Konfrontationskultur
Im Vorfeld des Kulturfestivals Culturescapes mit dem Gastland Israel gab es viel zu reden über die Trennschärfe von Kultur und Politik und über die Frage, wie viel Unabhängigkeit einer Kulturveranstaltung, die von öffentlichen Geldern mitfinanziert wird, eigentlich zugestanden werden kann (vgl. tachles 36/11) – aber am Ende blieb das Staunen.
Der Pianist David Greilsammer und Gilad Harel an der Klarinette nahmen sich, quasi zum Warmlaufen, zuerst einer Mozart-Sonate in B-Dur an, bevor die Töne zu einer schrill dröhnenden und tief brummenden Klangfarbe wechselten. Ein Medley aus den Werken jüdischer Komponisten aus den Ghettos von 1942 und 1943 stand auf dem Programm, und in diesen atonalen Stimmungen, aus denen nahezu jede Harmoniefolgsamkeit entwichen war, klang der Nachhall des Unglücks ihrer Autoren noch spürbar nach. Harel entriss seiner Klarinette gellende Schreie und verwehte Tonfolgen von einer geisterhaften Schwäche, doch der Schluss gehörte einem kraftvollen, furiosen Crescendo, in das ein traditionelles Klezmerthema eingewoben war. Ein starker musikalischer Auftakt des Festivals, in dem sich die Kulturtradition mit der tragischen Historie des Judentums eng verdichtete, und nach dem Schlussakkord herrschte einen Moment lang demütige Stille im Foyer des Theaters Basel, bevor der Applaus sich entfesselte.
«Wir machen Kultur»
Der Moment war umso bemerkenswerter, als es an diesem Eröffnungsabend zum Gastland Israel von Culturescapes selten um Demut, dafür vielmehr um starke Positionsbezüge ging. Draussen vor dem Theatereingang verteilten die gut zwei Dutzend Aktivisten der Schweizer Sektion der propalästinensischen Kampagne «Boykott-Desinvestition-Sanktionen» (BDS) noch ihre letzten Flyer und hoben noch einmal ihre Protesttransparente hoch: «Apartheidscapes» stand provokativ drauf, bevor die Aktivisten zusammenpackten, ohne das Festival zu stören.
Bereits seit Monaten fordert BDS Schweiz die Organisatoren zu einer Absage der Veranstaltungen auf, weil die israelische Regierung Culturescapes – auch finanziell – unterstütze, um das internationale Image des Landes aufzupolieren (tachles berichtete). Entsprechend war in den Ansprachen mehr von Politik als Kultur die Rede: Festivaldirektor Jurriaan Cooiman eröffnete mit dem trotzigen Satz «Wir machen Kultur», um den unparteiischen wie politisch unabhängigen Charakter der Veranstaltung herauszustreichen, und endete dennoch mit dem bemerkenswerten Dankeswort an den anwesenden Botschafter Israels in der Schweiz, Ilan Elgar, «weil wir das Festival nur zusammen zu Ende schaffen konnten». Elgar wies in seinem kurzen, humoristisch unterfütterten Grusswort auf die «extremen Stimmen» der Boykottbefürworter hin, in deren Vorstellung palästinensische Rechte nur durch den Boykott, durch den Verzicht auf die Rechte der Israeli zu haben wären.
Kontroverse Positionen
Stattdessen betonte Elgar, dass der beidseitige Frieden nur über den Weg des Dialogs zu haben und Koexistenz nur über den Austausch zu festigen sei – davon zeuge das Kulturfestival. Scharfen Widerspruch erfuhr er danach von der Regisseurin Ofira Henig, deren Stück «Both Upon A Time» gegenwärtig in der Kaserne Basel aufgeführt wird: Sie bedauerte in ihrem bejubelten Statement die «Propaganda» der israelischen Regierung, die das Festival zur Vermittlung einer trügerischen Vorstellung von Koexistenz benutze, während Vertreter der alternativen Kulturszene mangels Unterstützung des israelischen Staates auf internationale Foren angewiesen seien.
Die kontroversen politischen Positionen innerhalb des Festivals waren damit abgesteckt, der Abschluss gehörte wieder der Kultur: Der Musiker und Videokünstler Kutiman aus Tel Aviv präsentierte einen roh geschnittenen Collageclip zu einem Song der Band Boom Pan, und der im Genre der World Music äusserst renommierte Idan Raichel brachte für sein «Acoustic Project» Musiker aus den verschiedenen Ethnien des israelischen Schmelztiegels zusammen. Ein mitreissender Abschluss der Festivaleröffnung, honoriert mit einer minutenlangen Standing Ovation.
Auf www.tachles.ch/gallery finden sich weitere Fotos der Eröffnung. tachles ist Medienpartner von Culturescapes. Weitere Berichte finden sich online unter www.tachles.ch und wöchentlich in der Printausgabe.


