Sehnsucht nach dem Untergang
Folgende schwerwiegende Frage hat James Howard Kunstler jüngst auf seiner populären Website «Clusterfuck Nation» gestellt: «Können Sie eine Handsäge schärfen?» Kunstler ist zutiefst davon überzeugt, dass der Gebrauch traditioneller Werkzeuge bald überlebenswichtig sein wird. Er sieht Amerika mitten in einem «langen Notstand» gefangen, der unweigerlich mit dem Kollaps der postindustriellen Gesellschaft enden wird. Kunstler, oder JHK, wie ihn seine Fans nennen, lebt drei Stunden von seiner Geburtsstadt New York entfernt im idyllischen Kurort Saratoga Springs im mittleren Hudsontal. Er ist der prominenteste unter den Untergangspropheten, die in den USA Hochkonjunktur haben und sich Collapsniks oder Doomer nennen – nach «doom», dem Wort für Weltuntergang.
Auf Dutzenden von Websites und in einer nicht mehr überschaubaren Literatur prophezeien die Doomer einen unmittelbar bevorstehenden Kollaps der heutigen Gesellschaft, die Kunstler «Clusterfuck Nation» nennt. Der Begriff stammt aus dem Soldaten-Slang und beschreibt ein heilloses Chaos, in dem verschiedene Probleme einander gegenseitig bis zum systemischen Zusammenbruch verschärfen. Bei der Ursachensuche für das «Ende der Welt, wie wir sie kennen» ist Kunstler nicht wählerisch. Auf seinem Blog, in Magazinartikeln, Vorträgen und Interviews stellt er unermüdlich Immobilienkrise und Outsourcing von Jobs, politische Korruption, Staatsschulden und Klimawandel in schlichte Wirkungsketten, die unweigerlich in einem finalen Kollaps münden. Danach werden die Amerikaner nur existieren können, wenn sie sich mit Säge, Spaten und Hammer in der Hand redlich vom Lande ernähren. Autos, Einkaufszentren, Vorortssiedlungen, Geld, Internet und Staat gehören dann einer nie wiederkehrenden Vergangenheit an.
Falsche Prognosen
Als Sohn jüdischer Immigranten aus Osteuropa aufgewachsen, verdankt Kunstler seine Beliebtheit einem evidenten schriftstellerischen Talent, dem er in einem Dutzend Fantasy-Romanen Ausdruck gab. Er hat sich zudem für renommierte Publikationen wie dem «Atlantic Monthly» mit Fragen des Städtebaus befasst, ehe er rechtzeitig zur Jahrtausendwende das Ende der Welt als grosses Thema erkannt hat. Dass seine apokalyptischen Kurzzeitprognosen seit damals nie eingetroffen sind mindert Kunstlers Popularität ebenso wenig wie sein Selbstvertrauen. So fand bekanntlich im Jahr 2000 kein «globaler Meltdown der Datennetze» statt, und auch der von JHK 2009 prophezeite Kollaps der amerikanischen Automobilindustrie ist nicht eingetreten.
JHK ist ein begnadeter Polemiker, der die frei assoziierende Tirade zu einer hohen Kunst entwickelt hat und komplexe Probleme auf griffige Bilder verdichtet. So hat er Amerika nach der bizarren Diskussion um die Anhebung der staatlichen Schuldendecke im Juli mit einem Mann verglichen, «der eine lange Treppe hinunterfällt». Sprühend vor Energie, betätigt sich der 62-Jährige weiterhin als Romancier und neuerdings auch als Maler meist idyllischer Sujets aus dem Hudson-Tal, die so gar nicht zu seinen grimmigen Endzeitvisionen passen wollen. Doch über eine reguläre, wissenschaftliche Ausbildung verfügen weder Kunstler noch andere Doomer wie der aus Russland stammende Dmitry Orlov oder der auf das «Ende des Ölzeitalters» fixierte Blogger Matt Savinar. Allerdings hat der 1962 in Leningrad geborene Orlov in den USA ein Ingenieurstudium absolviert und Anfang der neunziger Jahre den Zusammenbruch der Sowjetunion vor Ort beobachtet. Nun sagt er seiner neuen Heimat ein ähnliches Schicksal voraus und wird dank seiner Ausbildung und Herkunft auch von den grossen Medien Amerikas ernst genommen.
Orlov und seine Gesinnungenossen haben jedoch in den letzten Monaten unter dem Eindruck der Staatsschulden, der überseeischen Kriege und der anhaltend hohen Arbeitslosigkeit Konkurrenz von Akademikern und prominenten Kommentatoren wie Tom Friedman bekommen. Diese beschwören ebenfalls den drohenden Kollaps Amerikas herauf. Aber während Friedman die Nation aufrütteln und zu erhöhten Investitionen in Bildung, Infrastruktur und alternative Energiequellen bewegen will, halten die Doomer den Untergang Amerikas für unaufhaltsam. Wie Orlov begrüssen sie den angeblich bereits im vollen Gang befindlichen Zusammenbruch sogar: «Nach dem Kollaps werden die Menschen mehr Zeit füreinander haben, sich mehr bewegen und sich gesünder ernähren.»
Dass sie der Konsumkultur das Ende wünschen, hält die Doomer nicht von der Vermarktung ihrer düsteren Prophezeiungen ab. JHK beschäftigt zwei Agenten für die Vermittlung seiner Vorträge und Texte. Savinars Website «lifeaftertheoilcrash» bewirbt allerlei Bücher zum Kollaps und der Zeit danach sowie eine breite Palette post-apokalyptischer Produkte von Solar-Akkus bis zur «Ultimate Pak Food Reserve». Die «leckere, gefriergetrocknete Nahrung» im «Ultimate Pak» soll laut Hersteller vier Menschen drei Monate lang ernähren können und ist derzeit zum Sonderpreis von 4699 Dollar zu haben. Fast doppelt so teuer kommt das «Ultimate Family Preparedness Pak» zu stehen, das obendrein Wasserfilter, Vitamintabletten und leere Vorratsfässer aus Plastik enthält.
Selbstverteidigung in Krisen
In jüngster Zeit hat sich Savinar jedoch auf Astrologie verlegt. So bietet er nun «individuell verfasste Analysen und Prognosen» für 250 Dollar an. Von astralen Mächten inspirierte Antworten auf einzelne Fragen sind von Savinar dagegen schon für 50 Dollar zu haben. Kunstler bleibt dagegen bodenständig und empfiehlt seinen Fans für die Bewältigung der Zukunft den Erwerb von Schusswaffen. Er hat schon in seiner Prognose für 2010 den Ausbruch gewalttätiger Unruhen erwartet und traut seinen Mitbürgern jede Schandtat zu: «Wir sind eine Nation von tätowierten Gangstern und Grossmäulern, die einander ‹motherfucker› nennen und sich nur mit Videospielen auskennen, bei denen es um Massenmord geht.» Dass bürgerkriegsähnliche Zustände in Amerika bislang ausgeblieben sind, ficht Kunstler ebenso wenig an wie seine bisherigen Fehlprognosen.
Obwohl sie rege untereinander kommunizieren und gegenseitig über ihre Internet-Seiten referieren, pflegen die bekannteren Doomer ihren individuellen Stil. Im Gegensatz zu Kunstler und seinen Tiraden gibt Orlov praktische Anleitungen für «den persönlichen Umgang mit dem Zusammenbruch». Beispielhaft fährt er selbst seit Jahren nur noch mit dem Rad und hat unlängst sein Haus in Boston gegen eine Segeljacht getauscht. Diese verfügt allerdings über einen traditionellen Dieselmotor. Dies verblüfft, da «Peak Oil» – die drohende Erschöpfung der globalen Ölvorkommen – in keinem Doomer-Szenarium fehlen darf. Natürlich lösen der Klimawandel und die Abhängigkeit von Ölimporten auch bei Militär und Wirtschaft in den USA wachsende Besorgnis aus. Aber «Peak Oil»-Apostel wie Richard Heinberg trauen den amerikanischen Eliten schon lange nicht mehr zu, einen sanften Übergang vom Ölzeitalter in eine nachhaltige Energiezukunft managen zu können.
Heinberg erwartet spätestens im Jahr 2015 eine Kaskade von Kollapsen: Nach der Ölproduktion würden in rascher Folge die darauf gestützte globale Wirtschaft und die Versorgung der Menschheit mit Elektrizität zusammenbrechen. Heinberg geht davon aus, dass Mutter Erde nach der Ölapokalypse maximal 1,5 Milliarden Menschen auf der Basis einer lokalisierten, makrobiotischen Landwirtschaft ernähren können wird. Er beschreibt allerdings nicht, wie die katastrophale Reduktion der Weltbevölkerung vom heutigen Stand auf diese Zahl zustande kommen soll. Die von Kunstler empfohlene Aufrüstung mit Schusswaffen dürfte dabei eine Rolle spielen.
Stattdessen rät Heinberg seinen Anhängern, schnellstmöglich ihre Abhängigkeit von Krediten zu beenden und Konsumketten wie Wal-Mart zu boykottieren. Gleichzeitig soll jedermann damit beginnen, sein eigenes Gemüse zu ziehen und die gesamte Lebensführung auf Nachhaltigkeit umzustellen – angefangen beim Wasserverbrauch in Dusche und Toilette. Danach empfiehlt Heinberg den Bau «ökologisch sinnvoller Häuser aus Stroh und Erde» in Landkommunen, die sich allmählich von etablierten Geld- und Energieströmen lösen müssten. Heinberg versteht seine Ratschläge nicht als Notlösung und den kommenden Kollaps nicht als Katastrophe: Das Ende der Ölzeit gibt der (übrig gebliebenen) Menschheit die Chance, sich zu «heilen» und wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren, also auf Gemeinschaft, Mitgefühl und sinnvolle Arbeit.
Diese auch von Kunstler, Orlov und anderen Doomern geteilte Sehnsucht nach einer Rückkehr zu einfacheren Verhältnissen findet ein wachsendes Echo in den USA. So ist dem «Öko-Dorf» Earthaven ausserhalb der progressiven Universitätsstadt Ashville in North Carolina die Entwicklung zu einer vitalen Gemeinde gelungen. Die 60 Bewohner haben schon 1995 je 20000 Dollar für individuelle Bauplätze aufgebracht und inzwischen Häuser für einzelne Familien sowie zahlreiche Werkstätten und Nutzgebäude errichtet. Die modernen Robinsons leben unabhängig von der öffentlichen Stromversorgung und erzielen ihren Lebensunterhalt durch den Verkauf landwirtschaftlicher und handwerklicher Produkte sowie durch allerlei Kurse und Lernangebote für die alternativen Lebensformen aufgeschlossenen Bewohner von Ashville.
Der Trend zu nachhaltiger Ernährung hat sich ohnehin zu einem Wachstumsmotor in der krisengeschüttelten US-Wirtschaft entwickelt. So ziehen immer mehr junge Amerikaner auf das Land, um «grünen» Ackerbau zu betreiben und die wachsende Zahl städtischer Freiluftmärkte zu beliefern. Etliche dieser Pioniere finden zwischen dem Jäten von Unkraut und dem Schärfen von Sägen Zeit zum Bloggen. Zu ihnen zählt die jüdische Doomerin Sharon Astyk. Sie hat ihr Literaturwissenschaft-Studium vor der Doktorarbeit aufgegeben, um südwestlich von Saratoga Springs einen alternativen Bauernhof aufzubauen. Astyk ist häufig in den Medien präsent, hat drei Bücher über das Leben nach Peak Oil und Klimakatastrophe geschrieben und gibt Kurse für angehende Bauern auf ihrem Hof. Für sie war die Schuldendiskussion vom Juli der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt: Die Probleme Amerikas lassen sich laut Astyk jetzt nur noch durch einen Volksaufstand lösen, der zu einer «Austeritätsrevolution» führen soll. Als erste Massnahme der neuen Ordnung würde jeder Amerikaner nur noch ein Zehntel des individuellen Durchschnittsverbrauchs von 1500 Litern Benzin jährlich erhalten. Wenn Astyks Mitbürger obendrein dem Rat Kunstlers folgen und sich noch mehr Schusswaffen zulegen, würde bereits die Durchsetzung dieses Vorschlags den Absturz Amerikas ins Chaos garantieren. ●
Andreas Mink ist Redaktor bei der JM Jüdische Medien AG und lebt in den USA.


