Renaissance des Jerusalemer Stadtzentrums
Wenn alles planmässig verläuft, wird der Konzern Hamashbir Lazarchan Mitte Oktober sein neues, luxuriöses Warenhaus am Zionsplatz in der Jerusalemer Innenstadt eröffnen. Mit einer Ladenfläche von rund 5000 Quadratmetern wird es das grösste Warenhaus in ganz Israel werden. In gewissen Kreisen der Bevölkerung betrachtet man Warenhausketten als Überbleibsel einer veralteten Konsumkultur, doch in anderen Ländern sind sie ein untrennbarer Bestandteil des urbanen Bildes. Wer durch die Londoner Oxford Street schlendert, eine der am meisten bevölkerten Shoppingstrassen in ganz Europa, wird feststellen, wie viel Konsumentenschreine wie Selfridges oder Debenhams zum Stadterlebnis beitragen und den Fussgängerfluss stimulieren.
«Jerusalem ist vielschichtig»
Die neueste Filiale von Hamashbir ist vom Jerusalemer Architekten Amazia Aaronson entworfen worden. Sie liegt am südöstlichen Ende des Zionsplatzes, ihre Fassade ist dem Platz und der Yafo-Strasse zugewandt. Das neue Haus ersetzt zwei je zweistöckige Gebäude, die laut Aaronson «keine architektonischen Besonderheiten» besessen hatten. Historisch hingegen waren die beiden Gebäude sehr wohl wichtig für die Stadt: In einem Haus befand sich bis vor wenigen Jahren die erste Filiale der Kette der Steimatzky-Buchläden, und im anderen Haus eröffnete in den dreissiger Jahren das erste Konservatorium von Jerusalem seine Pforten.
Aaronson begann mit seinen Planungsarbeiten in den späten neunziger Jahren. Zuerst wollte man die beiden historischen Strukturen bewahren, doch Uri Shetrit, der damalige Stadtingenieur, wollte die vorgesehene Leichtbahn und die beabsichtigte Renaissance der Gegend beeinflussen, indem dort ein massives Mehrzweckgebäude errichtet werden sollte.
Nach intensiven Diskussionen über Konservierungsaspekte, die bis ins Innenministerium gelangten, beschloss man, diverse historische Steinelemente in das neue Gebäude zu integrieren. So wurde aus dem prägnanten Holzbalkon über dem Eingang zu Steimatzky ein Metallbalkon über dem Eingang zum neuen Geschäft. Das Ergebnis ist allerdings architektonisch etwas befremdlich. Der Balkon gleicht einem fossilisierten Souvenir, das nicht unbedingt zum Verständnis für das Ganze beiträgt. Aaronson ist hingegen der Ansicht, auf diese Weise seien die ursprünglichen Gebäude in der kollektiven urbanen Erinnerung bewahrt worden. «Die beiden alten Häuser verfügten», wie er sagte, «über bewahrungswürdige Steinelemente, die sonst vielleicht untergegangen wären». Es gebe keinen Grund, warum diese Elemente nicht noch weitere 100 Jahre bestehen sollten. «Jerusalem ist vielschichtig. Wo immer man gräbt, stösst man auf irgendetwas.»
Urbaner Blickfang
Die British-Israel Investments Ltd., die Besitzerin des Gebäudes, hat sich verpflichtet, eine permanente Ausstellung über die Geschichte der Stätte einschliesslich der zu Nachlat Shiva führenden Fussgängerzone zu errichten.
Im Zuge der Debatte zu den verschiedenen architektonischen Aspekten hat Aaronson für die zentralste Stelle der israelischen Hauptstadt einen neuen urbanen Blickfang kreiert. Das massive neue sechsstöckige Haus erinnert an den Bau- und Planungsstil der Stadt der britischen Mandatszeit. Es hat aber auch einen modernen, eleganten Stil. Das intern wie äusserlich am meisten hervorstechende Detail ist eine Rotunde, die sowohl von der Yafo-Strasse als auch von der Ben-Yehuda-Fussgängerzone her zu sehen ist. Effektiv handelt es sich bei der über zwei gläserne Aufzüge verfügenden Rotunde um den Raum, der alle kommerziellen Stockwerke miteinander verbindet. Aaronson kreierte die beiden Lifte als «kinetische Skulpturen», die nach aussen Licht ausstrahlen werden, was das Erlebnis der Passanten intensivieren wird.
Das Innere des Warenhauses ist von der auf derartige Projekte spezialisierten österreichischen Firma Umdasch entworfen worden. Verglichen mit den grosszügig konzipierten Warenhäusern in den USA und Europa sind die fünf Verkaufsstockwerke mit je rund 800 Quadratmetern relativ klein. Für die Designer stellte das aber kein Problem dar, sind alle Hamashbir-Läden doch in Departements aufgeteilt. Neben dem Verkaufsraum wird das Warenhaus auch über ein Stockwerk mit Büros und einem Café verfügen, das einen Balkon mit Aussicht auf die Stadt hat.
Grosse Erwartungen
Die neue Filiale von Hamashbir ist untrennbar verwoben mit dem Erneuerungsprozess der Jerusalemer Innenstadt. Nach den vielen deprimierenden Jahren der Arbeit an der Leichtbahn und der Renovierung der Yafo-Strasse sowie umgebender Strassen sehen die Dinge heute schon anders aus. Der
Autoverkehr in der Innenstadt ist wesentlich reduziert worden, die Yafo-Strasse ist zur Fussgängerzone geworden, und die Ladeninhaber, die die Renovationsperiode überlebt haben, müssen nun darauf vertrauen, dass die Bahn ihnen die Kunden herbeifährt.
Der Zionsplatz ist eins der Seiten des «Jerusalemer Dreiecks», dem Geschäftszentrum der Mandatszeit, das durch die Strassen Yafo, Ben Yehuda und King George begrenzt wird. Zu seinen Glanzzeiten zwischen den zwanziger und den vierziger Jahren befanden sich in diesem Dreieck viele Kinos, elegante Kaffeehäuser, Restaurants der Bohème und Geschäfte. Heute drücken vor allem Fast-Food-Restaurants und Souvenirläden den Strassen ihren Stempel auf. Jahre der Renovationen und Spannungen aus Sicherheitsgründen haben ihre Spuren hinterlassen. Deshalb reflektiert der Beschluss von Hamashbir, in ein derart kostspieliges Projekt dort zu investieren, die Zuversicht der Warenhauskette in eine Renaissance der Jerusalemer Innenstadt, die nach Ansicht von Hamashbir das Potenzial besitzt, erneut zu einem Zentrum von Handel und Unterhaltung zu werden. Aaronson hofft, die Leichtbahn und die urbane Renovation würden alle Erwartungen erfüllen. «Die Stadt hat alle ihre Eier in einen Korb gelegt», sagte er. «Es ist sehr wahrscheinlich, dass dieser Korb zum Erfolg werden wird.»


