Durch die Sklaverei entzweit
Wie für die Nation insgesamt stellt der Bürgerkrieg (1861–65) für die Juden in Amerika eine Wasserscheide dar. Juden dienten in den Armeen beider Seiten und unterstützten die Kriegsanstrengungen auf viele Art und Weise. Ihrer Heimat an der Seite christlicher Kameraden auf dem Schlachtfeld zu dienen, hat den Prozess der Akkulturation von Juden in die amerikanische Gesellschaft beschleunigt. Dies nicht allein im jüdischen Selbstverständnis, sondern auch in den Augen ihrer christlichen Mitbürger. Meist erst nach 1850 aus Deutschland eingewanderte Juden hatten zunächst an ihrer alten Identität festgehalten. Doch ihre Teilnahme am Krieg liess sie nicht nur zu Amerikanern werden – sondern zu Amerikanern, die einen festen Platz in der Gesellschaft hatten.
Um 1860 hatte die jüdische Bevölkerung in den USA die Zahlen 150 000 erreicht. Mehr als 100 000 Juden waren erst in den Jahren zuvor eingewandert. Sie hatten mindestens 160 Synagogengemeinden überall in den USA gegründet. New York wies davon mit 30 einen erheblichen Anteil auf, aber jüdische Gemeinden fanden sich auch in Städten wie Utica und Buffalo (New York), Springfield (Illinois) oder Savannah (Georgia).
Die Sklaverei hatte sich nach 1850 rasch zu einem Streitthema entwickelt, das einen Bruderkrieg zwischen den «freien» Nord- und den Sklaven-Staaten im Süden der USA unvermeidlich werden liess. Eine einheitliche jüdische Position zur Sklaverei gab es nicht. Aber die nach der gescheiterten Revolution 1848 eingewanderten deutschen Juden suchten in Amerika Religionsfreiheit und sympathisierten mit der neu gegründeten republikanischen Partei im Norden. In erster Linie um den eigenen Neubeginn besorgt, hielten sich diese Immigranten vor dem Krieg gleichwohl meist aus der täglichen Diskussion um die Sklaverei heraus. Wie die Historikerin Naomi Cohen erklärt hat, entschied letztlich «die Geografie, für welche Seite Juden in den Krieg zogen, für welche Verwundeten die Frauen Verbände wickelten und für welche Seite die Rabbiner Gottes Segen beschworen.»
Gleichzeitig war der Antisemitismus während des Bürgerkrieges so präsent wie zu jedem anderen Zeitpunkt der amerikanischen Geschichte. Die Lüge, dass Juden den Kampf scheuen und stattdessen Kriegsgewinne scheffeln, wurde von Zeitungen auf beiden Seiten des Konfliktes verbreitet und hielt sich auch noch danach. So sah sich der Anwalt Simon Wolf genötigt, eine umfassende Recherche über die Rolle der Juden im Bürgerkrieg anzustellen, die er 1895 unter dem Titel «The American Jew as Patriot, Soldier and Citizen» publizierte. Wolf, ein Unterstützer Lincolns und lange als Lobbyist jüdischer Anliegen in Washington tätig, schätzte die Zahl der Juden in der Südstaaten-Armee auf 1200. Heutige Forscher gehen von bis zu 3000 aus. Im Norden, wo die Mehrheit der amerikanischen Juden lebte, zogen dagegen etwa 6000 Juden ins Feld. Obwohl sich etwa in Chicago und Savannah bei Kriegsausbruch jüdische Freiwilligenregimenter formierten, schloss sich die überwältigende Mehrheit dieser Soldaten regulären Einheiten an.
Der Süden
Überall in den Südstaaten teilten die Juden das Gefühl der verletzten Ehre, das die gesamte Region erfasst hatte und eilten zur Fahne, um ihre Heimat zu verteidigen. Dabei ist bemerkenswert, dass Juden weder unter den Plantagenbesitzern, die den Grossteil der Sklaven besassen, noch im Sklavenhandel eine besondere Bedeutung einnahmen. Eine Ausnahme war der Anwalt und Grossgrundbesitzer Judah Benjamin, der als Vertrauter des Südstaaten-Präsidenten Jefferson Davis Verteidigungsminister und Aussenminister der Konföderierten wurde (vgl. Artikel S. 28). In Charleston schlossen sich 180 Juden den konföderierten Streitkräften an. Der prominente Kaufmann M. C. Mordechai liess seinen Postdampfer «Isabel» zu einem Blockadebrecher umrüsten, während der Finanzier Benjamin Mordechai die Wohlfahrtsinstitution Free Market of Charleston etablierte, die bald 600 Familien versorgen sollte. Der Architekt David Lopez baute derweil mit der «David» ein Torpedo-Boot, das 1863 das Unions-Schlachtschiff «New Ironsides» schwer beschädigte. Die Aktion gilt als erster gelungener Torpedo-Angriff der Kriegsgeschichte.
Der Bruderkrieg zerriss auch viele jüdische Familien. So blieb der Kaufmann und Finanzier Mayer Lehman in New York, während seine Brüder ihre Geschäfte in Alabama weiter betrieben. Der dortige Gouverneur vertraute der Familie derart, dass er Emanuel Lehman nach England entsandte, um Kriegskredite aufzunehmen. Härter traf der Konflikt die Familie Ochs in Chattanooga (Tennessee). Dort schloss sich Julius Ochs (der Vater von Adolph Ochs, der später die «New York Times» übernehmen sollte) der Unions-Armee an, während seine Frau Bertha leidenschaftlich für den Süden eintrat. Das Paar blieb dennoch zusammen. Julius liess sich jedoch mit dem Sternenbanner, Bertha dagegen mit der «Dixie-Fahne» auf dem Sarg beisetzen.
Etliche Juden taten sich auf dem Schlachtfeld hervor, darunter der kleingewachsene Max Frauenthal, den seine Kameraden als «Löwen im Kampf» rühmten. Simon Baruch, der Vater des Roosevelt-Vertrauten und Finanziers Bernard Baruch, machte sich als unermüdlicher Feldarzt einen Namen. Über die Landesgrenzen hinaus bekannt wurden dagegen die Schwestern Eugenia und Phoebe Levy aus einer vermögenden Kaufmannsfamilie in Charleston. Eugenia war bei Kriegsausbruch in Washington und unterstützte den Süden dort als Spionin. Später zog sie mit ihren neun Kindern nach New Orleans, das bereits Anfang 1862 unter nördliche Kontrolle fiel. Eugenia erwies sich den Besatzern gegenüber als so renitent, dass der befehlshabende General Benjamin Butler sie in ein fieberverseuchtes Kriegsgefangenenlager einwies. Dies trug Butler den Beinamen «The Beast», Eugenia jedoch die Bewunderung des gesamten Südens ein. Sie kam nach drei Monaten auf Intervention höchster Kreise in Washington frei. Ihre Schwester Phoebe Yates Pember brachte es jedoch von einer freiwilligen Krankenschwester zur Leiterin des gewaltigen Lazaretts Chimbarazo in Richmond (Virginia), der konföderierten Hauptstadt. Sie soll dort einmal ein Whiskeyfass für Verwundete mit der Pistole in der Hand gegen durstige Soldaten verteidigt haben.
Der Norden
Auch im Norden zeichneten sich jüdische Soldaten auf dem Feld aus. So wurde der in Prag geborene Sergeant Leopold Karpeles als erster mit dem hochrangigen Orden «Congressional Medal of Honor» ausgezeichnet. In der Unions-Armee brachten es mit Frederick Knefler und Edward Solomon auch zwei Juden bis zum Generalsrang. Dem Generalmajor Carl Schurz zufolge war Solomon bei der blutigen Schlacht von Gettysburg im Juli 1863 «der einzige Soldat, der bei der Kanonade der Konföderierten keine Deckung nahm. Er stand auf, rauchte seine Zigarre und sah den Kanonenkugeln entgegen.»
Eine bis heute unklare Rolle spielte indes Isachar Zacharie, Fussarzt und persönlicher Freund von Abraham Lincoln. In London geboren und ebenso charmant wie intelligent, hatte er Familie in Savannah (Georgia) und damit Beziehungen zu politischen Kreisen im Süden. Lincoln entsandte Zacharie 1862 nach New Orleans, um die dortige Stimmung auszukundschaften. Der Arzt entsandte dabei auch jüdische Händler als Spione in den freien Süden. Zacharie besprach sich zudem mit der Schwester von Judah Benjamin, was der Vorbereitung eines Geheimtreffens mit dem Minister in Richmond 1863 gedient haben könnte. Zacharie bot Benjamin anscheinend an, mit Unterstützung des Nordens eine Südstaaten-Armee unter Präsident Davis nach Mexiko zu entsenden, um das französische Expeditionsheer Napoleons III. von dort zu vertreiben. Davis hätte dann Präsident Mexikos werden sollen. Das fantastische Komplott wurde bekannt und fiel dem Spott der Öffentlichkeit anheim. Zacharie bestand jedoch bis an sein Lebensende darauf, den Mexiko-Plan mit Lincoln abgesprochen zu haben.
Anti-jüdische Anordnung
Mit der zunehmenden Dauer des Krieges stiegen die menschlichen und materiellen Verluste beider Seiten. Dies galt stärker für den von der nördlichen Blockade zu Land und See eingeschnürten Süden. Dort wurden jüdische Händler als Kriegsgewinnler verunglimpft. Es waren jedoch hochrangige Militärs im Norden, die sich zu der schärfsten anti-jüdischen Verordnung in der amerikanischen Geschichte hinreissen liessen. Dies trug sich im Dezember 1862 in Memphis zu. Hier hatten Unionstruppen Baumwoll-Ballen beschlagnahmt, die damals dank der unterbrochenen Handelswege enormen Wert besassen und eine grosse Zahl von Händlern anzogen. Die kommandierenden Generäle Ulysses S. Grant und William Sherman nahmen daran Anstoss. Sherman beklagte sich über «Schwärme von Juden und Spekulanten», die angeblich der Baumwolle wegen nach Memphis kamen. Grant erliess daraufhin seine «General Order No.11», die den Juden, welche «als Klasse jede vom Schatzamt erlassene Regel des Handels verletzen», befahl, den Staat Tennessee binnen 24 Stunden zu verlassen.
Die Anordnung sorgte für grosse Empörung nicht nur in jüdischen Kreisen. Der jüdische Kaufmann Cesar Kaskel aus Paducah in Kentucky machte sich daraufhin mit einer Delegation von Glaubensgenossen nach Cincinnati in Ohio auf, um sich mit Rabbiner Isaac Wise zu beraten. Die Männer setzten Petitionen und Protestbriefe auf, die jüdische Persönlichkeiten aus dem ganzen Norden in die Hauptstadt sandten. Kaskel suchte dann um einen Termin bei Lincoln nach, bei dem es zu einem legendären Dialog kam:
Lincoln: «Und so sind die Kinder Israels aus dem glücklichen Land Kanaan vertrieben worden?»
Kaskel: «Ja, und deshalb sind wir an den Busen von Vater Abraham gekommen, um Schutz zu suchen.»
Lincoln: «Und diesen Schutz sollen sie umgehend erhalten.»
Der Präsident setzte sofort ein Telegramm an seinen Oberbefehlshaber Henry Halleck auf und veranlasste die Kassierung des Befehls. Anschliessend erklärte Lincoln: «Eine Klasse zu verdammen fügt allermindestens den Guten Schaden zu, indem sie mit den Schlechten gleichgesetzt werden. Es widerstrebt mir grundsätzlich, zu hören, dass eine Klasse oder Nationalität wegen einiger Sünder verdammt wird.» ●
Eli Evans gilt als führender Historiker des Judentums im amerikanischen Süden. Er wurde als Sohn des Bürgermeisters von Durham, North Carolina, geboren, wo er auch aufwuchs.


