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September 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 9 Ausgabe: Nr. 9 » September 5, 2011

Die Kultur des Krieges

Von Martin van Creveld, September 5, 2011
Damit Männer in den Kampf ziehen, müssen sie sich mit einem Anliegen identifizieren, das grösser ist als sie selbst. Die Kultur des Krieges ist die Manifestation dieses Anliegens und wird die Menschheit noch auf lange Sicht begleiten.
MARSCHMUSIK UND MILITÄRISCHE PARADEN Nahrung für die Kultur des Krieges

Den Begriff «Krieg» mit dem Begriff «Kultur» zusammenzuspannen – das erscheint vielen ein Widerspruch in sich selbst zu sein. Um mit dem britischen Dichter Lord Byron zu sprechen: Krieg wird gerade in westlichen Gesellschaften häufig bestenfalls als «die Kunst des Hirne Verspritzens und des Durchschneidens von Luftröhren» betrachtet. Andere folgen Clausewitz und verstehen Krieg als Mittel zu bestimmten Zwecken, eine rationale, wenn auch sehr brutale Aktivität, mittels derer eine Gruppe von Menschen ihre Interessen durchsetzt, indem sie Widersacher tötet.
Diese Betrachtungsweisen treffen in weiten Teilen zu. Aber die ganze Wahrheit über den Krieg beschreiben sie doch nicht. Denn in Wirklichkeit ist Krieg häufig die Quelle von Freude – ja sogar von Ekstase. Man denke nur an Homers König Agamemnon mit seinen bluttriefenden Händen, der, vom Töten berauscht, die übrigen Griechen «lustvoll» auffordert, ihm zu folgen. Daneben stehen Figuren wie der mittelalterliche Heerführer und Autor Jean de Bueil, der Oberkommandeur der Konföderierten Robert E. Lee (von ihm stammt der Ausspruch: «Es ist gut, dass Krieg so fürchterlich ist, ansonsten würden wir ihn zu sehr lieben»), der mit dem Orden Pour le Mérite ausgezeichnete Ernst Jünger («In Stahlgewittern») oder Winston Churchill. Man denke an Ariel Scharon, der mir einmal vor 100 Leuten erklärt hat, der arabisch-israelische Krieg vom Oktober 1973 sei «ein grosses Vergnügen» gewesen.
Mitunter stammen Klagen und Liebeserklärungen an den Krieg von ein und derselben Person. So hatte niemand mehr über die Gräuel des Krieges zu sagen als der deutsche Dichter Hans von Grimmelshausen (1621–1676). Aber derselbe Grimmelshausen hat auch aufgrund eigener Erfahrung geschrieben, der Nahkampf sei ein solches Vergnügen, dass nur ein «Weichei» davor zurückschrecke. Nach dem Ersten Weltkrieg machten sich die britischen Autoren Siegfried Sassoon und Wilfred Owen einen Namen, indem sie die Grausamkeit, die Dummheit und die Nutzlosigkeit des Krieges anprangerten. Aber es war Sassoon, der während der Somme-Schlacht 1916 formulierte, er habe niemals einen derart «tiefen Seelenfrieden» empfunden. Owen schrieb über das «Hochgefühl» beim «Vorstoss aus dem Schützengraben». Und diese Begeisterung für den Krieg ist nicht nur bei Kombattanten anzutreffen. Wie die lange Geschichte von den Gladiatorenkämpfen im alten Rom über mittelalterliche Turniere bis zu heutigen Kinofilmen und TV-Serien zeigt, ist Krieg über die dadurch verfolgten politischen Ziele hinaus ein Zuschauersport par excellence, der unzählige Menschen zu verzückter Begeisterung hinreissen kann.



Die Kultur des Krieges

Seit Anbeginn der Geschichte haben dieses Vergnügen und diese Faszination eine immense und ausserordentlich hochentwickelte Kultur genährt. Zu dieser gehören die Kriegsbemalung von Stammeskriegern und die Dekoration griechischer Schilde in der Antike ebenso wie die modernsten Tarnanzüge in Tigermuster und die kunstvollen Malereien am Bug von Kriegsflugzeugen. Zur Kultur des Krieges zählen Marschmusik, militärische Rituale und Gepflogenheiten, Flaggen, Standarten und Insignien oder Symbole jeder Art. Doch diese Kultur hat auch einen gewaltigen Korpus von Gesetzen hervorgebracht, welcher zumindest den Versuch einer Festlegung unternimmt, wer wem was unter welchen Umständen zu welchem Zweck und mit welchen Waffen antun kann. Darüber hinaus müssen wir jede Form der Erinnerung an Kriege, ihre Teilnehmer und Opfer dieser Kultur zurechnen. Dazu gehören Zeremonien, Denkmäler oder kriegsgeschichtliche Werke.
Obwohl das Studienangebot akademischer Institutionen darüber überhaupt keine Auskunft erteilt, ist die Kultur des Krieges in keinster Weise simpler oder weniger interessant als andere Formen dieser Art, die etwa das Kirchenleben, das Justizwesen oder den Sport prägen. Darüber hinaus ist diese Kultur keineswegs «zufällig entstanden» und nebensächlich, wie viele selbsternannte «Strategen» glauben, sondern absolut essentiell. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass die Essenz des Krieges das Sterben ist – und nicht das Töten. Und Tote haben keine Interessen. Damit Männer in den Kampf ziehen, müssen sie sich mit einem Anliegen identifizieren, das besser und grösser ist als sie selbst. Die Kultur des Krieges ist die Verkörperung dieses Anliegens.
An diesem Punkt stossen wir auf das «grosse Paradox». Tatsächlich handelt es sich bei einer Parade nur um eine Ansammlung von Männern, die sich auf merkwürdige Weise bewegen. Sie tragen womöglich die hässliche Skulptur eines Adlers auf einer Stange vor sich her oder führen einen Ziegenbock als Regiments-Maskottchen mit sich – einen ebenso haarigen wie stupiden Vierbeiner. Zahllose Elemente der Kriegskultur wie diese sind gleichzeitig «real» und «irreal». Ihr «unwirklicher» Wert ist weitaus grösser, als der «tatsächliche». Aber dies trifft nur zu, wenn Adler oder Ziegenböcke um ihrer selbst willen verehrt werden und nicht deshalb, weil sie Mittel zum Zweck sind. Ein Kommandeur, der seinen Männern verkündet: «Nun wollen wir die Trompete blasen und die Fahne hissen, um eure Moral zu heben», müsste sich unter dem höhnischen Lachen der Truppe vom Kasernenhof schleichen.
Heutzutage droht ein solches Denken in aller Welt als «Militarismus» verteufelt zu werden. Dennoch besteht die Gefahr, dass wir eines Tages das Kind mit dem Badewasser ausschütten und die Kultur des Krieges vernachlässigen oder gar ablegen. Sollte eine Gruppe, eine Nation oder ein Staat aber dieses tun, dann könnten folgende vier Dinge entstehen:

Mob von Barbaren

1. Eine wilde Horde, also ein Mob von Barbaren ohne Disziplin, Tradition oder der Fähigkeit zu koordiniertem Handeln. Die Geschichte kennt zahllose Beispiele für derartige Horden. In jüngster Vergangenheit sind sie als Milizen in Sierra Leone, Osttimor, Bosnien und in Sudan aufgetreten. Derartige Mobs werden von Gott und den Menschen gleichermassen gehasst. Sie begehen unzählige Gräueltaten. Aber zum Kriegführen sind sie nicht in der Lage und pflegen sich gemeinhin in dem Moment aufzulösen, an dem ihnen nicht hilflose Zivilisten entgegentreten, sondern echte Soldaten. Clausewitz hat von derartigen Horden gesagt, sie sollten an zweitrangigen Kriegsschauplätzen eingesetzt werden, an denen sie sich amüsieren könnten.

2. Eine seelenlose Maschine: Darunter ist eine Organisation zu verstehen, die allein durch Disziplin sowie durch eine Bürokratie und politische Korrektheit zusammengehalten wird. Beginnend mit der Invasion der persischen Heerscharen in Griechenland zwischen 490 und 480 v. d. Z. weist die Geschichte eine Vielzahl solcher «Maschinen» auf. Heute stellt dafür die deutsche Bundeswehr das beste Beispiel dar. Wie allgemein bekannt, hat das deutsche Militär gestützt auf eine der am höchsten entwickelten Kriegskulturen aller Zeiten bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges gekämpft, geblutet und sein Leben hingegeben. Aus ebenso gut bekannten Gründen war das deutsche Militär damals gezwungen, diese Kultur aufzugeben. Das Ergebnis dieser Kapitulation ist eine Armee ohne Seele – eine Streitmacht, die Gefahr läuft, auseinanderzubrechen und die Flucht zu ergreifen, sollte sie jemals wieder gezwungen sein, einen echten Krieg auszufechten.

3. Männer ohne Rückgrat: Also solche, die weder fähig noch willens sind, sich selbst zu verteidigen. Historisch sind dafür die Juden ein besonders geeignetes Beispiel. Wie aus dem Alten Testament und dem Werk von Josephus Flavius hervorgeht, konnte sich die militärische Kultur der Juden ursprünglich mit jeder anderen messen. Aber während der Jahrhunderte der Diaspora ging diese Kultur in einem Masse verloren, dass selbst ein grosser Krieger wie König David als Rabbiner und seine Mitstreiter, die ihm bei der Eroberung und Ausdehnung seines Königreiches zur Seite gestanden haben, als Religionsschüler dargestellt wurden. Vor diesem Hintergrund haben sich die Juden zu einer Nation entwickelt, die in ihren eigenen und in den Augen ihrer Nachbarn verachtenswert war. Aus diesem Grund hat es die Geburt des modernen Zionismus notwendig gemacht, eine jüdische Kriegskultur von Grund auf neu aufzubauen.

4. Das vierte Ergebnis könnte Feminismus sein. Einerseits wird jeder Soldat, der jemals versucht hat, in den Augen des anderen Geschlechtes eine gute Figur zu machen, bestätigen, dass weibliche Unterstützung absolut unersetzlich für die Aufrechterhaltung einer Kriegskultur ist. Andererseits sind Frauen aber absolut fähig, eine Kultur des Krieges zu zerstören. Dazu gibt es zwei Möglichkeiten. Frauen können sie entweder ignorieren, verachten oder ins Lächerliche ziehen. Damit wäre die Geschichte zitiert, die der griechische Dramatiker Aristophanes mit seinem berühmten Stück «Lysistrata» bereits in der Antike erzählt hat. Die andere Möglichkeit besteht darin, dass Frauen sich einer Kriegskultur anschliessen und an ihr teilnehmen. Wie die Erfahrung zeigt, führt ein erfolgreicher Versuch in diese Richtung zu einem Verlust dieser Kultur an Prestige – und dies in den Augen beider Geschlechter.

Doch der Krieg bedarf einer eigenen Kultur. Denn diese allein stellt denjenigen, die Kriege ausfechten und darin ihr Leben riskieren, die dafür unabdingbare Motivation zur Verfügung. Natürlich sind zahlreiche Manifestationen dieser Kultur extravagant oder sogar lächerlich – doch darin ähnelt die Kultur des Krieges derjenigen von Religionen, dem Gerichtswesen oder dem Sport. Wird die Kriegskultur aber zerstört, so verliert die betroffene Gruppe, Nation oder der betroffene Staat die Fähigkeit zur Selbstverteidigung.    ●

Martin van Creveld hat als einer der bedeutendsten Militärhistoriker und strategischen Denker weltweit zahlreiche Publikationen verfasst, zuletzt «The Age of Airpower» (Public Affairs, 2011). Ende Jahr wird im Ares Verlag, Graz, sein Buch «Die Kultur des Krieges» erscheinen, auf dem dieses Essay beruht. Van Creveld ist emeritierter Professor für Geschichte an der Hebrew University Jerusalem.

 



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