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23. September 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 38 Ausgabe: Nr. 38 » September 23, 2011

Tafel-Geschichten auf der Bühne

September 23, 2011

Die Theaterstücke «Both Upon a Time» und «Der Dibbuk» brachten die Kunst des Erzählens auf die Bühnen des Theaters und der Kaserne Basel. Einer kocht, der Rest sitzt da und erzählt Geschichten. Diese Geschichten kommen mal aus Irak, mal aus Marokko oder aus Jemen, und während der Koch kocht und der Erzähler erzählt, sitzen die restlichen Schauspielerinnen und Schauspieler da und hören zu, und am Schluss wird gelacht.
Dieses Panorama der Kaffeehaus-Atmosphäre zeigt Regisseurin Ofira Henig aus Tel Aviv in ihrem Stück «Both Upon a Time» in der Kaserne Basel in der traditionellen Form der Narration, der Fabel. Mit «Es war einmal» beginnen die Geschichten, da ist ein armer Ackermann, der seiner Frau zum Hochzeitstag Geld gibt, um ein Kilo Fleisch zu kaufen, sie kommt mit einem neuen Kleid und einer Beauty-Auffrischung zurück. Da ist der geizige Geschäftsmann, der an seinen durchgewetzten Schuhen festhält und von ihnen schliesslich ins Unglück gestürzt wird, weil der Geiz stets auf den Geizigen zurückfällt. Und da ist, als Geschichte von bitterer Tragik, die Frau, die ihrem Mann bei der Heirat versprochen hat, nie zu weinen – und als sie beim Dritten ihr Versprechen und bürdet damit dem Verstorbenen noch im Jenseits einen Fluch auf. Die Moral daraus: das Schicksal, so hart es auch zuschlagen möge, gilt es klaglos zu ertragen.

Keine Moral

So geht das weiter, und bereits legt man sich im Kopf die Fabelsammlung aus verschiedenen Ecken des Mittelmeerraums als Parabel des «melting pot» Israel zurecht. Derart linear ist das Stück allerdings nicht zu haben: Bald kippt Henigs Inszenierung ins Absurde, eine Geschichte über ein monstermässiges Geschwistertrio verliert den Faden und handelt mehr von übergrossen Brüsten, an denen gesaugt werden soll, als von kleinen Pointen, an denen man zu kauen hat. Und als sich am Schluss die Darsteller ans Bankett setzen und noch eine Abschlussanekdote erzählen, vom Mann mit nur einem Zahn und vom Einäugigen, die sich, ganz biblisch, Auge und Zahn gegenseitig zertrümmern, kommt nur noch das Fressen, aber keine Moral.



Arm in Arm

Mit dem Geschichtenerzählen am Tisch – dem Schabbatmahl – wird auch die Wiederaufführung von «Der Dibbuk» im Theater Basel lanciert. «Der Dibbuk» handelt von einer unerfüllten Liebe zwischen dem jungen Hanan, der sich von der Erde (Talmud) zum Himmel (Kabbala) emporschwingen will, und Lea, für die ihr Vater zwecks sozialen Aufstiegs einen anderen Bräutigam gefunden hat. Hanan stirbt vor Gram, und sein Geist, der «Dibbuk», flieht in Leas Körper, von wo er nur von einem alten Rabbiner ausgetrieben werden kann. Mit schweren Folgen: Lea überlebt den Exorzismus nicht.
Unerfüllte Liebe und Todessehnsucht treten also nahe nebeneinander, aber nachhaltiger als die Auflösung wirkt das Spiel der Darsteller. Urs Bihler und Miriam Goldschmidt, die diesen folkloristischen Stoff aus dem Krakauer Schtetl wieder aufführen, ent wickeln sich in der Darstellung als Ehepaar, das sich selbst die Geschichte vorspielt, ein beeindruckendes Spiel im Spiel, und sie nehmen sich alternierend der neu auftauchenden Rollen an. Sie brummen als Männer und kreischen als Frauen, und am Ende, als die Suppe ausgelöffelt und der Dibbuk vertrieben ist, ziehen sie Arm und Arm wieder davon. Intensiv-harmonische Szenen einer Ehe.



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