Die Debatte über «Porgy and Bess»
Als im Sommer bekannt wurde, dass in New York eine überarbeitete Fassung der Oper «Porgy and Bess» auf die Bühne kommen sollte, waren die Reaktionen ebenso schnell wie heftig. In Charleston, dem Schauplatz der Geschichte, stimmten viele begeistert einem empörten Leserbrief des Broadway-Komponisten Stephen Sondheim an die «New York Times» zu, in dem er vorschlug, man solle dann doch auch «Tosca» oder «Don Giovanni» umschreiben. Und zu der Titeländerung auf «The Gershwins’ Porgy and Bess» stellte Sondheim die berechtigte Frage: «Und was ist mit DuBose Heyward geschehen? Ein Grossteil der Liedertexte (und sämtliche guten) stammen alleine von ihm.»
In seiner Heimatstadt Charleston gilt Edwin DuBose Heyward (1885–1940) als Held, und die Oper wird als Kollaboration von Heyward und George Gershwin betrachtet – und nicht umgekehrt. Im Frühsommer hat die ebenfalls in Charleston geborene Autorin Dorothea Benton Frank ihren Bestseller «Folly Beach» veröffentlicht, der die Rolle der Ehefrau von DuBose Heyward in der Entstehung der Oper und ihr langjähriges Bemühen beschreibt, seinem Namen den angemessenen Platz in der Geschichte von «Porgy and Bess» zu sichern. Doch auch für viele Bürger der Stadt und Musikfreunde in aller Welt sind die Wurzeln der Oper und ihr Schauplatz an der Church Street in Charleston sakrosankt.
Das Schicksal des Bettlers
Lange bevor Gershwin auf das Stück aufmerksam und Diane Paulus, die Regisseurin der Neuauflage, geboren wurde, war die Geschichte von «Porgy and Bess» bereits in den Legendenschatz von Charleston eingegangen. Die Geschichte geht auf zwei Männer zurück, einen Schwarzen und einen Weissen.
Als Nachkomme reicher Reispflanzer, die Hunderte von Sklaven besessen hatten, war DuBose Heyward 20 Jahre nach Ende des Bürgerkrieges in Armut geboren worden. Mit den Sklaven hatte die auf einen Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung zurückgehende Familie 1865 auch ihr Vermögen eingebüsst. Heyward litt zudem unter einer schwachen Gesundheit, einer seiner Arme war in Folge einer Polio-Erkrankung verkümmert.
Anfang der 1920er Jahre hatte er sich jedoch bereits einen Namen als Dichter und Romancier gemacht, als ihn die Geschichte eines anderen behinderten Mannes in der Zeitung ansprach: Ein schwarzer Bettler namens Sammy Smalls war verhaftet worden, weil er eine Pistole auf einen Nebenbuhler abgefeuert, aber danebengeschossen hatte. Der gehunfähige Smalls pflegte sich auf einem selbstgebastelten Karren durch Charleston zu bewegen, der von einer schrecklich stinkenden Ziege gezogen wurde. Und so hatte Smalls nach seiner Tat versucht, in dem wackeligen Vehikel vor der Polizei zu fliehen. Während andere sich über das bizarre Spektakel amüsierten, fühlte sich Heyward von diesem pathetischen Versuch, einem unausweichlichen Schicksal zu entrinnen, berührt. Er erklärte später: «Ich möchte Smalls meine Anerkennung dafür aussprechen, dass mein Nachdenken über seine zutiefst bewegende Tragödie eine Figur meiner Imagination hervorgebracht hat.»
Heyward nannte seine Figur Porgo, nach dem Namen einer Holzpuppe, die ein junges Mädchen Dekaden zuvor aus Afrika mitgebracht hatte, als sie in die Sklaverei bei der Familie seiner Mutter verkauft worden war. Heyward schrieb rasch eine Geschichte über einen Bettler, der in den schäbigen Mietskasernen lebte, die der Autor täglich sah: Ein Slum mit dem Spitznamen «Cabbage Row» im historischen Kern von Charleston, den er in «Catfish Row» änderte. Zudem machte er in letzter Minute aus Porgo Porgy. Sein tragischer Held verliebt sich in Bess, die drogensüchtige Freundin des Hafenarbeiters Crown. Dieser ermordet einen Mann mit seinem stählernen Haken für die Ladung von Baumwollballen und muss fliehen. Niemand mag sich um Bess kümmern – ausser dem Krüppel Porgy, der weiss, was es heisst, ein Aussenseiter zu sein. Daraus erblüht eine unwahrscheinliche Liebesgeschichte, welche die Gefahren eines Hurrikans ebenso übersteht wie die Rückkehr Crowns, der seinen Anspruch auf Bess erhebt. Doch dann wird Porgy sein Aberglaube zum Verhängnis und Bess sinkt tiefer in ihre Drogensucht. Und so endet das Idyll mit ihrem Wegzug nach Savannah, und Porgy bleibt allein in einer «Ironie des Sonnenaufgangs» zurück.
Erfolg bei Kritikern
Der Roman erschien im Jahr 1925 und wurde zum Bestseller, da er mit einer Reihe von Stereotypen brach. Heyward hatte als einer der ersten amerikanischen Autoren Schwarze nicht als Problem oder Karikaturen beschrieben, sondern – auch wenn sie arm und heruntergekommen waren – mit Würde ausgestattet. Heywards Frau Dorothy war eine Bühnenautorin und erkannte als erste das dramatische Potenzial der Geschichte. Heyward verwarf ihren Vorschlag zunächst, den Roman in ein Schauspiel umzuwandeln. Aber sie bestand auf dem Projekt und überraschte Heyward dann mit einem Grobentwurf, der ihn von der Idee überzeugte.
Das Stück «Porgy» hatte im Oktober 1927 am Broadway Premiere und löste eine neue Sensation aus. Dies nicht zuletzt dank der einfallsreichen Inszenierung des armenisch-amerikanischen Regisseurs Rouben Mamoulian, der damit eine einflussreiche Theaterkarriere begann. Der «Blick hinter die Farben-Schranke» schlug das Publikum in den Bann und die Kritik lobte die in der Produktion integrierten schwarzen Lebensweisen. Dieser Aspekt des amerikanischen Lebens war nie zuvor derart lebendig und ehrlich dargestellt worden. Dorothy Heyward hatte das Ende des Stückes verändert und liess Porgy nun in seinem Ziegen-Karren nach New York aufbrechen, um seine verlorene Liebe und damit seine Chance auf ein glückliches Leben wiederzugewinnen.
Musik, Gesang und Rhythmus waren bereits in der Romanvorlage präsent gewesen. Neben der Handlung muss dies George Gershwin angesprochen haben, als er das Buch im Jahr 1926 las. Er war damals auf der Suche nach einem Stoff für eine Oper und hatte mit der Idee gespielt, dazu einen Dybbuk zu verwenden, die mittelalterliche Figur der jüdischen Legende und Folklore. Aber die Lektüre von «Porgy» änderte Gershwins Pläne. Er entschloss sich, den Roman in eine Oper zu verwandeln.
Heyward war damit einverstanden und stellte andere Projekte für die Zusammenarbeit mit Gershwin zurück. Doch zunächst musste er konsterniert miterleben, dass sich der Komponist jahrelang Zeit liess. Dem Sohn jüdischer Immigranten ging jede Bescheidenheit ab. Auch darin unterschied er sich sehr von dem zurückhaltenden Spross einer aristokratischen Südstaaten-Dynastie, wie Heyward einer war. Aber als sie ihre Zusammenarbeit dann endlich begannen, kamen der Komponist und der Librettist glänzend miteinander zurecht. Was ein reger Briefwechsel und kurze Besuche Heywards in New York nicht zustande brachten, erreichten die Partner im Sommer 1934 auf einer Insel nahe Charleston. Auf dem damals noch ländlichen Folly Beach tauchte Gershwin in die lokale Kultur ein und liess sich von der afroamerikanischen «Gullah»-Kultur (vgl. Artikel Seite 21) inspirieren, die auch Heyward so stark bewegt hatte. Ira Gershwin, der häufig die Texte zu den Broadway-Musicals seines Bruders schrieb, schloss sich dem Projekt ebenfalls an. Das Libretto basierte auf dem Stück von Dorothy Heyward und DuBose Heyward, dem wiederum der Roman zugrunde lag.
Anfänglicher Misserfolg
Die Premiere fand am 10. Oktober 1935 statt – doch nicht in der Metropolitan Opera oder irgendeiner anderen Oper, sondern auf einer Broadway-Bühne. Nur dort konnten die Heywards und die Gershwins ihre Entscheidung realisieren, dass ihr Werk von Afroamerikanern gesungen und gespielt wurde und nicht von Weissen mit geschwärzten Gesichtern. Dies enttäuschte den damaligen Musikstar Al Jolson und brach mit einer rassistischen Vaudeville-Tradition, in der weisse Darsteller Karikaturen von Schwarzen auf die Bühne brachten. Aber damals existierten keine ausgebildeten schwarzen Opernsänger in den USA. Das Projekt sorgte ohnehin für gewaltige Verwirrung: Eine von einem Komponisten populärer Musik sowie einem Bestseller-Autor geschaffene Oper auf einer Broadway-Bühne, die noch dazu von einer marginalisierten und verachteten Minderheit handelte – das hatte es noch nie gegeben. Und so wurde «Porgy and Bess» zunächst zu einem finanziellen Misserfolg. Sowohl der 1937 verstorbene Gershwin als auch der drei Jahre später verstorbene Heyward verloren ihre Investition in die Produktion. Ihre Liebesmüh schien eine verlorene Liebe zu werden.
Aber die Oper kam 1942 erneut auf die Bühne, und dies ausgerechnet im von den Nazis besetzten Europa. 1942 verboten die deutschen Besatzer die Aufführung in Dänemark, wo das Lied des Drogenhändlers Sporting Life «It Ain’t Necessarily So» zu einem Schlagwort für den Widerstand gegen die Nazi-Propaganda geworden war. Nach dem Krieg traten die USA in eine Phase der Unruhen und Proteste im Zeichen der Bürgerrechtsbewegung ein. Die amerikanische Regierung sandte eine neue Inszenierung von «Porgy and Bess» als «Goodwill»-Botschafter auf Tournee nach Europa, Nahost und sogar hinter den Eisernen Vorhang. Die begeisterten Reaktionen dort machten endlich auch den Amerikanern bewusst, dass die Oper ein Meisterwerk und das beste Stück dieses Genres war, das die USA je hervorgebracht hatten. Tatsächlich – was konnte amerikanischer sein, als ein Stück über Schwarze, geschrieben von einem weissen Aristokraten und vertont von einem Sohn jüdischer Einwanderer?
Die Oper wurde im Jahr 1959 verfilmt und erlebte dann zahlreiche Aufführungen, um hier nur die Inszenierung von 1976 anlässlich der 200-Jahr-Feiern der amerikanischen Unabhängigkeit zu nennen. Aber es sollte bis 1985 dauern, ehe die Oper am Metropolitan Opera House in New York aufgeführt wurde. Damit ging «Porgy and Bess» endgültig in den Kanon ein. Auch Charleston hat das Stück lange stiefmütterlich behandelt. Dort war die Oper erstmals im Jahr 1970 anlässlich der Feierlichkeiten zur 300-jährigen Stadtgründung zu erleben. Kurz zuvor hatte ein langer und bitterer Streik afroamerikanischer Spitalangestellter die Stadt erschüttert. «Porgy and Bess» und der Ziegenkarren des Bettlers wirkten da wie ein Heilmittel für den Rassenkonflikt. Schwarze und Weisse taten sich zusammen, um die unsterbliche Geschichte auf die Bühne zu bringen, die Charleston weltweit bekannt gemacht hatte und nun ein gewisses Mass an Friede und Harmonie zurück in die Stadt brachte.
Eben deshalb hat die Nachricht Schock und Unglauben in Porgys Heimat ausgelöst, Schock und Unglauben darüber, dass jemand die Oper verändert hat, die so viel zum Wandel Amerikas beigetragen hat. Das Werk hat nicht nur schwarzen Künstlern den Zugang zu Theater und Oper eröffnet, sondern war auch hilfreich bei der Integration des Publikums. Die Zukunft wird über den Erfolg von «The Gershwins´ Porgy and Bess» entscheiden. Kommt die Inszenierung an, dann bestätigt sie die Attraktion dieser klassischen Geschichte. Und wenn nicht – dann ist das auch keine Schande. Das usprüngliche Opus der Heywards und Gershwins geht deshalb nicht verloren und wird Charlestonians und Musikfreunden in aller Welt weiterhin schlicht als «Porgy and Bess» bekannt sein. ●
Harlan Greene ist Archivar an der Bibliothek des College of Charleston und ein Spezialist für die Geschichte der Stadt. Dieser hat er eine Reihe von Sachbüchern und Romanen gewidmet.


