«Wir haben die ethnische Säuberung überlebt»
Chisinau! Wir, die Lebenden, vergessen euch nicht» in Hebräisch, Rumänisch und Russisch
Der 81-jährige Sabs Roif, Vorsitzender des Vereins der Holocaust-Opfer in der heutigen Republik Moldau, ist ein gebrechlicher Mann mit einer guten Dosis bitterbösen, osteuropäischen Humors. Zusammen mit seiner Frau Zelda wohnt er in einer bescheidenen Plattenbauwohnung in der Hauptstadt Chisinau. Die Wände wurden vor Jahren mit Blumentapete beklebt, die Möbel stammen aus der sozialistischen Produktion der siebziger Jahre. Zelda Roif schlägt ein Fotoalbum auf und beinahe ein ganzes Jahrhundert europäischer Geschichte schaut einem von den gelblichen Kartonblättern entgegen.
Im Sommer 1941 war der kleine Sabs elf Jahre alt, er wohnte auf dem Bauernhof seiner Eltern im bessarabischen Dorf Duruitoarea Veche, nur sechs Kilometer vom Fluss Pruth entfernt. «Mein Vater hatte in den dreissiger Jahren in Amerika gearbeitet und Geld gespart. Nach seiner Rückkehr war er ein wohlhabender Landwirt, wir züchteten Kühe und Schafe und verkauften viel Käse in den benachbarten Städten», erinnert sich Roif. Daheim sprach die Familie jiddisch und rumänisch, denn das Dorf lag bis kurz vor dem Krieg im Königreich Rumänien. Doch im Juni 1940 ratterten die Panzer der Roten Armee durch die Hauptstrasse von Duruitoarea Veche. In Folge des Hitler-Stalin-Pakts stellte der sowjetische Diktator Rumänien ein 48-stündiges Ultimatum – und besetzte Bessarabien und die Bukowina.
«Was für eine Naivität!»
«Viele unserer Nachbarn flohen mit der rumänischen Verwaltung westwärts, über den Pruth, wo die neue Grenze verlief», erzählt Roif. «Wir sind aber geblieben, denn meine Eltern wollten ihr Land und Vieh nicht verlieren – was für eine Naivität!», führt er sarkastisch fort. Kurz nach der Roten Armee tauchten auch Parteikader und Offiziere vom Geheimdienst NKWD in Duruitoarea Veche auf. Im Frühjahr 1941 verbreitete sich das Gerücht, dass die «Kulaken und Spiesser» bald nach Sibirien verschleppt würden.
Doch Roifs Familie hatte Glück und die Deportation blieb aus: Am 22. Juni marschierte die rumänische Armee in die Stadt ein und trieb die Sowjets zurück nach Osten. Das Unternehmen «Barbarossa» hatte seinen Lauf genommen, der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt war Makulatur. In Bukarest hatte unterdessen der faschistische Marschall Ion Antonescu die Macht übernommen – nicht zuletzt aufgrund der verlorenen Gebiete. Er befürwortete ein Bündnis mit Hitlers Deutschland und versprach der Bevölkerung eine rasche Rückeroberung von «rumänischem Boden».
«Als die rumänische Verwaltung zurückkehrte, freuten wir uns ganz am Anfang, dass wir befreit wurden – eine noch grössere Naivität!», lacht Roif. «Was die Sowjets im Zuge der Kollektivierung noch nicht vollenden konnten, führten die rumänischen Gendarmen gleich als Erstes fort: Sie beschlagnahmten unser ganzes Vermögen und schickten uns ins Lager. Nicht, weil wir Kulaken, sondern weil wir Juden waren», erinnert sich der Mann.
Ethnische Säuberung
Vor dem Zweiten Weltkrieg betrachteten viele Bevölkerungsgruppen das Königreich Rumänien als ihre Heimat. «Die Provinzen Bessarabien und Bukowina glichen Flickenteppichen, wo sich Juden, Rumänen, Polen, Ukrainer, Deutsche und Roma begegneten», beschreibt Historiker Lucian Boia die Ausgangslage. «Nach der Rückeroberung der Gebiete waren die rumänischen Faschisten allerdings bestrebt, genau diese Pluralität auszulöschen. Die ursprüngliche Freude an der Befreiung von der sowjetischen Besatzung wurde für viele zum Grauen vor der nächsten Tragödie», resümiert Boia, der an der Universität von Bukarest Ideengeschichte unterrichtet.
Trotz der ursprünglichen Beteuerungen von Marschall Antonescu ist die rumänische Armee nicht am Dnjestr, an der ehemaligen Grenze zur Sowjetunion, stehen geblieben, sondern rückte immer weiter vor, gemeinsam mit der Wehrmacht, bis nach Stalingrad. Als Geschenk für ihre Loyalität gewährte Hitler den rumänischen Behörden das Recht, nicht nur ihre früheren Provinzen Bessarabien und Bukowina, sondern darüber hinaus auch einen Teil der historischen Ukraine zu verwalten und wirtschaftlich auszubeuten. Ion Antonescu ernannte einen rumänischen Gouverneur für das Gebiet jenseits des Dnjestr, das sogenannte Transnistrien, und nutzte es als sein Hinterland. Weit entfernt von den Augen der Öffentlichkeit wurden dort Juden, Roma und Oppositionelle in Lagern interniert. So verfolgte die rumänische Regierung ihren Plan, grosse Teile des Landes ethnisch zu säubern.
Hunger, Kälte und Willkür
Auch für Sabs und Zelda Roif bedeutete die «Befreiung» die Deportation nach Transnistrien. Dort bekamen sie Hunger, Kälte und die Willkür der berüchtigten Gendarmerie, der rumänischen Ordnungspolizei, zu spüren. «Nach wenigen Tagen waren wir keine Menschen mehr, wir stanken wie die Tiere», erinnert sich der Mann. Anders als viele ihrer Familienangehörigen haben Roif und seine frühere Nachbarin Zelda überlebt. Nach dem Krieg konnten sie zurück zur Schule, später wurden sie Lehrer und gaben sich das Ja-Wort. Die Provinz Bessarabien wurde wieder ein Teil der Sowjetunion, bis sie dann 1991 zur unabhängigen Republik Moldau wurde.
Die 75-jährige Aglaia Arap trägt Kopftuch, ihre Kleidung erinnert an die traditionelle Tracht der Roma. Araps Muttersprache ist Romanes, sie spricht aber auch Russisch und den rumänischen Dialekt der Moldauer. Als sie geboren wurde, lag Ursari, ihr kleines Dorf, in Rumänien, in der Provinz Bessarabien. Dann teilte Ursari das Schicksal der ganzen Provinz: 1940 von den Sowjets besetzt, wurde es im Sommer 1941 von der rumänischen Armee zurückerobert. Heute liegt der vergessene Ort in der Republik Moldau etwa 60 Kilometer von der Hauptstadt Chisinau entfernt.
Aglaia Araps Vater war Kupferschmied, doch der Familie mit vier Kindern drohte wie auch den anderen Dorfbewohnern ständig Hunger. So erzählt sie vom Werben der Rumänen: «Die Gendarmen kamen ins Dorf und versprachen uns Häuser und Grundstücke in Transnistrien. Und wir unterzeichneten die Papiere», erinnert sie sich mit Tränen in den Augen. «Mein Vater hat nur ein paar Sachen in den Pferdewagen gepackt. ‹Ihr werdet nicht viel brauchen›, sagten uns die Gendarmen.» Mehrere Monate dauerte der Zwangsmarsch der Roma nach Transnistrien. Das Gefühl, der Willkür der Gendarmen ausgeliefert zu sein, war allgegenwärtig. «Eines Tages wurden einige von uns mit Benzin übergossen und angezündet. Von 60 Familien kehrten nach mehr als zwei Jahren nur 20 ins Dorf zurück», erzählt Aglaia Arap. Als die Familie zurückkam, war ihr altes Haus nur noch eine Ruine. Doch sie baute ein neues. Aglaia Arap arbeitete 40 Jahre als Putzfrau in der Dorfschule, wurde zehnmal Mutter und siebzehnmal Grossmutter.
Rumänischer Holocaust
Der Genozid an den Roma gehörte, genau wie die «Lösung der Judenfrage», zum sogenannten Masterplan der faschistischen Regierung in Bukarest. Die nationale Historiografie hat jahrzehntelang versucht, dieses Kapitel der rumänischen Geschichte zu vertuschen. Erst 2003 wurde eine internationale Historikerkommission unter der Leitung von Elie Wiesel berufen. Kurz nach Veröffentlichung des Kommissionsberichts erkannte Rumänien die Existenz eines Holocaust auf dem eigenen Gebiet offiziell an. «Unsere Anstrengungen gingen weit über blosse Lippenbekenntnisse oder Loyalitätsgesten gegenüber dem deutschen Verbündeten hinaus», sagt Alexandru Florian, Direktor des 2005 gegründeten Holocaust-Instituts in Bukarest.
Die organisatorischen Kapazitäten, die Disziplin und die Durchsetzungskraft der rumänischen Planer blieben oft unter den Erwartungen der deutschen SS-Attachés, wie die Depeschen der Botschaft an die Zentrale in Berlin belegen. Doch die Geschichtsforschung belegt zweifellos, dass es in Rumänien einen Holocaust gegeben hat. Einen Holocaust in eigener, manchmal chaotischer und korrupter Regie, dessen Details bis heute wenig bekannt sind.
Nach wie vor tabu
Trotz der Aufklärungsversuche der Historiker bleibt das Thema nach wie vor für die breite Öffentlichkeit und auch für viele Politiker entweder tabu oder ungenügend thematisiert. So sorgte vor Kurzem ein Interview des rumänischen Präsidenten Traian Basescu für einen politischen und diplomatischen Skandal: Der Staatschef behauptete, dass die rumänische Beteiligung an dem Nazi-Angriff auf die Sowjetunion vor 70 Jahren aus nationaler
Perspektive gerechtfertigt gewesen sei.
Er selbst hätte an Stelle des faschistischen Diktators Ion Antonescu den gleichen Befehl erteilt. «Damals hatten wir einen Verbündeten und ein verlorenes Gebiet, das wir zurückgewinnen mussten», erklärte Basescu mit Bezug auf NS-Deutschland und auf die historischen Provinzen Bessarabien und Bukowina.
Basescus Führungsstil polarisiert seit Jahren die Öffentlichkeit. Doch diesmal schockierten seine Kommentare auch einige seiner treusten Anhänger. So erklärte Radu Alexandru, Abgeordneter der präsidialen Mitte-Rechts-Partei PDL, er sei «bitter enttäuscht von der unverzeihlichen Ignoranz» des Staatschefs. Glaubt man Basescus Äusserungen, ist für ihn diese Schattenseite der rumänischen
Geschichte noch recht neu. In einem Gespräch mit der jüdischen Gemeinde im Jahr 2005 gab er an, erst in den letzten Jahren überhaupt von einem rumänischen Holocaust gehört zu haben. «Seine Kenntnisse über diese Zeit waren entweder vage oder schlechthin fehlerhaft», berichtet Paul Schwartz, stellvertretender Vorsitzender der Jüdischen Gemeinschaft Rumäniens. «Aber so verhält es sich eben auch mit den meisten Rumänen.»


