Jiddisch an der Aare
Als im Jahr 1908 die Czernowitzer Sprachkonferenz stattfand und die jiddische Sprache, bis dahin hauptsächlich Jargon genannt, als eine Nationalsprache des jüdischen Volkes proklamiert wurde, stand auf dem dichten Programm der Konferenz auch ein Vortrag über die jiddische Orthografie. Das Thema braucht an sich nicht zu überraschen. Einigermassen ungewöhnlich mag aber die Autorisierung des Redners
Shmuel Eisenstadt als Vorsteher des Bernischen Studentenvereins anmuten. Auch die Ehre, die mit diesem Titel verbunden gewesen zu sein scheint, ist heute nicht ohne Weiteres nachvollziehbar.
Hätte die säkulare jiddische Literatur sich gleich anderen Literaturen fortsetzen können, so wäre dies jedoch keineswegs erstaunlich. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts, als es für Juden beinahe unmöglich war, an osteuropäischen Universitäten zugelassen zu werden, war in der jiddischen Trivialliteratur ein neuer Studententypus entstanden, der die überkommene Rolle eines Grafen oder Lords übernahm, wie bereits der Literaturkritiker Shmuel Niger (1883–1955) aufgezeigt hat. In diesen Romanen fungierte der Student als eine Art Wunderheld, der sich etwa in eine kleine Zigarettenverkäuferin verliebte und so den Lauf ihres Schicksals völlig veränderte.
Aber neben der allgemeinen Idealisierung des Studenten nahm die Uni der Stadt Bern noch eine besondere Rolle in der jiddischen Literatur ein. Vom Ende des 19. Jahrhunderts und bis zum Ersten Weltkrieg wurde diese von immer grösseren Zahlen jüdischer Studenten aus Osteuropa besucht. Bis zur gescheiterten Revolution von 1905 waren viele von ihnen auch politisch aktiv gewesen. Bekannt sind vor allem die Sozialisten Wladimir Medem (1879–1923) und Chaim Zhitlowsky (1865–1943), die damals in Bern studierten.
Treffpunkt Bern
Sehr früh wurde in der jungen jiddischen Literaturkritik auf die Verbindung zwischen «den Poeten und den Theoretikern» (d.h. Dichtern und Politikern), wie sie in Bern zur Sprache kam, hingewiesen. Der Zauber, den die damaligen Studenten auf ihre in den Kleinstädten Osteuropas verbliebenen Kameraden ausübten, spiegelt sich in deren Memoiren wider.
Doch die Schriftsteller, die das Bild der Aarestadt in der Literatur prägten, waren nur selten ordentliche Universitätsstudenten. Manche von ihnen hospitierten zwar als Hörer, aber weniger waren immatrikuliert und noch wenigere haben das Studium an der historisch-philosophischen Fakultät tatsächlich abgeschlossen. Denn das Bildungsideal war so hoch, dass allein schon der Aufenthalt in Bern ausreichte, um sie als Studenten oder sogar als Absolventen jener hehren Institution in die jiddischen Lexika einzutragen. Das Studium ermöglichte, wie aus der Literatur hervorgeht, soziale Mobilität, stand aber vor allem für unbeschränkte Freiheit und Unabhängigkeit.
So beschrieb der Schriftsteller Daniel Tscharny (1888–1959) die Stadt Bern als den Ort, wo er als selbstständiger Mensch geboren worden sei. Tscharny lebte dort zuerst mit seinem schon erwähnten Bruder Shmuel Niger etwa zwei Jahre lang und besuchte verschiedene Veranstaltungen an der Universität. Ihre gemeinsame Wohnung diente als Zentrum für die Besucher aus der jiddischen literarischen Welt. Diese genossen auch den Mittagstisch mit russischen Spezialitäten, der im gleichen Haus angeboten wurde und Passanten aus dem gesamten russischen Reich anzog.
Eher an den Gebrüdern Tscharny als am russischen Essen im Hause interessiert waren die jiddischen Schriftsteller, die dort ein- und ausgingen. So Menachem Boreisho auf seinem Weg nach Amerika, H. D. Nomberg (1876–1927), der sich die Caféhäuser der Stadt zur Wohnung machte und in seinen Erzählungen Bern verewigte, David Einhorn (1886–1973), der aus politischen Gründen an Ort verweilte, gleichzeitig die Uni besuchte und eine Menge von Gedichten und Artikeln in die weite Welt schickte, Anokhi (1878–1947), der unermüdliche Vorleser seiner eigenen Schriften, und noch andere.
Sie kamen nie direkt aus ihren Geburtsorten nach Bern, sondern aus den osteuropäischen Zentren der jiddischen Literatur. Sei es aus Warschau, wo sie sich um die autoritäre Gestalt des Schriftstellers Y. L. Peretz (1852–1915), den sogenannten Vater der jiddischen Literatur, scharten; sei es aus dem geschichtsträchtigen Wilna, der ehemaligen Stadt der rabbinischen Gelehrsamkeit, danach der Haskala und in jüngeren Zeiten des sozialistischen Bunds, aber auch ohne Zweifel der modernen jiddischen Literatur; oder aus Odessa, der Stadt, in der Mendele Mocher Sforim, bekannt als der Grossvater der jiddischen Literatur, neben den übrigen einflussreichen hebräischen Schriftstellern lebte. Eine Stadt, die als Gegenpol zum leichtsinnigen Warschau galt.
Unterricht auf Jiddisch
Nach Bern kamen die meisten ohne Maturitätszeugnis. Die gebildeten jungen Juden aus Osteuropa, die in Russland auf das Gymnasium gegangen waren und daher auch Französisch konnten, setzten ihren Weg sowieso nach Genf oder Paris fort. In Bern aber bestand mindestens gerüchteweise die Hoffnung auf Unterstützung bei der Aufnahme als Studenten durch den jüdischen Professor Ludwig Stein (1859–1930). Stein wusste auch finanziell zu helfen.
Und in Bern soll es, wiederum entsprechend den Memoiren, auch durchaus möglich gewesen sein, im Unterricht Jiddisch zu sprechen. Inwiefern dies stimmt und wie zuverlässig solche Erinnerungen sind, ist keine unwichtige, aber eine schwer zu beantwortende Frage; mehr als nur einmal finden sich beim Versuch, der Geschichte der jiddischen Literatur in Bern auf den Grund zu gehen, in Archivmaterialien und Memoiren divergierende Informationen. Sicher ist aber, dass im Jahr 1913 der Beginn gewisser Veranstaltungen des Sommersemesters wegen der grossen Anzahl jüdischer Studenten auf die Zeit nach Pessach verschoben wurde.
Weite Distanzen zwischen Studienort und Familie waren nichts Ungewöhnliches in der vormodernen jüdischen Gesellschaft. Beide Orte (das Elternhaus und die Jeschiwa) hatten ein gemeinsames Wertesystem. Bern hingegen bildete für viele Studenten eine Antithese zum Elternhaus. Weit entfernt von ihren Familien, umgeben von einer ungewohnten und bewunderten Landschaft, durchlebten sie einen Ablösungsprozess. Für die jiddischen Schriftsteller bedeutete dies nicht nur eine Ablösung von der eigenen Kernfamilie, sondern auch von der literarischen Welt, die, bewusst oder nicht, ebenfalls die Form einer Familie annahm. Bern stand für sie ausserhalb der Autoritäten der literarischen Elterngeneration und gehörte somit ihnen allein, der jungen Generation.
Auch die Krankenbesuche bei Scholem Alejchem, der eine Zeit lang in einer Klinik in der Stadt behandelt wurde, relativieren diesen Eindruck nicht. Mit grosser Freude wurde er als ehrenvoller Gast behandelt, als ein Verwandter aus der Ferne.


