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7. Oktober 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 40 Ausgabe: Nr. 40 » October 7, 2011

Tanz ohne Trotz

Von Andreas Schneitter, October 7, 2011
Wie in Basel, so in Tel Aviv: Der schweizerisch-israelische Kulturaustausch im Rahmen des Kulturfestivals 
Culturescapes wird gefeiert, im Vorfeld protestieren die Kritiker. Die Swiss Season in Israel ist diese Woche 
eröffnet worden.
FÜR DEN AUSSTAUSCH DER KULTUREN Jurriaan Cooiman, künstlerischer Direktor Culturescapes, Guilherme Botelho, Alias Dance Company, 
ein Festivalgast, Rafael Gamzo vom israelischen Aussenministerium, Walter Haffner, Schweizer Botschafter in Israel, und Yair Vardi, künstlerischer Direktor des Suzanne Dellal Centre for Dance and Theatre (v.l.n.r.)

Ein «organisches Wachstum» nennt Jurriaan Cooiman, was vergangenen Mittwochabend in Tel Aviv eröffnet wurde. Der Direktor des Kulturfestivals Culturescapes hat erstmals sein Festival ins aktuelle Partnerland hineingetragen. Swiss Season ist die Vollendung des Grundgedankens von Culturescapes: der kulturelle Austausch zwischen zwei Ländern. Bis Ende November sind verschiedene Schweizer Kulturschaffende in Israel zu Gast, darunter namhafte Akteure wie der Schauspieler Bruno Ganz, der in zwei Filmen am Filmfestival in Haifa zu sehen sein wird, die Künstler Christoph Büchel und Fabrice Gigy stellen ihre Gemeinschaftsausstellung «The Second Strike» im Rahmen der Biennale für Gegenwartskunst in Herzlia aus, und der Schriftsteller Christian Kracht liest während der vierten Ausgabe der deutsch-israelischen Literaturtage in Tel Aviv aus seinem Roman «Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten».
Man sieht: Ohne Partnerveranstaltungen ist Culturescapes in Israel nicht zu haben. Der erstmalige Festivalaustausch läuft in einem kleineren Rahmen ab als die Veranstaltung in der Schweiz, und auch die Kontroversen kochen auf kleinerer Flamme: Anders als an der Festivaleröffnung in Basel im September (vgl. tachles 37/11) blieben politische Kommentare sowohl seitens der offiziellen Vertreter des Staates als auch der Künstler aus. An der Eröffnung im Suzanne Dellal Centre for Dance and Theatre in Tel Aviv trat das Genfer Tanzensemble unter der Leitung des brasilianischen Choreografen Guilherme Botelho auf, danach sprachen Festivalleiter Cooiman, der Direktor des Suzanne Dellal Centre for Dance and Theatre, Yair Vardi, sowie der Schweizer Botschafter in Israel, Walter Haffner, ihre Grussworte, und nach ihnen stand schon der Apéro bereit. Als «faszinierendes Erlebnis» beschreibt Walter Haffner die Tanzdarbietung, gefeiert von einem «begeisterten Publikum» und ohne jede politische Schieflage. Von Protesten oder politischen Nebentönen «war gar nichts zu sehen» so Haffner, «und die Kontroverse, die in der Schweiz um dieses Festival entfacht worden war, ist in Israel kaum spürbar. Hier steht die Fülle an hochwertiger Schweizer Kultur im Zentrum».



Offener Brief

Ohne Kritik kommt jedoch auch der Festivalausflug nach Israel nicht aus: Die Schweizer Sektion der internationalen Bewegung «Boykott-Desinvestition-Sanktionen» (BDS) publizierte im Vorfeld von Swiss Season einen offenen Brief an die eingeladenen Kulturschaffenden und warnte sie davor, die israelische Regierung werde nicht zögern, «ihre Präsenz als Zeichen der Legitimierung ihrer Politik auszunützen». Israel brauche Künstlerinnen und Künstler von internationaler Ausstrahlung, «um der Apartheidpolitik gegenüber den PalästinenserInnen einen zivilisierten Schein zu verleihen», so der Brief. Der Aufruf von BDS Schweiz, Swiss Season zu boykottieren, schliesst an die Reihe der Absagen von Israel-Auftritten verschiedener internationaler Kulturschaffender in den vergangenen Jahren an. Dazu gehören die Filmemacher Ken Loach und Mike Leigh, die Musiker Massive Attack, Elvis Costello, Pixies oder Roger Waters, die Philosophen Slavoj Zizek und Judith Butler.
Swiss Season als «umfassende PR-Kampagne» Israels, wie es der BDS-Brief behauptet? Cooiman lehnt dies entschieden ab: Zwar sind unter den Sponsoren des Festivals auch die Stadtverwaltungen von Jerusalem und Tel Aviv vermerkt, doch abgesehen von «einigen umsonst zur Verfügung gestellten Werbeflächen» erhalte Swiss Season keine öffentliche finanzielle Unterstützung aus Israel. «Das Festival hat keine politische Dimension – weder eine proisraelische noch eine israel-kritische. Es ist eine reine Kulturveranstaltung.» An den Eröffnungsabend seien zwar unter anderem Vertreter des israelischen Aussenministeriums eingeladen worden, «jedoch nur als Gäste, nicht als Redner». Dabei sein werden auch die Kritiker: Birgit Althaler von BDS Schweiz bestätigt, dass mehrere israelische BDS-Aktivistinnen und -Aktivisten angekündigt haben, an einigen der Kulturveranstaltungen präsent zu sein: «Über die konkrete Form des Protests bin ich nicht informiert.» Auf den offenen Brief von BDS Schweiz habe bisher nur ein Künstlerpaar reagiert, mit ihnen werde die Diskussion weitergeführt.

«Kultur braucht Freiheiten»

Einer, der vom Brief angesprochen wurde, ist Fritz Näf. Näf ist künstlerischer und administrativer Leiter der Basler Madrigalisten, ein Vokalensemble, das während der Swiss Season acht Auftritte absolvieren wird. «Wir haben eine breite Diskussion um die Festivaleinladung und den Boykottaufruf geführt», sagt Näf. «Unsere Frage war: Bejahen wir mit unseren Konzerten in Israel die israelische Politik? Oder wäre der Boykott ein Weg, die Haltung der israelischen Regierung zu ändern?» Boykotte würden Fronten nur verhärten, ist Näf überzeugt. «So einfach funktioniert das Zusammenleben auf der Welt nicht, dass sich alles zum Guten wenden würde, wenn man – plakativ gesprochen – alles und jeden boykottiert.» Wenn man Kulturschaffenden, die der Politik ihrer Regierungen kritisch gegenüberstehen, den Austausch verweigere, fördere man nicht deren Motivation, «und die vergangenen Wochen und Monate haben gezeigt, dass es in Israel einen grossen Teil der Bevölkerung gibt, der nicht mit der Regierungspolitik einverstanden ist und dies auch auszudrücken weiss». Da das Ensemble selbst keine finanzielle Unterstützung vom Staat Israel erhalte, hätten sich die Basler Madrigalisten entschieden, die Einladung anzunehmen. «Kultur muss die Freiheit für Aktionen haben, die für gewisse politische Lager als umstritten gelten», schliesst Näf.



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