Ein neues Massada?
Keine echte Freude. Anders als früher bereitet heute weder das Schreiben von Analysen zum Stand der jüdischen Nation noch die Lektüre bereits verfasster Abhandlungen echte Freude. Zumindest dann nicht, wenn die Autoren sich ohne patriotische Scheuklappen mit der Kernfrage, mit einer Bestandesaufnahme des Staates Israel, auseinandersetzen und nicht mit politisch-ideologischen Slogans, die oft nur dem egozentrischen Interesse von Parteien und Koalitionen dienen, nicht aber nationalen Zielsetzungen.
Altes Gejammer. Das Gejammer um die Isolierung des Staates Israel ist so alt wie dieser selbst. Seit der Dominierung der israelischen Regierung durch rechtsnationale Kräfte kennt das Isolierungs-Crescendo kein Ende mehr, und mit dem Ausbruch des «arabischen Frühlings» ist es Schritt um Schritt in eine Hysterie übergegangen. Zutreffend spricht Oppositionschefin Tzippi Livni davon, dass Binyamin Netanyahu Volk und Land letzten Endes zu einem «neuen Massada» führen werde.
Brandheisser Sommer. Der «arabische Frühling» wird für Israel zusehends zum brandheissen Sommer. Dafür hat Israel einen Teil der Verantwortung selber zu tragen. Wer erinnert sich nicht an die beschämende Szene als Vizeaussenminister Danny Ayalon den zu Besuch weilenden türkischen Botschafter auf einem Sessel sitzen liess, der nicht zufällig deutlich niedriger war als die Stühle der Gastgeber? Seit dieser an Arroganz und Frechheit kaum zu überbietenden Geste der (un)diplomatischen, orientalisches Feingefühl mit Füssen tretenden Muskelprotzerei liess Aussenminister Avigdor Lieberman keine Gelegenheit aus, um zu wiederholen, was man inzwischen kaum noch hören kann: Israel denke nicht daran, sich in irgendeiner Form für die Zwischenfälle auf dem Schiff «Mavi Marmara» zu entschuldigen, wie der nicht weniger grössenwahnsinnige türkische Premier Erdogan das fordert.
Besonnene Politiker wie Ehud Barak oder Dan Meridor hatten sehr wohl geraten, aus Gründen der Staatsraison einer für Jerusalem akzeptablen Form der Entschuldigung zuzustimmen. Die Elefanten Ayalon und Lieberman zerschlagen aber alles, was sich ihnen im nahöstlichen Porzellanladen in den Weg stellte. Mit dem Resultat, dass Erdogan am Dienstag sehnsüchtig von Kairo nach Gaza hinüberschielte, wo er früher oder später trotz israelischer Proteste aufkreuzen dürfte, und dass nur noch ein winziger Schritt Ankara vom totalen Bruch mit Israel trennt.
Nur Bedauern. Israel macht sodann Kairo, das mit seiner Revolution kaum zurande kommt, das Leben auch nicht leichter. Zwar dankte Netanyahu Ägypten für die Hilfe bei der Rettung des Botschaftspersonals vor dem wütenden Mob. Zu einer Entschuldigung aber für die Mitte August im Kreuzfeuer zwischen Terroristen und der IDF getöteten fünf ägyptischen Soldaten konnte Jerusalem sich trotz Kairoer Drängens nicht durchringen. Ein Bedauern war das Höchste der Gefühle. Schliesslich hielt Jordaniens König Abdullah II. nicht mit seinem Unmut über Israel zurück, das sich mit seinem Benehmen im Vergleich zum haschemitischen Königreich und zu den Palästinensern in eine «besorgniserregende Position» manövriert habe. Ausser der Kooperation in den Bereichen Wasser und Sicherheit entlang der Arava-Grenze gibt es zwischen Amman und Jerusalem kaum noch Gemeinsamkeiten. Gehört das zum Konzept der israelischen Massada-Strategen? Wann endlich begreifen Netanyahu und Co., dass Recht zu haben eine Sache ist, vernünftig und klug zu sein aber eine andere, oft viel wichtigere? Hoffentlich begreifen sie es, bevor es zu spät ist.


