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29. September 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 39 Ausgabe: Nr. 39 » September 29, 2011

Bewegte Zeiten und Routine

Von Daniel Zuber, September 28, 2011
Verschiedene Gemeinderepräsentanten blicken auf das vergangene jüdische Jahr zurück und geben einen Vorgeschmack dessen, was in den folgenden Monaten alles anstehen könnte.

Die Welt und besonders der Nahe Osten erlebte ein bewegtes Jahr 5771. Die Wirtschaftskrise, drohende Staatsbankrotte oder die Atomkatastrophe in Japan waren Ereignisse mit globalen Auswirkungen. Derweil geht der Alltag weiter, als wäre nichts gewesen. Zu Rosch Haschana hat tachles mit verschiedenen Repräsentanten jüdischer Gemeinden in der Schweiz gesprochen und gefragt, was sie zurzeit bewegt und womit sie sich in den kommenden Monaten voraussichtlich befassen werden.



Bern und Basel

Die Jüdische Gemeinde Bern (JGB) blickt auf ein ruhiges Jahr zurück, «was immer gut ist», wie Gemeindepräsidentin Edith Bino erzählt. Der Höhepunkt des Jahres war für die JGB die Delegiertenversammlung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG), welche Anfang Juni im Berner Hotel Bellevue Palace stattgefunden hat. Im Vorstand der JGB gab es eine Änderung: Denise Alvarez hat das Ressort Soziale Dienste übernommen und Leah Helzer ersetzt. «Zudem wird Chasan José Kaufmann im Frühling gehen», so Bino. «Wir sind noch auf der Suche nach einem geeigneten Nachfolger.»
Ein Dauerthema seien bei der JGB die Finanzen. Nach wie vor sei es schwierig, die nötigen finanziellen Mittel zu sammeln, und man sei stets auf der Suche nach neuen Geldquellen – «business as usual», bekräftigt die Gemeindepräsidentin. Bino erwähnt weiter, dass ein Buch über die Juden in Bern im Entstehen sei, ein Projekt, das die JGB initiierte. Dabei würden nicht nur historische Aspekte beleuchtet, sondern auch das zeitgenössische jüdische Leben in der Schweizer Hauptstadt mit all seinen soziologischen und politischen Zusammenhängen.
Die Israelitische Gemeinde Basel (IGB) verzeichnete im letzten Jahr viele personelle Veränderungen innerhalb des Vorstands (vgl. tachles 25/ 2011). Neu ist zudem, dass die IGB nur noch acht Vorstandsmitglieder zählt statt wie bislang zehn. Jahreshöhepunkt für die IGB war, so Gemeindepräsident Guy Rueff, der Besuch von Rabbiner Jonathan Sacks aus London im November des vergangenen Jahres. Ohnehin könne die Gemeinde auf zahlreiche gelungene Anlässe zurückblicken, an denen die Mitglieder sehr aktiv teilnahmen.
Im vergangenen Jahr hat die IGB ein neues Sicherheitskonzept zum Einsatz gebracht, welches vor der Implementierung für viel Diskussionsstoff gesorgt hatte. «Nach kleineren Anfangsschwierigkeiten hat sich das neue System bewährt», erklärt Rueff. Durch die neue 24-Stunden-Über-wachung konnten kürzlich etwa die Verursacher kleinerer antisemitischer Schmierereien gefilmt werden. «Der Film wurde zur Abklärung der Polizei übergeben», so Rueff.
Auch Basel ist mit täglichen Problemen konfrontiert, wie etwa mit omnipräsenten Finanz- und Personalthemen, was aber «daily business» sei. Die Bereitschaft für ein Engagement in der Gemeinde nehme ab, so Rueff: «Wir müssen uns überlegen, wie wir uns mit reduzierten finanziellen und personellen Ressourcen arrangieren und trotzdem ein attraktives Programm für die Gemeindemitglieder bieten.»

Bewegte Zeiten in Zürich

Die Co-Präsidentin der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) Shella Kertész sagt: «Wenn Sie mich nach einem Rückblick auf das vergangene Jahr fragen, so kann ich mit Sicherheit sagen, dass das letzte Jahr eines der bewegtesten Jahre in der Geschichte der ICZ war. Nach knapp einem Jahr Umbauzeit durften wir das neue Gemeindezentrum beziehen.» Das Gemeindeleben habe dadurch einen enormen Auftrieb erlebt, «und unsere Mitglieder fühlen sich zunehmend wohl in ihrem neuen ‹alten› Haus.» Die renovierten Räumlichkeiten (vgl. tachles 49/10) würden von Jung und Alt intensiv genutzt. Kertész ergänzt: «Ohne das Zusammenspiel zwischen der Verwaltung und den vielen Freiwilligen, die sich in der Gemeinde engagieren, wäre es nicht möglich, ein so intensives ICZ-Leben zu gestalten und durchzuführen.» Die ICZ hat im vergangenen Jahr sowohl auf
religiöser wie auch auf kultureller, wissenschaftlicher und politischer Ebene so viele Projekte durchgeführt, dass es schwierig sei, auf einzelne einzugehen.
Auch im kommenden Jahr wird einiges geschehen in der ICZ: So feiert die Gemeinde ihren 150. Geburtstag (vgl tachles 38/11). Kertész kündigt schon jetzt verschiedene Ereignisse an: «2012 ist ein Meilenstein in der Geschichte der ICZ. Viele Festivitäten sind in Vorbereitung und wir werden bald das Jahresprogramm vorstellen können.» Nach den Feiertagen werde das Gemeinderestaurant Olive Garden eröffnen, so Kertész. Die Co-Präsidentin weist zudem darauf hin, dass im Dezember Gesamterneuerungswahlen stattfinden.
Geprägt durch eine Experimentierphase war das vergangene Jahr für die Jüdische Liberale Gemeinde Or Chadasch (JLG). «Der Freitagabend- und Schabbatmorgengottesdienst wurde in der ersten Jahreshälfte bezüglich Inhalt und Dauer in verschiedenen Varianten durch unsere Mitglieder ausprobiert, zudem wurden auch verschiedene Sitzordnungen geprüft», erzählt Alex Dreifuss, Präsident der JLG. «Nach jedem Gottesdienst konnten die Anwesenden bewerten und kommentieren.» Die Resultate wurden nun analysiert und das weitere Vorgehen entschieden: «Ab Rosch Haschana wird der reguläre Gottesdienst am Schabbatmorgen neu immer um 10 Uhr beginnen und nach zwei Stunden beendet sein. Beginn und Dauer des Freitagabendgottesdienstes bleibt unverändert.» Dreifuss erzählt weiter: «Unser Foyer wurde umgestaltet und eine kleine Bibliothek ist im Aufbau begriffen, so dass unsere Mitglieder etwas mehr Gemütlichkeit auch auf diese Art erleben dürfen.»
Auch der JLG-Präsident gibt einen kurzen Ausblick: «Seit einiger Zeit erhalten unsere Mitglieder jeden Donnerstag von Rabbiner Ruben Bar-Ephraïm den Kommentar zum Wochenabschnitt als Likrat-Mail.» Diese Form der Kommunikation soll auf verschiedene Weise ausgebaut werden. So werde in den kommenden Wochen die Website der JLG erweitert und mit einem Mitgliederbereich ergänzt. «Spezielles Augenmerk legen wir im kommenden Jahr auf unsere Jugend», so Dreifuss, «die wir verstärkt durch ein erweitertes Angebot ins Gemeindeleben einbeziehen möchten. Wir sind daher auf der Suche nach einem Jugendleiter oder einer Jugendleiterin.» Weiter würden der Dialog über die Grenzen hinweg verstärkt, die Beziehung zu den
europäischen Schwesterngemeinden und Verbänden der JLG intensiviert und der interreligiöse Dialog weitergeführt.

Alltag bei den Kleingemeinden

Nicht viel Neues zu berichten gibt es bei der Israelitischen Kultusgemeinde Endingen (IKE). Wie Jules Bloch, Gemeindepräsident der IKE erzählt, blickt die Gemeinde auf verschiedene kulturelle Anlässe wie Konzerte oder Führungen zur langen Geschichte des jüdischen Lebens im Surbtal zurück und feiert natürlich die üblichen religiösen Feste gebührend. Zudem werde der hiesige jüdische Friedhof, welcher nach einem Sturm im Juli des vergangenen Jahres sehr lädiert war, zurzeit wiederaufgebaut. Das sei nur dank der Hilfe des Kantons, welcher die IKE mit 50 000 bis 60 000 Franken beim Wiederaufbau unterstützt, möglich. Bloch gibt sich jedoch auch etwas besorgt über die Zukunft der Gemeinde. «Was nach mir kommen wird, kann ich nicht abschätzen.» Gerade die Unterstützung durch die grossen jüdischen Gemeinden der Schweiz und durch den SIG lasse zu wünschen übrig. Zudem sei eine Überalterung der Gemeinde feststellbar, und viele Juden verliessen die Region. «Ich wünsche mir mehr positive Fürsprecher und vor allem mehr Taten für die Kleingemeinden», gibt Bloch zum Schluss zu bedenken.
Und was bewegt die Jüdische Gemeinde Biel? Jahreshöhepunkt seien stets die hohen Feiertage, bei denen die Gottesdienste von dem Vorbeter aus Israel, Gabriel Strenger, geleitet werden. Dazu kommen die vom Frauenverein organisierten Feste zu Purim und Chanukka im Gemeindesaal, so Haim Madjar, Aktuar der Bieler Gemeinde. Auch im Bieler Vorstand gab es Änderungen: Synagogenpräsident Leon Reich ist nach 41 Jahren im Amt zurückgetreten. Übernommen hat das Amt Avinoam Levy und der Vorstand wurde zusätzlich durch zwei neue Mitglieder verjüngt.
Haim Madjar erzählt weiter von einem Archiv zum Thema Judentum in Biel, welches der jüdischen Gemeinde gehöre und in der Bieler Stadtbibliothek deponiert wurde (vgl. tachles 43/10). Weiter ist die Rede von einer im Gemeindelokal seit August eingerichteten Bibliothek, die noch in der Startphase sei und ausgebaut werde. Madjar hat zudem selbst die etwa 350 Gräber auf dem jüdischen Friedhof von Biel fotografiert und dokumentiert.

Genf und die Jugend

Stolz blickt Roger Chartiel, Präsident der Communauté Israélite de Genève (CIG), auf gelungene kulturelle Anlässe und religiöse Festivitäten des vergangenen Jahres zurück. Besonders erfolgreich seien die kulturellen Aktivitäten der CIG im Rahmen des Europäischen Tags der jüdischen Kultur gewesen. Strukturelle Änderungen habe es bei der CIG im vergangenen Jahr keine gegeben, so Chartiel. In den kommenden Monaten stehe vor allem die Jugend im Fokus: «Wir wollen den Nachwuchs aktiver in die Gemeindeaktivitäten einbeziehen, der Jugend das Judentum näher bringen.» Neue Mitglieder sollen angeworben werden, und eine Verbreiterung des Kulturprogramms der CIG steht an: «Ein offeneres Programm mit mehr musikalischen Aktivitäten.»



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