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Jüdische Studien Ausgabe: Nr. 36 » September 9, 2011

Gedruckt in der gewaltigen Stadt Basel

Von Clemens P. Sidorko, September 9, 2011
Ende des 16. Jahrhunderts zählte die Stadt Basel zu den wichtigsten Zentren des jüdischen Buchdrucks.
Hamische Humsche Torah Basel, Thomas Guarin, 1581 Titelblatt: Übersetzung des Pentateuchs ins Jiddische

Basel als Brennpunkt der jüdischen Zivilisation? Klar, werden Sie denken, Herzls erster Zionistenkongress von 1897. Doch bereits 300 Jahre zuvor, an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert, war die Stadt am Rheinknie Juden in ganz Europa ein Begriff. Im Gegensatz zur nicht jüdischen Umwelt konnten die meisten von ihnen nämlich lesen; die Herkunftsangabe «Basilea ir gedola» (Basilea [die] gewaltige Stadt) stand auf den Titeln vieler hebräischer und jiddischer Bücher, denn Basel zählte damals zu den wichtigsten Zentren des jüdischen Buchdrucks.
Wie es dazu kam und wer die Protagonisten dieses gemeinsamen Stücks Basler und jüdischer Geschichte waren, untersucht seit knapp drei Jahren ein Forschungsprojekt des Schweizerischen Nationalfonds, das am Institut für Jüdische Studien der Universität Basel angesiedelt ist. Den Ausgangspunkt bildete ein Zusammenwirken günstiger Umstände: Anders als viele Kollegen waren Basler Drucker im Stande, Bücher in hebräischer Schrift zu setzen, denn zur Zeit des Humanismus hatten zahlreiche christliche Heb-raisten ihre Werke und Textausgaben dort drucken lassen. Den Juden dagegen war es anderswo oft verboten, Bücher herzustellen. Als das Basler Buchgewerbe ab 1550 einen konjunkturellen Rückschlag erlebte und die Drucker sich neue Absatzgebiete erschliessen mussten, fanden technisches Know-how und Marktbedürfnisse zusammen. Zum Standortvorteil geriet paradoxerweise, dass in Basel seit 1398 ein striktes Ansiedlungsverbot für Juden galt, denn so blieb die Sache ein reines Exportgeschäft, in das sich Politik, Kirche und Zensur nur wenig einmischten.



Strenge Auflagen

Vor allem zwei Drucker arbeiteten für ein jüdisches Publikum: Ambrosius Froben setzte mit seiner Talmud-Ausgabe von 1578 bis 1581 Massstäbe, was dazu führte, dass sich selbst Juden aus Prag mit Aufträgen an ihn wandten. Konrad Waldkirch druckte zwischen 1598 und 1612 einen Grossteil der Werke, die den jüdischen Buchmarkt dazumal prägten. Eine zentrale Rolle spielten stets die jüdischen Mitarbeiter, welche die Pressen unter strengen Auflagen anstellen durften: Nicht zuletzt sie knüpften Kontakte zu Autoren und Herausgebern oder wählten die Titel aus, welche die Druckereien auf eigene Rechnung für den Markt produzierten. Manche dieser Setzer und Korrektoren waren selbst Gelehrte, wie Frobens Talmud-Editor Israel Sifroni aus dem italienischen Guastella; andere stammten aus dem Buchgewerbe wie Waldkirchs Mitarbeiter Jakob Ben Abraham Mojcher sforim (Buchhändler) – ursprünglich ein fahrender Bücherkrämer aus Litauen, der seine Ware in ganz Mittel- und Osteuropa vertrieb. Neben praktischen Gebetbüchern für Festtage oder das ganze Jahr entstanden Sammlungen religiöser Vorschriften («Minhogim»), Handbücher, wie ein frommer Jude und besonders die jüdische Frau das Leben einrichten sollten («Brantschpigl. Ein schön Frauenbüchlein»), unterhaltende Literatur wie die berühmten Fuchsfabeln («Mischle schuolim») oder die Erzählsammlung Maysebuch und manches mehr. Viele der Bücher waren auf Jiddisch verfasst und sollten Frauen oder einfache Männer ansprechen, die nur schlecht Hebräisch verstanden. Die Liste all dieser Basler Drucke liest sich geradezu wie ein Who is Who damaliger Bestseller; ihre Autoren sassen in Galizien ebenso wie in Krakau, Prag oder Frankfurt am Main.
Frankfurt, die Stadt der Buchmesse und Sitz einer bedeutenden jüdischen Gemeinde, spielte zudem eine wichtige Rolle bei der Vermarktung: Hier lebten reiche jüdische Financiers, die Druckaufträge nach Basel vergaben, um die Bücher über ihr Netzwerk von Handelskontakten in ganz Deutschland, Norditalien oder Polen zu verkaufen. Der Vertrieb erfolgte in grossen Gemeinden wie Prag oder Krakau über jüdische Bücherläden, auf dem flachen Land dagegen durch «pakn- oder sforimtreger», die mit einem Handkarren von Gemeinde zu Gemeinde zogen, wie der erwähnte Jakob Ben Abraham.

Erstklassige Quellen

Inhaltlich sind die Basler Drucke ein getreuer Spiegel ihrer bewegten Zeit: Vertreibung und sozialer Umbruch, die Verlagerung der jüdischen Bevölkerung aufs Land und von West- nach Ostmitteleuropa spiegeln sich etwa im gehäuften Auftreten von Vorschriftenliteratur oder moralisierenden Werken: Diese wurden zum Verkaufsschlager, weil die Juden in Deutschland nun vielerorts in einer ländlichen Diaspora lebten, wo ein Gemeindeleben kaum mehr möglich war, während im Osten Europas durch forcierte Zuwanderung viele Gemeinden entstanden, die keinen Rabbiner hatten. Alle Bücher zeigen das deutliche Bestreben, in einer Zeit der geistigen und sozialen Krise jüdische Identität zu bewahren und sie auf eine neue Grundlage zu stellen. Die überreiche Fülle von Informationen, welche die Basler Drucke zum Glaubensleben, aber auch zur Ausgestaltung des jüdischen Alltags enthalten, machen sie für uns Spätere zu erstklassigen kulturhistorischen, ja geradezu ethnologischen Quellen.
Um 1615 brach diese Tradition indes abrupt ab: Kurz zuvor war der Drucker Waldkirch gestorben, ohne einen Nachfolger zu hinterlassen. In Frankfurt wurden 1614 während des sogenannten Fettmilchaufstands alle Juden vertrieben. Als sie 1616 zurückkehren konnten, bot sich das nahegelegene Hanau als Druckzentrum an: Dort existierte seit 1610 eine hebräische Presse unter der Leitung eines ehemaligen Waldkirch-Mitarbeiters. Der Dreissigjährige Krieg, unter dem auch jüdische Gemeinden schwer litten, und der zu erheblichen demografischen Umschichtungen im Siedlungsgebiet der Aschkenasim führte, tat ein Übriges dazu, dass sich die Zentren jüdischen Buchdrucks nach 1618 endgültig nach Ostmitteleuropa und nach Amsterdam verlagerten.   



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