Ein Toast auf den Frieden
Auf Arabisch bedeutet «taybeh» so viel wie «köstlich». Das gleichnamige Bier wird in den schicken Bars von Ramallah, in Jerusalemer Alternativkneipen und sogar im fernen Japan getrunken. Das feinperlige Boutique-Bier, das Nadim Khouri im christlich-palästinensischen Taybeh braut, hat viele Liebhaber. Aber auch einige Feinde.
Als Nadim und David Khouri 1994 aus den USA ins Westjordanland zurückkamen, waren die Osloer Abkommen gerade unterzeichnet worden. Die beiden Brüder waren voller Hoffnung auf ein unabhängiges Palästina im Zeitrahmen von fünf Jahren. Mit ihnen kamen viele Investoren aus dem Ausland – Exilpalästinenser, gebildet, wohlhabend, die es zu ihren Wurzeln zurückzog.
Am Anfang lief alles glatt: Die Familie hatte genügend Geld, um die Brauerei zu finanzieren. Nadim Khouri, der in Amerika das Brauen nach dem deutschen Reinheitsgebot gelernt hatte, erhielt die Lizenz, Taybeh auch in Deutschland herzustellen. Im Jahr 2000 wollte die Familie expandieren. Doch dann begann die Intifada.
«Es waren schwierige Zeiten», erzählt Nadim Khouri. «Wir mussten unsere Produktion um 90 Prozent reduzieren.» Touristen mieden das krisengeschüttelte Westjordanland, über 650 israelische Checkpoints machten den Transport des empfindlichen Biers fast unmöglich. Manchmal mussten die Khouris mit Fässern beladene Esel durch die Checkpoints schicken, weil Autos verboten waren. Nach zwei Jahren begann die Brauerei Arbeiter zu entlassen.
Schwierige Transportwege
Heute ist die Lage besser, aber die Situation bleibt angespannt. «Wir könnten in einer halben Stunde in Jerusalem sein», erzählt David Khouri, der gleichzeitig Bürgermeister der Stadt Taybeh ist. «Aber stattdessen müssen wir den Umweg über Hebron nehmen. Das verdreifacht die Transportkosten.» In Hebron haben die israelischen Soldaten eine Maschine, die die Fässer röntgt – immerhin wäre es möglich, dass die Khouris Bomben statt Bier transportieren. «Wir haben gezeigt, dass wir Partner im Friedensprozess sind», regt sich Maria Khouri, Davids Frau, auf. «Warum können die Israeli es nicht einfacher für uns machen?»
Trotz aller Probleme ist Taybeh inzwischen eine etablierte Marke – die Brauerei exportiert 40 Prozent der Produktion nach Israel, ausserdem trinkt man Taybeh in Japan, England, Schweden, Belgien und natürlich in Deutschland, wo die Brauerei ein Franchiseunternehmen in Hamburg hat. Das Bier hatte vor der Intifada sogar ein Koscherzertifikat – von einem Rabbiner aus einer jüdischen Siedlung in der Nähe. «Wir leben mit unseren Nachbarn friedlich zusammen», meint David Khouri.
Palästinensisches Oktoberfest
Das ist nicht immer einfach: Im überwiegend muslimischen Westjordanland ist es den Menschen nach dem Koran verboten, Alkohol zu trinken. Deshalb darf Taybeh keine Werbung in den palästinensischen Medien machen. Aber Khouri braut auch alkoholfreies Bier für Muslime – dies sei ein Zeichen von Respekt, wie er sagt.
Einmal im Jahr laden die Khouris zum Oktoberfest ein – dieses Jahr am 1. und 2. Tag des Monats. «Taybeh soll das Dorf des Friedens sein», meint David Khouri. Neben bayrischen Blasmusikkapellen treten auch Karatekämpfer aus Japan und lokale Hip-Hop-Bands wie die Old City Soldiers aus Jerusalem auf. «Wir wollen ein Vorbild für andere Palästinenser sein», erklärt Maria Khouri, die das Oktoberfest organisiert. «Die Menschen sollen wieder Vertrauen in ihre eigenen Produkte bekommen. Die meisten kaufen lieber israelische Milch als palästinensische, weil sie glauben, dass die israelischen Marken besser sind.» Sie zeigt auf ein Taybeh-Werbeplakat mit dem Slogan «Drink Palestinian». «Die Menschen hier lieben ihre Wurzeln, auch wenn sie lange im Ausland gelebt haben», erzählt Maria Khouri, die selbst aus Griechenland stammt und ihrem Mann David ins Westjordanland gefolgt ist. Die Khouris hoffen, dass die Mitglieder der Uno-Generalversammlung für einen palästinensischen Staat stimmen werden. «Wir haben keinen eigenen Flughafen, keinen Zugang zum Meer, wir haben viel mehr Probleme, Waren nach Israel zu bringen als umgekehrt – das ist einfach nicht fair!», meint David Khouri. «Mit offenen Grenzen wäre alles viel einfacher. Sonst ist es für palästinensische Unternehmen schwierig zu überleben.» Die Khouris hoffen, dass sie im Oktober mehr feiern können als gutes Bier.


