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13. Oktober 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 41 Ausgabe: Nr. 41 » October 13, 2011

Papier-Israeli

Editorial von Jacques Ungar, October 12, 2011

Slogans. «Tod den Arabern», «Keine arabischen Fussballer für Maccabi Haifa» (ein Fussballclub mit zahlreichen arabischen, christlichen und drusischen Spielern), «Rabbi Kahane hatte Recht», «Tod den Russen». So und ähnlich lasen sich dieser Tage die Slogans, die an Hauswänden in Yafo und Bat Yam, aber auch an anderen Orten in Israel auftauchten. Hinzu kommt ein Molotowcocktail gegen die Synagoge Meir Baal Haness, ebenfalls in Yafo (vgl. S. 12).
Extremszene. Den Anfang der jüngsten Runde jüdisch-arabischer Spannungen und Anfeindungen machte der Brandanschlag auf eine Moschee im Dorf Tuba Zangaria in Nordisrael. Im Anschluss an dieses Verbrechen wurden zwei Jugendliche aus der Extremszene der Siedler verhaftet. Die Vermutung verstärkte sich, dass der Brandanschlag auf die Moschee das Werk jener Kreise war, die sich gemäss einer sogenannten Preisliste an palästinensisch-arabischem Eigentum vergehen: Für jeden Terrorakt gegen jüdische Menschen und Interessen verüben die das Gesetz in die eigene Hand nehmenden Extremisten einen Gegenschlag. Dabei werden bei der Auswahl der Zielobjekte bewusst und mit Vorbedacht keine Unterschiede gemacht zwischen Israel-Arabern und palästinensischen Einwohnern der Gebiete.



Tiefe Wurzeln. Es kann nicht genug hervorgehoben werden, dass es sich beim genannten Anfang nur um den Beginn der jüngsten Konfrontationsrunde handelt. Wer nach dem eigentlichen Anfang der jüdisch-arabischen Animositäten sucht, der muss schon bis in die Gründerjahre des Staates Israel zurückblicken. Das Problem sind nämlich weder antiarabische Hetzschriften auf Grabsteinen in Yafo oder Hassparolen grölender antiarabischer Fussballfans. Dass echte Problem liegt in der im Alltagsleben stattfindenden diskriminierenden Behandlung der arabischen Minderheit durch die jüdische Mehrheit. Und das seit über 60 Jahren, seitdem der sich jüdisch gebende Staat existiert. Jüdisch ist eben nicht nur ein genetisch-historisches Erbe, sondern mehr noch eine moralische und menschliche Verpflichtung, die der von Verfolgten und Unterdrückten gegründete Staat in seiner Unabhängigkeitserklärung von 1948 festgehalten hat. Die Praxis sieht aber um einiges betrüblicher aus. Ungeachtet aller anders lautenden offiziellen Beteuerungen behandeln nämlich seit Langem schon Staat und Medien in Israel die Araber in den eigenen Grenzen als potenzielle Feinde. Unzweideutig kritische Bemerkungen von Premier Binyamin Netanyahu und Präsident Shimon Peres nach den jüngsten rassistischen Attacken werden, kaum ausgesprochen, als verbale Pflichtübungen in staubbedeckten Archiven abgelegt.

Realitätsfremd. Mit Arroganz und realitätsfremder Selbstsicherheit hat es Israel während Jahrzehnten versäumt, den zeitlichen Vorsprung zu nutzen und arabischen Mitbürgern den Weg vom «Papier-Israeli» zum politisch überzeugten «Mit-Israeli» zu ebnen. Ungenutzt gingen Jahre vorbei, in denen die heutigen Verfechter eines Palästinenserstaates von ihrem Baby noch nicht einmal zu träumen wagten. Mit leeren Versprechungen, auf geduldigem Papier verblassenden Sonderbudgets und einzelnen Vorzeigeprojekten zur Bekämpfung der Diskriminierung der Israel-Araber ist es aber nicht getan. Das zeigt sich heute in krasser Deutlichkeit dann, wenn bei Demonstrationen im israelischen Kernland gegen besagten Brandanschlag auf eine Moschee in Israel die Palästina-Flagge dominiert, die blau-weisse Israel-Fahne hingegen kaum zu sehen ist. 



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