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Jüdische Studien Ausgabe: Nr. 36 » September 9, 2011

Wo Scholem «schweizerisch» dozierte

von Caspar Battegay, September 9, 2011
Die Eranos-Tagungen und die jüdische Geistesgeschichte in Ascona.
GERSHOM SCHOLEM Judaist mit Jahrhundertwirkung

Es liegt nicht nur an der reizvollen Landschaft, dass das Institut für Jüdische Studien gerade auf dem Monte Verità bei Ascona eine Konferenz veranstaltet, sondern es ist auch einer Tradition des Ortes geschuldet. Im Schicksalsjahr 1933 wurde an jenem Ort eine Initiative ins Leben gerufen, die dem damaligen europäischen Trend zur Nationalisierung und zur Radikalisierung leise, aber entschieden widersprach. Die exzentrische Holländerin Olga Fröbe-Kapteyn, eine Anhängerin C. G. Jungs und begeisterte Esoterikerin, organisierte die erste von vielen sogenannten Eranos-Tagungen auf ihrem Anwesen in Moscia direkt am Lago Maggiore. Eranos ist ein griechisches Wort und meint ursprünglich ein Freundschaftsmahl, an dem sich alle Teilnehmenden mit Mitgebrachtem beteiligen. Im übertragenen Sinn sollte ein Ort des Austausches auf dem weiten Feld der Religionstheorie und der Mystik-Forschung geschaffen werden.



Inspirierende Umgebung

Eranos versammelte jährlich im Sommer eine Elite von europäischen Intellektuellen, die Tagungen fanden bis 1988 statt und wurden dann unter neuer Leitung bis 2006 weitergeführt. Die Landschaft um den Monte Verità bot eine inspirierende Umgebung. Der Berg ist ein legendärer Ort, an dem sich seit Ende des 19. Jahrhunderts verschiedenste Lebensreformer, Pazifisten, Nudisten, Anarchisten und viele andere -isten ein Stelldichein gaben. Er bildet, so sagte einst der Ausstellungsmacher Harald Szeemann, eine «sakrale Topografie» der alternativen Szene.
Für die jüdische Geistesgeschichte hat diese Topografie jedoch noch eine andere Bedeutung. Sie bildet eine Gesprächslandschaft, die nach 1945 Dialoge ermöglichte, die sonst kaum realisierbar gewesen wären. Zwar trat bereits Martin Buber 1934 beim Treffen zum Thema «Ostwestliche Symbolik und Seelenführung» auf, doch erst nachdem Europa vollständig «fremd und unheimlich» wurde, so der Psychologe Erich Neumann, fanden Neumann und andere deutsch-jüdische Intellektuelle wie Gershom Scholem oder der Historiker Shmuel Sambursky in Ascona eine neutrale Umgebung, um mit Wissenschaftlern aus Deutschland, der Schweiz und Frankreich ins Gespräch zu kommen. Ascona schien für diese Begegnungen eine Art extraterritorialer Raum zu sein. Neumann, der aus Deutschland nach Israel emigrierte und bis zu seinem Tod 1960 eine Privatpraxis in Tel Aviv führte, schrieb in einem Brief an Fröbe-Kapteyn: «Sie wissen, dass ich nicht zufällig in Israel bin, und ich gehöre dorthin zu einem guten Teil, der von den Ahnen kommt […], aber ein anderer unbedingterer […] Teil, der grundsätzlich heimatlos schien […], der fand, überrascht und beglückt, ein Stück Boden in dem, was als Eranos in Ihrem Herzen, als grosser runder Tisch des Gespräches auf der Terrasse am See […] lebendig ist.»

Die Schweiz als Tor

Auch Scholem war oft – und gerne – Gast in Ascona. Anfänglich skeptisch gegenüber Jung und dessen Verhalten in der Nazi-Zeit, liess er sich von Leo Baeck überzeugen, dass der berühmt-berüchtigte Psychologe kein Antisemit sei. An den Eranos-Tagungen entstanden Scholems bis heute wegweisende Essays über den Golem und den jüdischen Messianismus. Doch auch touristisch schienen die Anlässe sich zu lohnen. Scholem freute sich ausdrücklich, «abends über die Piazza streichen» zu können. Diese idyllischen Aussichten verdecken aber nicht den wesentlichen Aspekt: Zum ersten Mal nach dem Ende der Nazi-Diktatur publizierte Scholem wieder auf Deutsch, das er 1952 gegenüber Leo Strauss ironisch als «schweizerisch» bezeichnete. So bildete mit den Eranos-Tagungen die Schweiz ein Tor, durch das jüdische Studien als Wissenschaft nach der Schoah wieder ihren Weg nach Europa fanden. Das «Gastspiel» des Basler Instituts für Jüdische Geschichte in Ascona findet also im Bewusstsein einer besonderen Verpflichtung gegenüber dieser Geschichte und ihrer Fortschreibung statt.   



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