logo
7. Oktober 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 40 Ausgabe: Nr. 40 » October 7, 2011

Die überraschende Wirkung von Kol Nidrei

Von Rabbi Lawrence A. Hoffman, October 7, 2011
Kol Nidrei gilt als das berühmteste Gebet in der Liturgie von Jom Kippur. Dabei hat es seinen Ursprung in an sich unjüdischem Aberglauben. Kein Wunder, dass die Rabbiner dem Gebet während Jahrhunderten kritisch gegenüberstanden. Trotzdem konnte Kol Nidrei sich immer wieder behaupten.
DAS GEBET KOL NIDREI Rabbiner waren während Jahrhunderten ihm gegenüber kritisch eingestellt

Kurz vor seinem beabsichtigten Übertritt zum Christentum besuchte der Philosoph Franz Rosenzweig den Jom-Kippur-Gottesdienst. Dieser beeindruckte ihn derart, dass er beschloss, dem Judentum treu zu bleiben. Ein Blick auf Kol Nidrei, das berühmteste Gebet von Jom Kippur, macht es schwer zu glauben, dass er das Judentum nicht schon viel rascher verlassen hat.
Denn eigentlich ist Kol Nidrei gar kein Gebet. Vielmehr handelt es sich um eine in aramäischer Sprache verfasste Formel, die obskure, der Bibel und nur den Rabbinern bekannte Kategorien von Gelübden und Schwüren umreisst und dann feierlich verkündet, dass wir von ihnen befreit seien.
Der Ursprung war die Angst unserer Vorfahren vor der Nichterfüllung von Versprechungen, die im Namen Gottes abgegeben worden waren. Der Talmud gestattete die Annullierung solcher Schwüre, doch nur einer nach dem anderen und erst noch in Anwesenheit eines Talmud-Gelehrten. Der Gedanke einer Pauschalannullierung widersprach den Ansichten der Rabbiner, die erstmals im achten und neunten Jahrhundert von dieser Praxis hörten und sie als «närrische Sitte» kritisierten. Niemand hörte ihnen aber nahm ihr Worte ernst.
Das Gebet tauchte parallel zu einer Praxis auf, die darin bestand, ein Tongefäss zu zerstören, auf dem eine Formel zur Annullierung von Gelübden eingraviert war. Die Idee dahinter war, dass der Feind sich mit bösen Geistern verschworen und sie mit magischen Kräften gezwungen habe, Unbill zu versprechen. Das Zerbrechen des Gefässes würde die Geister von ihrem Versprechen befreien.



Versuche zur Abänderung

Wir sprechen also von einem mit Aberglauben beladenen Gebet, das die rabbinischen Autoritäten verurteilten, das sich aber trotzdem hartnäckig hielt. Seine endgültige Version widerspiegelt eine im 
12. Jahrhundert vorgenommene Ersetzung der Formel von «in der Zukunft gemachten» Gelübden durch «in der Vergangenheit gemachte» Gelübden. Damit 
wurde die offensichtliche Missachtung des talmudischen Gesetzes umgangen.
Dessen ungeachtet repräsentierte das Konzept kaum das Judentum auf seinem moralischen Höhepunkt. Im 19. Jahrhundert heizte das Konzept den deutschen Antisemitismus so sehr an, dass Juden vor Gericht gezerrt und dort gezwungen wurden, zu schwören, dass sie verantwortlich gemacht werden für den Wahrheitsgehalt aller Schwüre, die sie dort leisten würden.
Kol Nidrei hielt sich trotz allem. Nach und nach wurde es mit unvergesslicher Musik ergänzt und mit einer Choreo-grafie, die einen Prozess vor Gott darstellen sollte. Juden sangen die Melodien in Frankreich bereits im 
11. Jahrhundert, und die Kantoren im Deutschland des 14. Jahrhunderts ver-
längerten die Melodie, um sicherzu-
stellen, dass zu spät kommende Gottesdienstbesucher das Gebet noch zu 
hören bekamen. Der polnische Rabbiner Mordechai Jaffe (1530–1612) versuchte vergeblich, den Text zu ändern. Kantoren widersetzten sich dem Ansinnen, die 
uralte Melodie mit neuer Lyrik zu kom-
binieren. Rabbiner des 
19. und 20. Jahrhunderts versuchten, die Psalmen zu ersetzen oder ein ganz neues Gebet zu verfassen. Schon erfolgreicher war die List, Kol Nidrei ohne Worte auf einem Musikinstrument zu spielen, oder das Gebet zu sin
gen, aber die Wörter aus dem Gebetsbuch auszulassen.

Gebet diktiert den Glauben
Was zieht uns an diesem Ritual von Kol Nidrei an? Ist es die Musik? Sicherlich. Oder ist es die Situationsdramatik? In weisse Umhänge gehüllte Thorarollen werden während des ganzen Gesangs für die Gemeinde sichtbar gehalten. Auch das trifft zu, doch damit hat es sich noch nicht. Das Buch «All These Vows: Kol Nidrei» (2011) hat die tiefen und bewegenden Gedanken von über 30 Personen aus aller Welt gesammelt – Rabbiner, Kantoren, Künstler und Denker. Ich selber vertrete die Ansicht, Kol Nidrei verbindet uns mit dem Heiligen.
Seit dem 19. Jahrhundert bewegen wir uns auf dem Weg in Richtung auf eine säkulare Welt zu. Das ist dann nicht unbedingt schlecht, wenn wir unter «säkular» ein Entdecken davon verstehen, dass es in der Welt keine magischen Kräfte gibt und dass alles aufgrund eines unwandelbaren Systems wissenschaftlicher Gesetze funktioniert. Wir zahlen allerdings einen Preis. Säkularisierung ist der Prozess des ruckartigen Reissens am Vorhang des Universums, gefolgt von der Entdeckung, dass kein Hexenmeister die Fäden in der Hand hält. Doch auch ein von Naturgesetzen betriebenes Universum kann seine Mysterien haben. Wir sind bestrebt, säkular, wissenschaftlich und voller Intelligenz zu sein, ohne deswegen auf Gott und die Gewissheit zu verzichten, dass das Leben nach wie vor wichtig ist. Am Abend von Kol Nidrei erhält man das Gefühl, nichts habe diese Gewissheit untergraben. Die Energien laufen auf Hochtouren, Erinnerungen reichen weit zurück und gewisse Dinge sind seit 1000 oder noch mehr Jahren unverändert.
Menschen irren, wenn sie denken, sie könnten nicht beten, weil sie nicht glauben. Das Gegenteil stimmt. Das Gebet diktiert den Glauben, nicht umgekehrt. Wenn Kol Nidrei ertönt, stehen wir für einen kurzen Moment in Berührung mit dem Heiligen und unserer Endlichkeit, mit den Menschen, die wir lieben und mit dem breiter gefassten menschlichen Universum, mit unserem besseren Selbst und mit dem Gott, von dem wir nicht einmal sicher sind, dass wir an ihn glauben.   


Rabbi Lawrence A. Hoffman ist Professor für Liturgie, Gottesdienst und Ritual am Jüdischen Institut für Religion des Hebrew Union College.



» zurück zur Auswahl