logo
23. September 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 38 Ausgabe: Nr. 38 » September 23, 2011

Lieder von den letzten Juden

Von Martin Dreyfus, September 23, 2011

Lajser Ajchenrand und Hermann Adler entstammten ursprünglich der osteuropäischen jüdischen Kultur, beide sind sie im Jahr 1911 im Abstand von nur wenigen Tagen zur Welt gekommen, und beide haben in den Kriegsjahren nach ihrer Flucht Asyl in der Schweiz gefunden.
LAJSER AJCHENRAND Vor wenigen Jahren wurden seine Gedichte neu veröffentlicht

Beim jiddischen Lyriker Lajser Ajchenrand, am 23. September 1911 im polnischen Demblin, und beim Dichter und Publizisten Hermann Adler, am 2. Oktober 1911 in Diosek (nicht weit von Pressburg)) zur Welt gekommen, jährt sich im Abstand von kaum zehn Tagen die 100. Wiederkehr ihrer Geburtstage. Während Ajchenrand dank einer (Neu-)Veröffentlichung seiner Gedichte vor wenigen Jahren der Vergessenheit ein wenig entrissen werden konnte, ist zumindest das schriftstellerische Werk Hermann Adlers etwas bekannter – da sich in seiner Wahlheimat Basel viele Menschen seiner bis ins hohe Alter präsenten Persönlichkeit erinnern werden.



«Wir verstummen nicht»

Ajchenrand, dessen Vater Lehrer war, lebte seit 1937 in Frankreich, wo er zunächst als Schneider arbeitete. 1939 trat er als Freiwilliger in die französische Armee ein. Nach dem Zusammenbruch Frankreichs war er in verschiedenen Lagern interniert, bevor ihm 1942 die Flucht und die Aufnahme in der Schweiz gelang. Nach Aufenthalten in Frankreich, Argentinien und Israel lebte er mit seiner Frau Claire, die er in der Schweiz kennengelernt hatte, während vieler Jahre in Küsnacht bei Zürich, wo er 1985 starb.
1946 erschien im Verlag von Carl Posen, dessen Mitarbeiter Lajser Ajchenrand in den Nachkriegsjahren war, ein schmaler Gedichtband, «Wir verstummen nicht. Gedichte in der Fremde», welcher neben der Lyrik der Emigranten Jo Mihaly und Stephan Hermlin eine erste Begegnung mit der jiddischen Lyrik Lajser Ajchenrands ermöglichte. Während in dieser Ausgabe nur einzelne für den deutschsprachigen Schweizer Leser unverständliche Worte erklärt wurden, war in einem 1947 erneut bei Posen erschienenen Gedichtband «Hörst Du nicht» Ajchenrands Originaldichtung jeweils einer Übertragung von Walter Lesch und Max Werner Lenz, seinerzeit Mitgründer des Cabaret Cornichon, gegenübergestellt.
Von Abdrucken einzelner Gedichte in Anthologien abgesehen, blieb dies – trotz prominenter «Fürsprache» (etwa von Alfred A. Häsler) – über Jahrzehnte die einzige selbständige Veröffentlichung des Autors mit deutscher Übersetzung. Mit «Übertragungen» war Ajchenrand kaum je wirklich
zufrieden. Seit 1953 erschienen zunächst in Paris, später in Israel mehrere Lyrikbände in jiddischer Sprache, dessen erster, «Mimaamakim» («Aus der Tiefe»), der jüngsten Ausgabe beim Ammann-Verlag auch den Titel gab; für  «Mimaamakim» wurde  Ajchenrand unter anderem 1976 mit dem Itzik-Manger-Preis, dem sogenannten Nobelpreis für jiddische Dichtung, ausgezeichnet.

Ein Gedichtband

Ajchenrand war unter anderem über Jahre in der linken «Kulturgemeinschaft der Emigranten» aktiv, den dadurch entstandenen Beziehungen und Freundschaften verdankt er auch seine erste Veröffentlichung in «Wir verstummen nicht». Ajchenrand fand, wie viele andere – damals ebenso wenig beachtete, später ungleich «berühmtere» wie etwa Robert Walser – in Carl Seelig einen nahezu unermüdlichen Fürsprecher.
Im Jahre 2006 ist 20 Jahre nach Lajser Ajchenrands Tod im Ammann-Verlag eine umfangreiche Sammlung seiner Gedichte, aus dem Jiddischen übertragen von Hubert Witt, unter dem Titel «Aus der Tiefe» erschienen. Dieser Gedichtband macht nach vielen Jahren eine erneute Begegnung mit einem der wichtigen Repräsentanten der jiddischen Dichtung möglich und stellt den jiddischen Gedichten (in hebräischen Buchstaben) neben der deutschen Übersetzung jeweils auch eine Umschrift des Jiddischen (in lateinischen Buchstaben) gegenüber.

Auf der Flucht

Ein – was die Vermittlung seiner Schriften betrifft – weniger gnädiges Schicksal war dem Werk des Dichters Hermann Adler beschieden. Hermann Adler verbrachte seine Jugend zwischen 1912 und 1932 in Nürnberg, in den Jahren 1932 bis 1934 lebte er als Lehrer für Schwererziehbare in Schlesien. Fluchtstationen Adlers waren nach 1934 zunächst Prag, später unter anderem die Slowakei und Polen, das von den Russen besetzte Lemberg, später Wilna, wo er 1941 im Wilnaer Ghetto der jüdischen Widerstandsbewegung angehörte. Nach erneuter Flucht zunächst ins Ghetto von Bialystok, beteiligte er sich 1943 am Ghettoaufstand in Warschau, von wo ihm erneut die Flucht nach Budapest gelang. Dort wurde er verhaftet und ins Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. 1945 fand er – er war mit einem der später ebenso bekannten wie umstrittenen sogenannten «Kasztner-Transporte» in die Schweiz gekommen – nach Internierungen in Militär- und Flüchtlingslagern Aufnahme als allerdings nicht arbeitsberechtigter «Zivilinternierter». 1952 erhielt er zunächst eine Niederlassungsbewilligung und damit Arbeits-erlaubnis – schon zuvor hatte er sich mit illegaler und damit anonymer vor allem redaktioneller Radioarbeit über Wasser gehalten. 1960 wurden er und seine Frau, die aus Wien stammende Opernsängerin Anita Distler, welche Adler 1941 im Ghetto von Wilna kennengelernt und geheiratet hatte, in der Schweiz eingebürgert.

Eine grosse Enttäuschung

Noch vor Ende des Krieges konnten – dank angesichts des bevorstehenden Kriegsendes «gelockerter» Publikationsbestimmungen – im Verlag von Emil Oprecht Adlers noch in Polen entstandene, teils bereits zuvor illegal in Ungarn erschienene «Gesänge aus der Stadt des Todes» herausgegeben werden. Noch im gleichen Jahr publizierte der Helios Verlag das Buch «Ostra Brama. Legenden aus der Zeit des grossen Untergangs». Neben der redaktionellen Arbeiten für Radio und Presse konnte Adler 1946 wiederum bei Oprecht die «Balladen der Gekreuzigten der Auferstandenen Verachteten» und 1950 als letzte Buchpublikation «Bilder nach dem Buche der Verheissung» im Verlag der Jüdischen Rundschau Maccabi heraus-
geben. Im gleichen Jahr publizierte der Hamburger Christian Verlag eine schmale vom Theologen Karl Thieme besorgte Auswahl aus Adlers Werk.
Adlers nachhaltigste Publikation war 1951 wiederum im Verlag von Emil Oprecht die Herausgabe der Nachdichtung von Jizchak Katzenelsons «Lied vom letzten Juden». Auch wenn Adler, inzwischen hochbetagt, kein Aufhebens mehr darum machen wollte, gehörte es wohl zu den Enttäuschungen seines Lebens, dass Wolf Biermann Mitte der neunziger Jahre die erweiterte Neuausgabe «Der grosse Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk» herausgab, jeglichen Hinweis auf Hermann Adlers Ausgabe von 1951 unterliess und sich, ebenso wie der Verlag Kiepenheuer & Witsch, zu Unrecht als grosser «Neu-Entdecker» feiern liess.

Psychologische Studien

Immerhin durfte Adler bereits 1946 noch im Stadium eines Flüchtlings eine Ehrengabe der Stadt Zürich entgegennehmen und er wurde 1991 mit dem Preis der Salomon-David-Steinberg-Stiftung ausgezeichnet. Adlers zahlreiche psycho-logische Studien unter anderem über «Psychotherapie und Judentum» und «Tiefenpsychlogische Symbolik», damit beschäftigte er sich bis in sein hohes Alter, sind dagegen nur in Ansätzen in Zeitschriften und Sammelbänden veröffentlicht. Daneben verfasste Adler ungezählte Radiobeiträge und Hörfolgen über sein weitgespanntes Interessengebiet, zu psychologischen Themen ebenso wie etwa zu Martin Buber oder Hermann Cohen oder über «6000 Jahre Werbung». Sein Interessengebiet war nahezu unerschöpflich.
Nicht unerwähnt sei, dass sich Adler nach dem Krieg während Jahrzehnten engagiert für eine im Sinne gegenseitiger Anerkennung respektvolle Verständigung zwischen den Religionen eingesetzt hat. Hermann Adler starb am 18. Februar 2000 in seinem 89. Lebensjahr in Basel.

Vielfältige Schönheit

Für Ajchenrand wie Adler mag gelten und hier auszugsweise zitiert sein, was Margarete Susman seinerzeit in einer Rezension zu Ajchenrands Gedichtband «Hörst Du nicht» schrieb: «Es ist die Dichtung eines auf der Erde unheimisch Gewordenen, dem die Zeiten vertauscht sind, dem nicht das Gegenwärtige, sondern das Gewesene das wahrhaft Wirkliche ist, dem alles um ihn her eigentümlich entwirklicht und entfremdet ist. In alle Dinge des Lebens hat der Finger des Todes seine unsichtbar-sichtbare Schrift eingezeichnet (…). Es sind auch in sie heutige europäische Kunstrichtungen, Elemente des Expressionismus und Surealismus, Ausdrucksweisen eines in seiner Ganzheit zerfallenden Europas eingeströmt. So ist diese in Farbe und Form, in Bild und Klang, in Schrei und Gebet eingefangene Welt der Verzweiflung und Verstörung zugleich eine Welt neuer und vielfältiger Schönheit.»



» zurück zur Auswahl