Posthumer Medizin-Nobelpreis
Die Nobelstiftung erfuhr davon erst im Lauf des Tages, entschied aber am Montagabend nach Prüfung der Regeln, Steinman den Preis nicht wieder abzuerkennen, obwohl die 1974 überarbeiteten Vorschriften keine posthumen Verleihungen vorsehen. Zur Begründung erklärten das Nobel-Komittee, die Juroren hätten bei ihrer ebenfalls am Freitag getroffenen Entscheidung noch nicht von Steinmans Tod gewusst.
Der Mediziner wurde 1943 als Sohn jüdischer Einwanderer ausserhalb von Quebec geboren. Er stand seiner 92-jährigen Mutter Nettie zeitlebens sehr nahe. Steinman hat nach dem Besuch der kanadischen McGill University an der Harvard University Medizin studiert. Schon 1973 gelang ihm mit der Entdeckung der «dendritischen Zellen» des menschlichen Immunsystems der wissenschaftliche Durchbruch, für den er nun ausgezeichnet wurde. Dendritische Zellen treten vor allem in den Geweben an der Körperoberfläche – etwa im Rachen –, aber auch in inneren Schleimhäuten auf, beispielsweise entlang der Atemwege oder im Darmbereich.
Steinman wurde für seine Entdeckung von Kollegen angegriffen, da zunächst nur er und seine Mitarbeiter imstande waren, dendritische Zellen im Labor zu züchten. Der für seinen Humor bekannte Wissenschaftler hat diese Zeit einmal seine «Jahre in der Wüste» genannt. Seit den frühen 1990er Jahren wurde Steinman jedoch mit den höchsten internationalen Auszeichnungen für medizinische Forschung geehrt.
Er hat sich in den letzten Jahrzehnten an der Rockefeller-Universität in New York um die Entwicklung eines Impfstoffes gegen den Krebs bemüht. Als Steinman vor vier Jahren mit Bauchspeicheldrüsen-Krebs diagnostiziert wurde, hat er dagegen von ihm selbst entwickelte, aber noch im Versuchsstadium stehende Medikamente eingesetzt. Dieser hochaggressive Krebs führt meist bereits nach einem Jahr zum Tode. Experten halten es daher zumindest für denkbar, dass Steinmans Gegenmittel seinen Tod bis zum Vorabend seiner Anerkennung durch den Nobelpreis hinausgezögert hat. [AM]


