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29. September 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 39 Ausgabe: Nr. 39 » September 29, 2011

Die Ambulanz der Wünsche

Von Sima Borowksi, September 28, 2011
Normalerweise wird eine Ambulanz gerufen, wenn ein Notfall entstanden ist. In Israel aber gibt es nun eine einzigartige andere Ambulanz, die nur dann zum Einsatz kommt, wenn ein Wunsch erfüllt werden soll.
EIN KOSTENLOSER SERVICE Die Nachfrage nach der Ambulanz, die spezielle Wünsche kranker Menschen erfüllt, ist gross

Alles begann mit einem einzigen Wunsch, den eine junge, im Sterben liegende Frau hatte, die mit Krebs im Endstadium in einem Hospiz lag. Sie hatte nur noch einen Wunsch: ein letztes Mal an einem wichtigen bevorstehenden Familienanlass teilzunehmen. So wurde der Versuch gemacht, sie mit einer normalen Ambulanz vom Hospiz im Zentrum des Landes in den äussersten Süden Israels zu bringen, wo der Anlass stattfand. Leider verschlechterte sich ihr Zustand auf dem Weg dorthin stark. Sie musste zurückgebracht werden und verstarb einige Tage später im Hospiz.



Zuoberst auf der Prioritätenliste
«Dieses traurige Geschehnis liess uns realisieren, dass es Bedarf nach einer speziellen Ambulanz gab, mit der es uns möglich sein würde, Schwerstkranke auch in schwierigen Umständen von einem Ort zum anderen zu bringen. Dieses Projekt stand bald zuoberst auf unserer Prioritätenliste», sagt Assi Dvilansky, Leiter des Projekts «Ambulanz der Wünsche» des Magen David Adom (MDA). «Dabei war es für uns wesentlich, dass Eli Bin, der Direktor des MDA, voll hinter unserem Projekt stand und uns jede Hilfe und Unterstützung gab, die wir brauchten, um das Vorhaben in die Tat umzusetzen. Wir wollten unbedingt eine Ambulanz konzipieren, die es möglich machen würde, die Wünsche von sehr kranken, ans Bett gebundenen Menschen zu erfüllen, etwa ein letztes Mal jemanden zu sehen oder einen bestimmten Ort zu besuchen.»
Die grosse Überraschung war, dass die Finanzierung des Projekts sehr schnell zustande kam, nachdem es einmal innerhalb der MDA-Vereine weltweit bekannt gemacht worden war. «Wir erhielten die positive Antwort unseres schwedischen Vereins, dass sie einen Gönner hätten, der die ganze für das Projekt benötigte Summe von 1,5 Millionen Schekel aufbringen wolle. Danach brauchten wir sechs Monate, um die Ambulanz zu entwerfen und zu bauen», erinnert sich Dvilansky.

Der Patient steht im Mittelpunkt
«Bei dieser Ambulanz dreht sich alles ausschliesslich um den Patienten. Wir haben sie deshalb so entworfen, dass sie all den Komfort und Platz aufweist, den Schwerstkranke benötigen. Natürlich ist das Fahrzeug mit den fortschrittlichsten medizinischen Geräten ausgerüstet, die den Transport solcher Patienten unter Fortführung ihrer medizinischen Behandlung überhaupt erst ermöglichen», erklärt er.
Ein Prototyp für diesen Transporter wurde in Frankfurt gefunden. Er bestand in einer überdurchschnittlich grossen Ambulanz, die ebenfalls mit allen modernen medizinischen Geräten wie Monitoren und Lebenserhaltungssystemen ausgerüstet war. Eine israelische Delegation begab sich vor Ort, um gemeinsam mit dem deutschen Hersteller die Ambulanz ihrer Träume zu konzipieren, die allen ihren Anforderungen entsprechen würde. Weil der Patient unter Umständen während langer Stunden im Fahrzeug bleiben muss, war es wichtig, dass das Bett eher gross und bequem ist. Zu-
sätzlich ist es auf einer Stösse abfedernden Plattform montiert, wodurch Erschütterungen durch Strassenunebenheiten für den Patienten nicht mehr zu spüren sind. Um die Reise für die Kranken kurzweilig und nachverfolgbar zu gestalten wurde auch ein Videosystem installiert, welches die Aufnahmen einer am Auto montierten Kamera auf einen Bildschirm im Inneren überträgt. Ganz offensichtlich wurde dem Wohlbefinden des Patienten in jeder Hinsicht Beachtung geschenkt, als das Fahrzeug entworfen wurde.

Der erste Einsatz

Als die Ambulanz dann 2009 bereitstand, dauerte es nicht lange, bis sie zu ihrem ersten Einsatz gerufen wurde: «Den ersten Anruf erhielten wir nur
einen Tag nach der Einweihungszeremonie für die Ambulanz unter der Klagemauer. Eine Familie hatte davon in der Zeitung gelesen und rief uns an. Wir waren glücklich, ihr diesen Dienst leisten zu können. Der Patient war der Familienvater, der an einer schweren Muskeldystrophie litt. Er konnte lediglich noch seine Augenlider bewegen, und das war seine einzige Kommunikationsmöglichkeit mit seiner Umgebung. Die Familie wünschte sich, dass der Vater der Hochzeit seines ältesten Sohnes beiwohnen könne, und es war unsere Ambulanz, durch die sich dieser Wunsch erfüllen liess. Als wir am Tag des glücklichen Ereignisses zu seinem Wohnhaus in Rishon Lezion im Zentrum Israels kamen, regnete es in Strömen, und es war extrem schwierig, den Patienten vom Haus in die Ambulanz zu bringen. Nachdem wir zehn Kilometer durch heftigsten Regen zum Ort der Hochzeitsfeier gefahren waren, mussten wir feststellen, dass es so unmöglich war, ihn aus dem Fahrzeug zu nehmen. Wir sahen die Tränen in seinen Augen und fühlten uns schrecklich, dass es uns trotz unserer Anstrengungen nicht möglich sein würde, seinen Wunsch zu erfüllen. Doch dann kam uns Gott zu Hilfe – ganz plötzlich hörte es für einen kurzen Moment auf zu regnen, und diese Zeit genügte uns, den Vater aus der Ambulanz und in das Festgebäude zu tragen, wo er unverzüglich von seiner glücklichen Familie umrundet und Teil der Hochzeit seines Sohnes wurde», erzählt Dvilansky mit hörbarer Rührung.

Gefragter Dienst

Seit diesem ersten Anruf wurde die Ambulanz der Wünsche bereits über 90 Mal angefordert und half, die Träume schwerstkranker Menschen in ganz Israel in Er-füllung gehen zu lassen. Für etliche von ihnen war es ihr letzter Wunsch, bevor sie sterben mussten. Der Dienst steht kostenlos zur Verfügung und wird normalerweise innerhalb von 48 Stunden erbracht, abhängig von der medizinischen Verfassung des Patienten. Manchmal ist es extrem kompliziert, einen Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen, und manchmal verblüffend einfach. So etwa der Wunsch einer Frau, die simpel darum bat, in der Ambulanz ein wenig spazieren gefahren zu werden, weil sie aufgrund ihrer Krankheit seit Jahren nicht mehr aus dem Haus gekommen war. Einige der Kranken möchten gerne in ihre Vergangenheit zurückkehren und gewisse Orte besuchen und sich verabschieden, bevor sie sterben. Ein Patient wollte das Tote Meer noch einmal sehen und ein anderer zu einem Fussballspiel gehen, nach dessen Ende alle Spieler zu ihm kamen und ihm ihre guten Wünsche entboten. «Die Mitglieder des Teams dieser Ambulanz erhalten eine spezielle Ausbildung, damit sie die komplizierten medizinischen Geräte im Fahrzeug bedienen können. Es gibt auch bereits einen speziellen Telefonservice, der die Anrufe entgegennimmt, und wir prüfen jeden Wunsch, der eingeht, auf seine Durchführbarkeit», erläutert Dvilansky. Um dann freimütig damit fortzufahren, dass er sich auch nach mehreren Jahren der Teilnahme an diesem einzigartigen Projekt noch immer wie ein Kind freuen könne, wenn die Ambulanz der Wünsche eine weitere Mission erfolgreich abgeschlossen habe.   



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