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7. Oktober 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 40 Ausgabe: Nr. 40 » October 7, 2011

Ein jüdischer Quereinsteiger

Von Peter Abelin, October 7, 2011
Als Präsident der Ärztevereinigung FMH steht Jacques de Haller häufig in den Schlagzeilen. Nun will der 
Lobbyist die Seiten wechseln und kandidiert im Kanton Bern als Quereinsteiger für den Nationalrat. Wenig 
bekannt sind die jüdischen Wurzeln des SP-Manns.
JACQUES DE HALLER Der Präsident der Ärztevereinigung FMH kandidiert für den 
Nationalrat

Seine Antworten kommen präzise und routiniert, wenn die Rede von der Gesundheitspolitik ist. Auf seine jüdischen Wurzeln angesprochen, sucht Jacques de Haller länger nach den passenden Worten. Er versetzt sich in Gedanken zurück in seine Jugend, als er mit seinem Grossvater mütterlicherseits gerne und ausgiebig über das Leben diskutierte, und sagt dann: «Ich habe mehr und mehr den Eindruck, dass dies mich und meine Weltanschauung geprägt hat.» Sein Grossvater war Jacques Bernheim, während acht Jahren Präsident der jüdischen Gemeinde von La Chaux-de-Fonds. Seine Mutter heiratete den Bernburger und Biologieprofessor Gérard de Haller und zog über Bern nach Genf, wo Jacques de Haller 1952 geboren wurde. Er studierte Medizin und führte 21 Jahre eine Quartierpraxis als Allgemeinmediziner. Dort wurde sein soziales Gewissen geschärft, und er fand zu seiner politischen Heimat bei der Sozialdemokratischen Partei (SP). Damit gehöre er unter den Ärzten heutzutage nicht mehr zu den Exoten, versichert Jacques de Haller. Zwar habe seine Nationalratskandidatur intern ein paar heftige Reaktionen ausgelöst, doch der FMH-Zentralvorstand sei parteipolitisch «ziemlich ausgewogen», und immer mehr Ärzte würden erkennen, dass wichtige Standesanliegen nur von der Linken unterstützt würden.



«Der oberste Arzt 
der Schweiz»

Derzeit weht dem FMH-Präsidenten gerade ein starker Wind entgegen, da seine Basis in einer Urabstimmung das Managed-Care-Modell ablehnte, während er selbst der vorliegenden Kompromisslösung zustimmen würde. Davon lässt sich der 1,9 Meter grosse Hühne aber nicht umwerfen: Die Exekutive werde den demokratischen Entscheid umsetzen und ein Referendum unterstützen, sagt er nüchtern.
Seit 2004 ist Jacques de Haller nun als FMH-Präsident «der oberste Arzt der Schweiz», wie ihn die «Schweizer Illustrierte» in ihrer Homestory nannte. Nun möchte er die Seite wechseln: «Ich glaube, innerhalb des Systems kann ich mehr erreichen als von aussen her», meint er im Gespräch mit tachles. Zudem möchte er sich auch in anderen Politikbereichen engagieren. So seien ihm auch die Bildungs-, die Umwelt- oder die Aussenpolitik ein Anliegen.

Für Offenheit

Aussenpolitisch habe er bisher keine Gelegenheit gehabt, sich aktiv einzubringen, sagt Jacques de Haller. Sein Prinzip hier sei «ganz klar die Offenheit». Von diesem Prinzip lässt er sich auch in seiner Haltung gegenüber Israel leiten: Im Sechstagekrieg von 1967 habe er mit Mitschülern am Gymnasium Demonstrationen organisiert und Flyer zugunsten des jüdischen Staates verteilt, erinnert er sich. Später habe er in Genf ein paar Veranstaltungen für den New Israel Fund (NIF) organisiert. Vor diesem Hintergrund versteht er auch seine Unterschrift bei dem vom ehemaligen NIF-Präsidenten Philippe Lévy mitinitiierten weltweiten «Appell besorgter Jüdinnen und Juden für ein Israel, das die Menschenrechte wahrt». Er sei zwar etwas kritisch gegenüber der jetzigen israelischen Politik, «aber immer leidenschaftlich für Israel». 


Lesen Sie auch die aktuelle Beilagen zum Thema Wahlen und die Artikel zu Emmanuel Ullmann und Samuel Dubno (vgl. tachles 38/11).



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