logo
2. September 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 35 Ausgabe: Nr. 35 » September 2, 2011
Von Gisela Blau

«Wir sind ein Volk»

September 2, 2011
Rätselhaft scheint den jüdischen Organisationen Europas ein «Wahlverfahren» für ein europäisch-jüdisches Parlament. Dahinter steckt die von einem ukrainischen Milliardär gegründete Europäisch-jüdische Union.
VERANSTALTUNG DER EUROPÄISCH-JÜDISCHEN UNION Hinter der Vereinigung steht der ukrainische Milliardär Igor Kolomoisky

Mehr als 600 Kandidaturen seien bereits angemeldet worden, sagt Alexander Zanzer in Brüssel. Der 46-jährige ist nach eigenen Aussagen unbezahlter Volontär des Brüsseler Büros der Europäisch-jüdischen Union (EJU), die als weitere Filialen London, Kiew und Tel Aviv (laut Zanzer mit je einigen bezahlten Angestellten) angibt. Der Slogan auf der Website, auf der auch die Kandidaturen für ein jüdisches Europa-Parlament angemeldet werden können: «Wir sind ein Volk.»
In Kiew ist nicht von ungefähr eine Büroniederlassung der EJU. Hinter diesem Gremium steckt der 47-jährige ukrainische Milliardär Igor Kolomoisky, ein Geschäftsmann mit einem für 2009 in der «Kyiv Post» bezifferten Vermögen von 6,6 Milliarden Dollar. Er ist laut dieser Quelle verheiratet und hat einen Sohn und eine Tochter. Kolomoisky kontrolliert über seine «Privatbank Group» diese Bank sowie Petrochemie-, Erz- und Ölfirmen, Auslandsinvestitionen und auch ein ukrainisches TV- und Medienimperium. Wie wichtig die Ukraine auf letzterem Sektor geworden ist, zeigt die Tatsache, dass die «Neue Zürcher Zeitung» diese Woche bekannt gab, dass sie ihre IT-Zukunft von einem Team aus Kiew organisieren lässt. Etliche Firmen kontrolliert Kolomoisky gemeinsam mit anderen jüdischen ukrainischen Oligarchen. Ihm gehören nach diversen Quellen zudem in seiner Heimatstadt Dnepropetrowsk auch das Fussballteam sowie andere Sportvereine.
110 Millionen Dollar bezahlte der Milliardär 2007 für ein Kleinstpaket an dem in Bermuda eingetragenen Mediengiganten Central European Media Enterprises Ltd., dessen nicht operativer Vorsitzender ein anderer Milliardär ist, nämlich Ronald Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses (WJC). Für seine 110 Millionen bekam Kolomoisky einen Verwaltungsratssitz neben Lauder. Die beiden erklärten den Medien, sie seien schon seit Jahren Freunde.



Eine neue Gruppierung

Weitere 14 Millionen Dollar, als diese noch etwas wert waren, wollte Igor Kolomoisky in die European Council of Jewish Community (ECJC) stecken, als der Joint als langjähriger Sponsor ausstieg. Zu diesem Preis liess er sich im Herbst 2010 im Handstreich zum Präsidenten ausrufen (tachles berichtete), was einige Exekutivmitglieder zum Austritt bewog und auch Gabrielle Rosenstein aus der Schweiz die Kabinettsfrage stellen liess. Hauptargument der Unzufriedenen, abgesehen von der undemokratischen Besetzung des ECJC-Spitzenpostens: Es war ihnen unheimlich, dass ein zweiter Milliardär aus Osteuropa auch die zweite multinationale jüdische Organisation Europas übernommen hatte. Seit 2007 ist schliesslich Moshe Kantor aus Russland der Chef des Europäisch-jüdischen Kongresses (EJC) in Paris, eines Appendix des New Yorker WJC.
Die Turbulenzen im ECJC haben sich gelegt. Kolomoisky zog sich zurück, und seit diesem Sommer firmiert ein neues Präsidium unter Evan Lazar aus Prag verantwortlich. Gabrielle Rosenstein ist Mitglied im Vorstand: «Mir gefällt es», sagt die Präsidentin des Verbandes Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen (VSJF) zu tachles, «dass der ECJC zu seiner ursprünglichen Aufgabenstellung zurückgekehrt ist und wieder Kultur und Soziales fördert.» So kann Gabrielle Rosensteins VSJF schweizerische Kurse und europäische Tagungen finanzieren, die der sozialen Realität in der jüdischen Schweiz und den Bedürfnissen Europas Rechnung tragen.
Igor Kolomoisky jedoch, der in einem Interview als Hobbys «Fussball und Judentum» nannte, zog sich keineswegs aus dem jüdischen Europa zurück. Er gründete die EJU als neue Gruppierung, die seither vor allem dem EJC in Paris Kopfzerbrechen zu bereiten scheint. Spaltung wird gewittert. In Mitteilungen lässt die EJU wissen, dass sie ein jüdisches Europa-Parlament anstrebe, weil es bisher fehle und von vielen jüdischen Menschen in Europa gewünscht werde. Als Kronzeugen für die Notwendigkeit dieser Gründung wird der israelische Staatspräsident Schimon Peres zitiert, der vor einigen Jahren die Installation eines solchen Parlaments gefordert haben soll. Das jüdische Europa-Parlament solle eine geeinte Plattform bieten für Debatte, Diskussion und Entscheidungen. Es würde sicherstellen, dass die Interessen aller jüdischen Gemeinden vertreten wären. Alle jüdischen Menschen in der EU und der «EJU-Familie» sollen, ungeachtet ihrer politischen, religiösen oder Gemeinde-Zugehörigkeiten, gewählt werden und wählen können.

Eine Chance für alle

Jedes Land bekam von der EJU eine Quote zugeteilt, von A wie Austria (Österreich) bis zur Schweiz, die mit zwei Plätzen bedacht wurde. England erhielt die höchste Sitzzahl zehn, Russland neun, Deutschland acht, Ukraine sechs; alle anderen bekamen einen oder zwei Plätze. Alexander Zanzer erklärt das Wahlprozedere: «Die Sitze werden anhand der Prozente errechnet, die ein Kandidat erreicht. Alle haben eine Chance.» Die Resultate sollen am 15. September enthüllt werden, die erste Parlamentssession in Brüssel im Oktober oder November stattfinden, offenbar finanziert von Kolomoisky. Die offiziellen jüdischen Gremien wie der Schweizerische Israelitische Gemeindebund kennen nur Gerüchte. Gabrielle Rosenstein ist sehr skeptisch: «Das Vorgehen erscheint mir weder demokratisch noch transparent.»    



» zurück zur Auswahl