Überall Isolation
Gefährlich. Am Vorabend der für den Staat politisch vielleicht entscheidenden Nacht steckt Israel in einer Isolation, die aus mehreren Gründen extrem gefährlich ist. Die Situation ist gefährlich, weil niemand mehr weiss, ob Israel aus Fahrlässigkeit in diese Sackgasse geraten ist, aus Dummheit oder Sorglosigkeit, oder ob die Isolation zum bewusst gewählten Bestandteil einer Strategie geworden ist, die darin besteht, Geschäftigkeit zu markieren, gleichzeitig aber darauf bedacht zu sein, dass effektiv nichts geschieht. Vor allem nicht etwas, das bei nächsten Knessetwahlen dem Entscheidungsträger und seiner Partei das politische Genick brechen könnte. Wie oft haben israelische Staatsmänner nicht schon ihre Bereitschaft zu «schmerzvollen Kompromissen» erklärt? Nie aber ist bis jetzt diese schwammige Bereitschaft durch den konkreten Unterbau möglicher Schritte zu einem lebensfähigen Ganzen gemacht worden.
Stures Nein. Die Palästinenser machen es Israel einfach, indem sie zu allem, was aus Jerusalem, Washington oder Brüssel kommt, stur nein sagen und sich eher einen Kropf wachsen lassen als den jüdischen Charakter des Staates Israel anzuerkennen. Letzten Endes sind die Palästinenser nicht weniger isoliert als die Israeli, im Gegenteil. Sie haben sich derart in die esoterische Idylle ihrer staatlichen Unabhängigkeit verheddert, dass sie darob den einzigen Weg zum Erreichen ihres Ziels aus den Augen verloren haben (klammern wir in unverbesserlichem Optimismus die Zerstörung Israels als Variante mal aus): Um direkte Verhandlungen mit Israel kommen sie nie herum, nicht heute und nicht in 100 Jahren. Da können sie noch Dutzende Male von der automatischen Mehrheit in der Uno-Vollversammlung profitieren. 1975 hat die gleiche Vollversammlung den Zionismus dem Rassismus gleichgesetzt. Und so, wie damals Botschafter Chaim Herzog die Resolution in Fetzen zerrissen hat, so werden israelische Politiker heute ebenso mit einer von der Uno gut geheissenen palästinensischen Unabhängigkeit verfahren.
Stetige Erosion. Mögen die Satzungen die Uno-Vollversammlung zu einem Papiertiger ohne Zähne degradieren – wenn über 120 Staaten Palästina das Wort reden, und sei es nur aus egoistischen Motiven, die mit Palästina selber nichts zu tun haben, dann wird dieser Akt die israelische Position erodieren. Israel muss Initiativen ergreifen und darf sich nicht auf «Masada, Modell 2011» verbarrikadieren. Rick Perry, der Republikaner von Texas, hat Barack Obama dieser Tage in einer Weise herabgeputzt, wie ein radikaler Likudnik es nicht besser hätte machen können. Seine Worte mögen Musik für einige Israeli gewesen sein. Aber auch sie werden aufwachen und feststellen, dass jemand, der US-Präsident werden will, notfalls seine Grossmutter an den Meistbietenden verkauft. Netanyahu wird wohl kaum dereinst zusammen mit Perry in der «glanzvollen Isolation» der Gegenwartsgeschichte versinken wollen. Solange aber Westbanksiedler gegen die «sogenannten Palästinenser» und den «Staat der Mörder» demonstrieren, wobei ihre Kleinkinder in bester palästinensischer Unart mit Transparenten in der ersten, fotogenen Reihe marschieren, so lange wird Binyamin Netanyahu sich fragen müssen, was mit der Erziehung seiner Jugend falsch läuft.
Einigeln und isolieren. Vielleicht läuft für ihn aber gar nichts falsch mit dieser Erziehung. Dann wird Netanyahu sich eben nichts fragen, sondern solange fortfahren, sich einzuigeln und zu isolieren, bis der Feind wirklich in der Türe steht.


