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29. September 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 39 Ausgabe: Nr. 39 » September 29, 2011

Zwischen Ernst und Freude

Von Rabbiner Yaron Nisenholz, September 28, 2011
Rosch Haschana ist nicht nur das jüdische Neujahr, sondern ein Tag mit einer ernsthaften und spirituellen Bedeutung.
TAG DES GERICHTS Durch das Gebet zur Ein- und Umkehr finden

Ernste Melodien, «sargenes» (weisser Kittel), feuchte Augen und erhabene Stimmung – diese Elemente sind integrale Bestandteile von Rosch Haschana. Wenn man das jüdische Neujahr mit dem bürgerlichen vergleicht, merkt man sofort, dass es nicht einfach der Anfang des Jahres ist, sondern ein Tag mit einer tiefen und ernsthaften spirituellen Bedeutung. Was verbirgt sich hinter diesem Tag?
Rosch Haschana wird in mehreren rabbinischen Quellen als «jom hadin», als Tag des Gerichts, bezeichnet. Schon in der Mischna, der im 2. Jahrhundert d. Z. schriftlich fixierten mündlichen Überlieferung, findet man eine solche Beschreibung dieses Tages. Im Traktat Rosch Haschana (1:1) wird berichtet, dass die Welt vier Mal im Jahr vor einem göttlichen Gericht steht. Drei Mal wird über wichtige Aspekte der Natur entschieden, nämlich über Wasser, Getreide und Früchte. An Rosch Haschana jedoch steht der Mensch selbst vor Gericht, wie es heisst: «Am 1. Tischri ziehen alle Lebewesen vor Gott wie Schafe vorbei.»
Auch in den Gebeten des Tages kommt dieser Aspekt immer wieder zum Ausdruck. Mehrere «pijutim» (poetische Gebete) beschäftigen sich damit, dass Gott an diesem Tag über die Welt und die Menschen urteilt. Ein besonders eindrucks-volles Beispiel dafür findet man in dem berühmten Gebet «Unetane tokef», wo es unter anderem heisst: «Wie der Hirte seine Herde prüft, seine Schafe unter seinem Stab hindurchgehen lässt, so lässt du vorbeiziehen, zählst, berechnest und prüfst die Seele jedes Lebewesens; du bestimmst die Grenze aller deiner Geschöpfe und schreibst ihr Urteil.»
Es ist also eine alte Tradition, Rosch Haschana als Tag des Gerichts aufzufassen. Doch was hat uns die Thora selbst zu sagen? Was kann man aus ihren Versen über das Wesen des Festes lernen? Auf den ersten Blick stehen wir vor einem Rätsel. Rosch Haschana wird in der Thora zwei Mal erwähnt, im Buch Wajikra (23:24) und im Buch Bamidbar (29:1). An beiden Stellen wird kaum etwas über die Bedeutung des Tages gesagt; wir finden lediglich die Ausdrücke «jom terua» («Tag von Terua») und «sichron terua» («Erinnerung an Terua»). Was ist mit «terua» gemeint? Das Wort wird oft mit Posaunenschall oder Hornblasen übersetzt, bedeutet jedoch eigentlich «jubeln». Warum aber soll man an diesem Tag jubeln?



Krönung Gottes

Die beste Methode, Wörter in der Thora zu verstehen, ist die, ihre Bedeutung an anderen Stellen zu analysieren. Das Wort «terua» kommt im Tanach noch einige Male vor, und ich möchte hier zwei Stellen aufgreifen. Im Buch Tehilim heisst es: «Mit Trompeten und dem Schofarton jauchzet (‹hariu›) vor dem König, dem Ewigen» (98:6). Das mit «terua» verwandte Verb «hariu» und der Schofar stehen hier in Zusammenhang mit der Anerkennung Gottes als König der Welt. Es ist auch bekannt, dass in der Antike bei der Krönung von Königen ein Schofar oder ein ähnliches Instrument geblasen wurde. Diese Quelle führt uns zu einem wichtigen Aspekt von Rosch Haschana: An diesem Tag wird Gott gekrönt und als König der Welt anerkannt. Warum genau am ersten Tischri? Die Antwort liegt in einer alten, schon im Talmud erwähnten Überlieferung, wonach an Rosch Haschana der erste Mensch, Adam, erschaffen wurde. Am ersten Tischri hat also zum ersten Mal ein Mensch die göttliche Herrschaft erfahren und seitdem ist dieser Tag einer erneuten Krönung Gottes gewidmet.
Das Wort «terua» kommt aber auch bei einem ganz anderen Thema vor: «Wenn ihr in eurem Land gegen den Feind, der euch bedrängt, zur Schlacht auszieht, so sollt ihr mit den Trompeten blasen (‹wahariotem›); dann werdet ihr dem Ewigen, eurem Gott, in Erinnerung kommen und gegen eure Feinde Hilfe finden» (Bamidbar 10:9). Durch das Trompetenblasen wird also Gott dazu veranlasst, unser zu gedenken, und er wird hoffentlich unsere Wünsche erfüllen. Hier erhebt sich jedoch eine schwierige theologische Frage: Braucht Gott denn einen solchen «Alarm», um an uns zu denken? In Wahrheit wird gar nicht für Gott geblasen und gejubelt, sondern für den Menschen. Die Schofartöne sind ein Mittel, um den Menschen geistig zu wecken und ihn dazu aufzufordern, an Gott zu denken. Es ist ein Alarmruf, der den Menschen daran erinnert, sich mit seiner Aufgabe in dieser Welt auseinanderzusetzen und sein Verhalten zu verbessern.

Idee der Selbsterweckung

Dieser Gedanke kommt sehr schön im Segensspruch zum Ausdruck, den man vor dem Schofarblasen sagt: Anders, als man erwarten könnte, bezieht er sich nicht auf das Blasen, sondern auf das Hören des Schofars – «lischmoa kol schofar». Man bläst den Schofar nicht, damit Gott es hört, sondern damit die Menschen es hören. Rambam formuliert diese zentrale Idee so: «Obwohl das Schofarblasen an Rosch Haschana eine göttliche Anordnung der Thora ist, ist darin auch eine Andeutung enthalten: Wachet auf, ihr Schläfer, aus eurem Schlaf, erwachet aus eurem Schlummer. Erforschet eure Taten, kehret zurück und erinnert euch an euren Schöpfer» (Hilchot Teschuwa 3:4).
Wir sehen also, dass sich auch in der Thora sozusagen hinter den Kulissen eine tiefe Bedeutung des Tages finden lässt. Doch was hat diese Idee der Selbsterweckung mit der Vorstellung vom Tag des Gerichts zu tun? Die Antwort liegt auf der Hand: Die Thora lehrt uns durch den besonderen Ausdruck «terua», wie wir vor dem göttlichen Gericht bestehen können, nämlich durch ein geistiges Erwachen und den Entschluss, ein positiver und produktiver Teil der Welt zu sein.
Diese innere Bewegung und das Bewusstsein, vor einem göttlichen Gericht zu stehen, lösen natürlich ernsthafte Gefühle aus. Zugleich aber kann der Mensch grosse Freude und Seelenfrieden empfinden, wenn er versteht, dass er ein einmaliges Wesen ist, das von Gott beachtet wird und für eine besondere Aufgabe in diese Welt geschickt wurde. Dieser Aspekt des Tages kommt in einem wenig bekannten Kapitel im Buch Nehemia zum Ausdruck. Dort wird berichtet, dass das Volk an Rosch Haschana weinte und dass Nehemia, der damals das Volk leitete, es beruhigte und sagte: «Seid nicht traurig und weinet nicht! … Gehet und esset das Fette und trinket das Süsse und sendet auch denen davon, die nichts vorbereitet haben, denn dieser Tag ist heilig unserem Herrn. Seid nicht traurig, denn die Freude Gottes ist eure Stärke» (8:9–10).
Rosch Haschana ist also eine besondere Mischung aus Ernst und Freude. Einerseits verlangt der Tag von uns eine ehrliche und tiefe Selbstprüfung, aber gleichzeitig zeigt er uns auch, wie nahe wir zu Gott und zu uns selbst kommen können.   



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