Das Wissen der jüdischen Nachmoderne
Es gehört nicht nur grösstmögliche wissenschaftliche Kenntnis, sondern auch ein kosmopolitischer Weitblick dazu, eine Enzyklopädie zu entwerfen. Ja, grosse Enzyklopädien sind das Werk einer ganzen Generation, die sich auf diese Weise ihre Welt entwirft und zugleich erklärt. Das berühmteste Beispiel dafür ist wohl die «Encyclopédie» von Denis Diderot und Jean Baptiste le Rond d'Alembert (1751), die zum Dokument des Zeitalters der Aufklärung schlechthin wurde.
Nicht jede Enzyklopädie wurde so berühmt, wenn auch manche mit demselben Enthusiasmus aufgetreten sind. Dazu gehört auch das moderne Projekt einer jüdischen Enzyklopädie, das jüdische Gelehrte seit dem 19. Jahrhundert verfolgten. Sie waren ein Versuch, das Judentum in seiner Ganzheit – in seiner Geschichte, Kultur, Religion – mit den Mitteln der modernen Wissenschaften, also historisch und philologisch, zu erfassen. Die Pioniere dieses säkularen jüdischen Wissensentwurfs waren die Vertreter einer Wissenschaft des Judentums wie unter anderem Leopold Zunz und Moritz Steinschneider. Sie verfassten umfangreiche Artikel, zum Beispiel «Jüdische Literatur» und «Jüdische Geschichte», für die grossen Enzyklopädien des 19. Jahrhunderts. In der Tradition der Wissenschaft des Judentums erschien sodann in New York die erste jüdische Gross-Enzyklopädie, die zwölfbändige «Jewish Encyclopedia» (1901–1906).
Ein monumentales Buchprojekt
Die Programmatik jüdischer Enzyklopädik wurde unter jüdischen Intellektuellen kaum emphatischer formuliert als im Umfeld des Zionismus. Die herausragenden Produkte dieser Zeit sind das «Jüdische Lexikon» (1927–1930) sowie vor allem die von Jakob Klatzkin und Nahum Goldmann
herausgegebene «Encyclopaedia Judaica» (1928–1934), die mit zehn grossen Bänden allerdings Fragment geblieben ist, abgebrochen beim Bustaben «L» durch die Umstände des NS-Regimes. Das Programm dieser Enzyklopädie formulierte der Kulturzionist Achad Haam schon um 1900, als ihm vorschwebte, in einem monumentalen Buch die verlorene geistige Einheit des Judentums wiederherzustellen. Nicht mehr Bibel oder Talmud sollten dies in der Moderne leisten, sondern eine neue jüdische Enzyklopädie. Ihre Aufgabe war die Sammlung des vergessenen und zerstreuten jüdischen Wissens, verstanden als geistiger Anteil an der nationalen Sammlung.
Der Abbruch der «Encyclopaedia Judaica» im Jahr 1934 ist symptomatisch für die Zäsur des Holocaust überhaupt, vor allem für den deutschsprachigen Raum. Eine deutschsprachige Wissenschaft des Judentums konnte sich nach 1945 erst zögerlich wieder etablieren. Um so bemerkenswerter ist es, dass sich vor wenigen Jahren ein Wissenschaftlerteam unter der Leitung des Historikers Dan Diner daran gemacht hat, wieder eine grosse jüdische Enzyklopädie in deutscher Sprache vorzulegen, die «Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur». In diesem Jahr ist der erste Band erschienen; sie ist auf insgesamt sechs Bände und einen Registerband angelegt und soll bereits im Jahr 2014 abgeschlossen vorliegen.
Enzyklopädie der «Nachmoderne»
Die Zäsur dieser Enzyklopädie gegenüber der modernen jüdischen Wissenschaftstradition der Moderne ist nötig und gewollt – Diner macht sie in der erhellenden Einleitung deutlich: Es gilt, die «Wucht des Ereignisses», die die Katastrophe des Holocaust bedeutet, angemessen zu berücksichtigen. Das geschieht in der Enzyklopädie auf mehreren Ebenen. Am markantesten ist die Einnahme einer «diasporischen» Perspektive. Das bedeutet nicht nur eine implizite Zurückweisung der modernen zionistischen Enzyklopädieunternehmen. «Jüdische Lebensweisen» überhaupt sieht Diner als Ausdruck einer «eminent diasporischen Konstellation». «Diasporisch» ist das höchst gespalte Verhältnis zur eigenen Tradition: Zwar wird eine jüdische Wissenstradition anerkannt, doch kann diese für die eigene Gegenwart nicht mehr ungebrochen restituiert werden. Das Verhältnis zur Tradition ist gebrochen, Diner spricht gar von einer «dekonstruierenden Verfremdung dieses Wissens». Wir leben, so die Annahme, weitgehend in einem «nachtraditionellen» und «nachkanonischen» Zeitalter; eine neue jüdische Enzyklopädie muss dieser Situation der «Nachmoderne» gerecht werden.
«Diasporisch» ist nicht nur das gebrochene Verhältnis zur Tradition, sondern auch zur Nation: Es kann nicht mehr darum gehen, «obligate Zugehörigkeiten» emblematisch zu erzeugen und zu bestätigen, mithin nicht mehr um die Fundierung eines nationalen jüdischen Wissens. Vielmehr ist die Ausgangslage die immer neue «Verwandlung, Verschiebung, Verflüssigung und Auflösung von traditionellen Merkmalen der Zugehörigkeit». Dergestalt ist jede Form jüdischer Zugehörigkeit in der nachmoderne dynamischer und pluraler geworden. Symptomatisch dafür ist die Betonung nicht nur einer jüdischen Innensicht wie auch einer Aussensicht auf das Judentum, sondern die Annahme «einer über Juden und Judentum im engeren Sinn hinausweisenden Perspektive einer universellen Bedeutung jüdischer Existenzerfahrung». «Postzionistisch» muss diese Sicht nicht ausdrücklich heissen. Dennoch ist klar, dass diese Enzyklopädie weit entfernt vom kulturzionistischen Wissenschaftsprogramm liegt, das eben darin bestand, eine zerstreute Tradition zu restituieren.
Pluralität und Gebrochenheit
Symptomatisch dafür ist aber auch, dass sich diese neue Enzyklopädie auf die jüngere jüdische Geschichte beschränkt: Sie umfasste den Zeitraum zwischen 1750 und 1950, also die Epoche von Aufklärung und Emanzipation: von der klassischen Zeit der jüdischen Moderne bis zu ihrem Ende im Holocaust und zur Gründung des Staates Israel. Die (religiöse) jüdische Tradition erschient in dieser Enzyklopädie also immer schon im Lichte ihrer modernen und nachmodernen Transformation. Ein zentrales Stichwort ist daher auch dasjenige der Säkularisierung, die sich gewissermassen in fünf zentrifugalen Themenkreisen immer weiter Bahn verschafft: ausgehend vom gesetzestreuen «Judentum» über die diversen «Judenheiten» und die singulären «Juden» bis hin zu den Projektionen der «Judenfeindschaft» und der Vernichtung im «Holocaust». Jüdische Geschichte und Kultur in der Moderne wird damit als eine Folge von «Kreisen abnehmender Heiligkeit» gedacht – keine geringe Annahme, die ein implizit katastrophisches Geschichtsverständnis erkennen lässt. Eben damit nehmen diese neuen Enyklopädisten des Judentums einen eigenen Standpunkt ein, der kosmopolitisch und universal, postkanonisch und postnational ist.
Diese Pluralität und Gebrochenheit eines nachmoderen Diaspora-Judentums bilden die Leipziger Enzyklopädisten nicht zuletzt auch formal ab: In den leitenden Konzepten von «Ortsgedächtnis» («lieux de mémoire») und «Textgedächtnis» («lieux d’oeuvres»). Jüdische Geschichte und Kultur wird damit primär an ihren Orten und Texten aufgezeigt – und nicht etwa an handelnden Individuen oder abstrakten Ideen und Ideologien. Man wird folgerecht vergeblich nach Personenartikeln suchen wie etwa «Kafka»; konsequent wird man ihn vielmehr im Artikel «Prag» finden, «Zionismus» wiederum im Ort-Artikel «Zion». Die Oberfläche, an der uns die jüdische Geschichte und Kultur 1750 bis 1950 hier entgegentritt, sind also Orte und Texte, Institutionen und Lebenswelten – und nicht Personen und Ideen. Dieses Verschwinden insbesondere der handelnden Individuen in der jüdischen Geschichte und Kultur ist in der formalen Umsetzung einer nachmodernen diasporischen Perspektive zwar konsequent und weitgehend plausibel. Der Benutzer wird damit allerdings gewisse Mühen haben. Nicht nur Personen und Ideen, auch kleinteilige Themen wird man vergebens suchen, es wäre denn, der Leser schliesse entweder selber, wo er etwa Gershom Scholem suchen müsste (nämlich im Artikel «Kabbala»), oder aber er wartet auf den Registerband, der für die Nutzung dieser Enzyklopädie – gleichsam als Navigationsgerät – zweifellos unerlässlich sein wird.
Man mag die eine oder andere Entscheidung zur Diskussion stellen wollen. Fest steht aber schon nach dem Erscheinen des ersten Bandes dieser neuen jüdischen Enzyklopädie, dass hier ein mutiger, genuiner und grosser Wurf gelungen ist: Es ist nicht nur ein Nachschlagewerk unter anderen, sondern das eigenständige und selbstbewusste Dokument einer nachmodernen jüdischen Gegenwart.
Dan Diener (Hg.): Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart 2011.
Andreas Kilcher ist Literatur- und Kulturwissenschaftler an der ETH Zürich und forscht zur jüdischen Literatur- und Kulturgeschichte wie auch zur Wissensgeschichte der Enzyklopädie im Allgemeinen. Er hat auch des «Lexikon jüdischer Philosophen» (2003) und das «Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur» (beide Metzler-Verlag), das 2000 erschienen ist und demnächst in einer Neuauflage erscheinen wird, herausgegeben.


