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Jüdische Studien Ausgabe: Nr. 36 » September 9, 2011

Über Orte, die Leere und das Lernen – Didaktik einer Exkursion

von Erik Petry, September 9, 2011
Lernen am Ort, lernen durch den Ort.

Exkursionen sind fester Bestandteil des Lehrplans an der Universität Basel. Im Frühjahrssemester 2010 hat das Institut für Jüdische Studien daher eine Studierendenreise nach Prag, im Mai 2011 eine weitere Reise nach Krakau organisiert. Hinter beiden Exkursionen steht ein Lehrkonzept, das diese Reisen aus dem «Alltag» universitären Lernens heraushebt.
Thematisch ist die Exkursion immer einem Ort gewidmet und soll die Studierenden in die neueste Forschung einführen. Vor der Reise findet ein mehrtägiger Workshop statt, an dem Studierende in Einzel- oder Zweiergruppen-Referaten Teilaspekte des Themas vorstellen und mit der gesamten Gruppe diskutieren. Die wissenschaftlich-theoretische Auseinandersetzung findet also zu einem grossen Teil vor der eigentlichen Exkursion statt, der Exkursionsplan orientiert sich dann streng an diesen Themen.



«Lernen am Ort»

Beim Festlegen der Referate und des Exkursionsplans wird darauf geachtet, dass zum einen historische Orte und Schauplätze, Museen sowie wissenschaftliche Institutionen ausgewählt werden, zum anderen aber jeder Ort auch eine Anregung zum Gespräch bieten muss. Letzteres geschieht durch das Hinzuziehen kompetenter lokaler Gesprächspartner und Gesprächspartnerinnen. Die Ergebnisse aus dem Workshop werden in diesen Diskussionen wieder aufgenommen, die jeweiligen Referenten aus dem Kreis der Studierenden sind als Spezialisten gefragt und benötigt. Dieses Konzept nennen wir «Lernen am Ort» und «Lernen durch den Ort».
Unter «Lernen am Ort» verstehen wir, dass sich die Exkursionsteilnehmer mit Studierenden, Wissenschaftlern, Gemeindeverantwortlichen, Rabbinern, Museums-mitarbeitenden, Künstlern und Kulturvermittlern zusammensetzen und mit diesen in einen Dialog treten. Im universitären Bereich stehen der Austausch unterschiedlicher Herangehensweisen an historische Themen, die Gewichtung dieser Themen im Curriculum der jeweiligen Institution sowie das Erfahren einer Universitätslehr- und -lernkultur ausserhalb der Schweiz im Vordergrund. Wichtig im Sinne einer berufsbezogenen Ausbildung ist aber auch, sich mit weiteren Arbeitsbereichen vertraut zu machen, die mit einer kulturwissenschaftlichen Ausbildung wie den Jüdischen Studien angestrebt werden können. Hier ist besonders die Kulturvermittlung in Museen und im Journalismus zu nennen.

Grosser Erkenntnisgewinn

«Lernen durch den Ort» meint, dass die Studierenden ihre bisher gewonnenen Erkenntnisse mit der heutigen Realität vergleichen. Gerade in Krakau war dies am Beispiel des jüdischen Viertels Kazimierz sehr gut möglich, denn aus dem einst blühenden jüdischen Viertel war nach 1945 ein heruntergekommener Ort geworden, der sich seit den neunziger Jahren wieder zu einem blühenden Viertel entwickelt – aber mit einer Leerstelle, denn nur noch wenige Spuren deuten auf die verschwundene jüdische Lebenswelt hin. Museen, restaurierte Synagogen, Gedenkstätten, Restaurants «Jewish Style», inzwischen auch ein koscheres Restaurant sorgen dafür, dass dieses Erbe ins Gedächtnis der Stadt eingeschrieben bleiben soll.
Gerade die Verbindung «Lernen am Ort» und «Lernen durch den Ort» sorgt für einen grossen Erkenntnisgewinn bei den Studierenden, die immer wieder gezwungen werden, ihre Lernergebnisse aus dem Workshop aus neuen Blickwinkeln anzuschauen, dabei diese Ergebnisse zu hinterfragen und auf neue Situationen zu übertragen. Prag und Krakau waren eindrückliche Beispiele, wie dieses Konzept funktioniert. Unsere nächste Exkursion wird uns im Frühjahrssemester 2012 nach Wien führen.  



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