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13. Oktober 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 41 Ausgabe: Nr. 41 » October 13, 2011

Formale Klarheit als oberstes Gebot

Von Walter Labhart, October 12, 2011
Die von der Museumsdirektorin Dorothea Strauss kuratierte Jubiläumsausstellung im Haus Konstruktiv in Zürich hebt die Bedeutung der führenden vier «Zürcher Konkreten» Verena Loewensberg, Max Bill, Camille Graeser und Richard Paul Lohse für die abstrakt-konkrete Kunst mit gewichtigen Werkgruppen hervor.
OHNE TITEL Zwei Werke von Verena Loewensberg

Sein 25-jähriges Bestehen feiert das Haus Konstruktiv mit einem imposanten Multipack. Im Zentrum der auf vier Stockwerke verteilten Ausstellungen steht die Kerngruppe der «Zürcher Konkreten», bestehend aus den oben genannten Hauptvertretern der ungegenständlichen, geometrischen Kunst in der Schweiz. Die Bezeichnung «Die phantastischen Vier» trifft zwar nur bedingt zu, fehlt ihrer streng logischen, ausschliesslich aus geometrischen Formen gebildeten Malerei doch jenes Element des Phantastischen, welches innerhalb der Schweizer Kunst etwa die Surrealisten oder die Basler Gruppe 33 auszeichnet. Als phantastisch könnte man immerhin die besondere Stellung der «Zürcher Konkreten» in der Kunstgeschichte bezeichnen. Die Wirkung der vom typisch zürcherisch-puritanischen Geist und der Zwingli-Tradition geprägten Kunst von Verena Loewensberg (1912–1986), Max Bill (1908–1994), Camille Graeser (1892–1980) und Richard Paul Lohse (1902–1988) ist im Schaffen jüngerer Generationen abzulesen.



Zürcher Einflüsse

Dorothea Strauss stellt daher den Werken der Zürcher Kerngruppe formal verwandte Arbeiten der Zeitgenossen Saâdane Afif, Daniele Buetti, Bruno Jakob, Jonathan Monk, Kilian Rüthemann und Shirana Shahbazi zur Seite. Zwei weitere Ausstellungen sind Hans Hinterreiter und Fritz Glarner gewidmet, frühen Pionieren der Schweizer konkreten Kunst. Glarners berühmter, aus Ölbildern zusammengesetzter «Rockefeller Dining Room» (1964) für Nelson A. Rockefeller und seine Frau, zählt zu den Glanzlichtern des Hauses Konstruktiv.
Wie befruchtend sich die Wahrnehmungsschärfung und die auf antihierarchischer Weltsicht basierende Demokratisierung der «Zürcher Konkreten» auf
jüngere Künstler ausgewirkt hat, lässt der stattliche Sammlungskatalog (Verlag Hatje Cantz) mit Beiträgen von Dorothea Strauss und Margit Weinberg-Staber erkennen.
Aus dem von Karl-Heinz Adler bis zu Franziska Zumbach reichenden Sammlungsverzeichnis, das mehr als 220 Namen von konkreten und konzeptuellen Künstlern nennt, ragen erstaunlich wenige jüdische Künstler hervor, etwa Harry Fränkel, Joanne Greenbaum, Verena Loewensberg, Charlotte Posenenske, Daniel Spoerri und Lawrence Weiner.

Mathematik und Lyrik

Von zentraler Bedeutung für die Entwicklung der Zürcher Konkreten war das Schaffen der in Zürich geborenen  Malerin Verena Loewensberg. Nachdem sie sich an der Gewerbeschule Schule Basel und beim Kubisten Auguste Herbin an der Académie Moderne in Paris ausgebildet hatte, begann sie 1936 konkret zu malen. Ihre grössten Anregungen empfing sie von Mondrian, Bill und Vantongerloo. Als Mitbegründerin der Gruppe Allianz stellte sie bei jener «Vereinigung moderner Schweizer Künstler», welche neben konstruktivistischen und konkreten Malern auch Surrealisten einschloss, seit 1942 regelmässig aus. Ihre erste grosse Einzelausstellung im Haus Konstruktiv fand 2006 statt und stand unter dem Motto «Unendliche Folgen».
Knüpfte Verena Loe­wensberg in ihrem ungegenständlichen Frühwerk mit schwebenden Formen an den russischen Konstruktivismus an, so konzentrierte sie sich nach 1940 mehr und mehr auf fest verankerte geometrische Grundformen. Späteren Serien von farbigen Quadraten, Rechtecken oder Kreisen legte sie mathematische Reihen zugrunde, erzielte aber dank intuitiver Farbwahl, die eine gewisse Süssigkeit zulässt, eine zauberhaft lyrische Wirkung. Von ihren Kollegen Bill, Graeser und Lohse unterscheidet sie sich durch grössere Phantasie und Freiheit sowohl im Formalen als auch im Farblichen. Selbst wenn sie Bildflächen mit spitzen Keilformen trennt oder einen quadratischen, warmtönigen Kern mit schwarzen Balken tangiert, verströmt Verena Loewensberg eine zarte, nur ihr eigene Bildpoesie.   


«Die phantastischen Vier – Zürich konkret», bis 23. Oktober, Haus Konstruktiv, Selnau­strasse 25, Zürich.



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