aber dieser ganze Blödsinn mit der sogenannten Apartheid-Politik von Israel regt mich auf»

Hinter Londons emsigen Geschäftsstrassen versteckt, liegt der Groucho Club, stilvoll und exklusiv eingerichtet und nach dem amerikanisch-jüdischen Komiker Groucho Marx benannt, der das öde Alltagsleben der Generation der fünfziger Jahre mit seinen schlagfertigen Antworten aufzuheitern wusste. Hier traf sich der Autor Howard Jacobson mit tachles zu einem Gespräch, um über seinen jüngsten literarischen Erfolg zu sprechen und über seine bevorstehende Lesereise in die Schweiz.
Der Club ist auch Treffpunkt einiger der Protagonisten in Howard Jacobsons Roman «Die Finkler-Frage», der letztes Jahr mit dem Man Booker Prize, dem wichtigsten britischen Literaturpreis, ausgezeichnet wurde. Im Roman geht es um drei Freunde und um ihre Beziehungen zueinander, zu ihren Geliebten und zum Judentum, oder, genauer, zu ihren individuellen Auffassungen, was Jüdischsein für jeden einzelnen von ihnen bedeutet. Samuel Finkler, populistischer Philosoph und Schriftsteller, ist aber auch Mitglied einer anderen Gemeinschaft, einer Gruppe, die sich den Namen ASHamed Jews zugelegt hat, um im gemütlichen Groucho Club als «ASCHandejiddn» bei einer Tasse Kaffee über dies oder jenes zu plaudern. Beliebtes und zentrales Thema ist aber die Regierung Israels, ihre Politik und die zionistische Bewegung schlechthin.



Auch für den deutschen Sprachraum?

«Ich dachte, das wäre ganz lustig», antwortet Jacobson kurz und bündig auf die Frage, warum er das Interview gerade hier, im Groucho Club, führen wollte. Seine Antwort deutet auch an, wie Jacobson in seinem eigenen Berufsleben mit der antiisraelischen Propaganda seiner Zeitgenossen umgeht, Berufskollegen, die sich in ihren vornehmen «Members only»-Clubs die Zeit vertreiben und sich dort gut aufgehoben fühlen, da sie ja «unter sich» sind. Dies sind Professoren und Journalisten mit denen Jacobson Zeitungsspalten teilt, wenn Israel zur Debatte steht, wobei wir auf Jacobsons eigene Einstellung gegenüber Israel weiter unten zurückkommen.
Es stellt sich die Frage, ob Leser im deutschen Sprachraum von der «Finkler-Frage» ebenso begeistert sein werden wie die vielen Hunderttausenden von Lesern in England und Amerika. Ist der etwas herbe Humor und Jacobsons satirischer Stil für ein deutsches Publikum, das sich vielleicht nicht so rasch mit einem Humor anfreunden kann, der Sex mit einer Holocaust-Leugnerin aus rein «ehrenwerten Motiven» witzig findet, zu viel? Werden die hiesigen Leser schmunzeln, wenn Finkler bei einer an ihn gestellte Frage, die sich ausschliesslich auf Israel bezieht, stracks mit dem Holocaust aufwartet? «... Nicht schon wieder», sagte Finkler meist, wenn die Rede auf Israel kam. «Holocaust, Holocaust.» An manchen Stellen ist die deutsche Übersetzung von Jacobsons Roman fast schockierender als das englische Original.

«Tapferer Humor»

Auf die Frage, was er zur deutschen Übersetzung von «ASHamed Jews» als «ASCHandejiddn» meint, da der Begriff eine deutlich negative Konnotation hat und eher an die Zeitungssprache der Nazis erinnert, sagt Jacobson: «Das wusste ich gar nicht! Da bin ich aber gar nicht unzufrieden, da diese Leute – unser Finkler zum Beispiel – sich ja so beflissen von den sogenannten Jiddn abheben wollen.»
Jacobson sagt, er sei recht neugierig darauf, wie das russische, das französische aber vor allem das deutsche Publikum sein Buch aufnehmen werde. Gerade im deutschen Sprachraum, wo nach Umfragen rund 90 Prozent der Bevölkerung Judentum oder Juden mit Schuldgefühlen gleichsetzen, oder dann mit stereotypen Israeli, die Mauern bauen, oder mit orthodoxen Juden, die Steine werfen, dürften Jacobsons Protagonisten einerseits unbequeme Fragen aufwerfen, andererseits könnten sie tiefsitzende Vorurteile bestätigen. Was Jacobson mittels seiner tragigkomischen und oft nicht immer sympathisch erscheinenden Figuren also versuchen will, ist, den Leser dazu aufzufordern, zu einem eigenen, differenzierten Bild zu gelangen. «Die Finkler-Frage» befasst sich weder bloss mit einem einzigen Thema, noch ist das Buch lediglich ein sogenannter unterhaltsamer Gegenwartsroman. Ein gesundes Mass an Selbstverachtung und ein makabrer Humor, der auch Themen wie Verfolgung und Tod anpackt sei, so Jacobson, ein «tapferer» Humor, vor allem einer, für den amerikanische Juden bekannt sind. Das Buch wuchs aus einem von ihm tief empfundenem Zorn heraus, meint Jacobson, aus seiner «allmählichen Befürchtung», jemand nahestehenden zu verlieren. Das Buch wiederspiegelt für Jacobson das Vergängliche am Leben und wirft die damit zusammenhängende Frage auf, wie jemand Menschen lieben kann: sowohl die nahestehenden Menschen wie Familie und Freunde als auch andere Menschen innerhalb der eigenen Gemeinschaft.

Keine politische Funktion

Zweifellos gelingt es Jacobson im Roman, die verschiedenen von Verlust, Loyalität und Pathos gezeichneten Gefühlsschichten zu erforschen, Themen, mit denen sich Jacobson erst nach dem Tod seines Vaters vor 15 Jahren gründlich auseinandersetzen konnte. Während er «Die Finkler-Frage» schrieb, starben auch einige seiner Freunde, denen Jacobson dieses Buch gewidmet hat. Der Roman sei nicht unbedingt autobiografisch, obwohl er sich selbstverständlich auf Erlebtes und auf Erfahrungen in seinem eigenen Leben beziehe. Die Figur Libors, beispielsweise, beruhe auf einem nahestehenden, älteren Freund, mit dem Jacobson sich regelmässig zu einem Salt-Beef-Sandwich zu Mittag traf. «Er redete damals gerne über Kummer und Gram, als wäre er bloss 40 Jahre alt; das faszinierte mich», sagt Jacobson. «Auch die Sentimentalität von Treslove wiederspiegelt meine eigene Sentimentalität. Und so wie Treslove besitze auch ich eine Art Mimi-Komplex.» Mimi ist die sterbende Heldin in «La Boheme».
Jacobson behauptet gleichzeitig, dass ein Künstler keine politische Funktion haben soll («politische Romane sind mir ein Greuel») und nicht einmal den Versuch wagen dürfe, jemandem anderen die eigene Ideologie aufzudrücken. Aber es ist nicht schwer, hinter den Aussprüchen von Treslove, der die Juden so bewundert, den Autoren Howard Jacobson zu entdecken. Jacobson steckt auch hinter dem jüdischen Akademiker Finkler und hinter den tiefsinnigen Überlegungen des Salt-Beef essenden Libor. Unschwer ist auch Jacobsons persönliche Meinung über hypokritische und arrogante jüdische Selbstkritiker herauszuspühren, Leute wie die von Jacobson subtil satirisierten ASHamed Jews, die im Groucho Club über Israel herziehen.
Von Israel-Kritikern gefürchtet
Und wie steht es um die jüdische Identität Jacobsons? «In vielen Beziehungen bin ich eigentlich überhaupt nicht jüdisch. Doch was solls? Wieso sollte ich mich ganz davon lossagen?» Obwohl einige jiddische Ausdrücke sich in Jacbosons Kinderstube und auch in das Buch eingeschlichen haben, waren die Jacobsons eine vollkomen «säkuläre» Familie die im nördlichen Manchester lebte. Jacobsons Vater arbeitete an einem Marktstand und hatte sein Leben lang nie ein Buch gelesen (Jacobson studierte und lehrte an der Universität in Cambridge). Seine Jugend war vollkommen areligiös, auf eine Art, die Jacobson wirklich passte und die ihm auch heute noch liege, erzählte er einmal, und die ihm fehle, denn Juden wären unlängst wieder religiöser geworden. Damals wäre es einfach so gewesen, sagte er, dass wir uns einfach als Juden empfanden und uns dessen voll bewusst waren. Da hiess es: «An wichtigen Tagen gehen wir in die Synagoge, die Knaben feiern Bar Mizwa und gerne hätten wirs auch bitteschön, wenn du jüdisch heiratest.» Auf die Frage, wie es um seine Beziehung zu Israel stehe, antwortet der Schriftsteller: «Zionist war ich nie, aber dieser ganze Blödsinn mit der sogenannten Apartheid-Politik von Israel regt mich auf. Es ist eine falsche Zeitungssprache, die poetisch tönen möchte und eine aufwiegelnde Rethorik besitzt – es ist leicht, einfach nachzuäffen was Mode ist. Diese Menschen ballen sich zu einer riesigen Masse sturer Leute zusammen.»

Wir sind alle Antisemiten

Die jüdische Welt solle jederman zugänglich gemacht werden, meint Jacobson. Warum aber ist die Finkler- Frage so erfolgreich und was fasziniert den Autoren an der jüdischen Welt? «Ich glaube, das ist weil wir Juden sowohl das Intellektuelle als auch das Spiessbürgerische gleichzeitig zu bewältigen wissen. Wir sind ja ein eigentümliches Volk. Da fällt mir gerade ein Schabbat-Abendessen ein, wo wir bei einem Rabbiner eingeladen waren. Alles wurde korrekt und mit Andacht ausgeführt: Kerzen wurden gezündet, die Hände wurden fromm vor die Augen gehalten, alles genau nach Vorschrift – und dann, sobald das letzte Gebetwort gefallen war, wendete sich der Rabbiner an mich und frägt: ‹Nu, Jacobson, was halten Sie von Chitty Chitty Bang Bang› (Anm. der Redaktion: leichtes Kinder-Musical). Da blieb mir die Spucke weg – so ein Banause, dachte ich. Da bin ich doch wirklich fast jüdischer», erzählt der Autor und weiter: «An Gott glauben soll ein intellektuelles Unterfangen sein und Juden sollen ein Volk des Buches sein, sagte Freud. Heute wissen die Leute einfach nicht, ob sie ein intellektuelles Leben wählen wollen, oder ob sie es verwerfen und sich der physischen Existenz verschreiben sollen.» Und dies sei auch die Ambivalenz, die so viele Juden gegenüber dem Judentum empfinden. «Das Thema Judentum beschäftigt viele Menschen. Und viele unter ihnen können es nicht lassen, Juden zu hassen», was übrigens das Thema in seinem nächsten Buch sei.
«Tu nicht so erstaunt», sagt Libor zu Treslove in der «Finkler-Frage». «Du bist nicht alleine. Wir sind alle Antisemiten. Wir haben da gar keine Wahl. Du, ich, wir alle.» Jacobson verschreibt sich dieser Paranoia nicht, doch ist es genau diese komische Mischung von jüdischer Selbst-Obsession und Selbst-Kritik, die den dunklen Humor in der «Finkler-Frage» definieren und im Buch so ausgezeichnet ausgewogen sind.    



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