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2. September 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 35 Ausgabe: Nr. 35 » September 2, 2011

«Letztlich sind wir nur Diener der Musik»

Interview Regula Rosenthal , September 2, 2011
Zubin Mehta tritt am 3. September am Menuhin-Festival in Gstaad mit dem Israel Philharmonic Orchestra auf, dessen Chefdirigent er seit 1969 ist. Regelmässig gastiert er auch am Lucerne Festival, wo er am 6. und 7. September mit seinem Orchester zu hören sein wird. Ferner steht er am 8. September im Musiksaal des Stadtcasinos Basel am Dirigentenpult. Mehta äussert sich im Gespräch mit tachles über die Schweiz,
die Musik Gustav Mahlers und seine Wahlheimat Israel.
ENGE VERBINDUNG MIT ISRAEL Zubin Mehta mit Shimon Peres im Garten des präsidialen Amtssitzes in Jerusalem

TACHLES: Zubin Metha, seit Jahren treten Sie am Lucerne Festival auf. Was macht das Festival so attraktiv für Sie?
ZUBIN METHA: Primär die Stadt Luzern – ich liebe sie und komme immer gerne zurück. Als Musiker ist man in Luzern in guter Gesellschaft, denn hier sind die besten Musiker und Musikerinnen der Welt versammelt, und das ist ein enormer Anreiz. Das Festival hat ein hohes Niveau und die neue Konzerthalle macht alles noch attraktiver.



Oft stehen Werke Gustav Mahlers auf Ihrem Programm. Haben Sie eine Vorliebe für ihn?
Ich mag ihn und Mahler passt zum Israeli Philharmonic Orchestra, doch mein Favorit ist Mozart. Aber Mahler war einer der grössten Komponisten des 20. Jahrhunderts und seine Musik bildet die Basis für die zeitgenössische Musik.

Es heisst, Sie interpretieren Mahler, neben Leonard Bernstein, am besten. Was braucht es dazu?
Man muss die Zeit Mahlers kennen, den historischen Hintergrund. Er ist zwischen Schönberg und Wagner zu Hause und hatte ein grosses Verständnis für die Klassik. Seine 7. Symphonie gehört zu den schwierigsten Orchesterwerken. Für den Dirigenten ist diese Musik wegen der unermesslichen Weite sehr kompliziert; bereits der erste Satz hat in der Einführung drei Motive.

Mahler ist gigantisch und schwer verdaulich. Was schätzt das Publikum an seiner Musik?
Mahler ist eine Kombination von Folklore gemischt mit tiefstem Pathos. Wenn Mahler sein Herz auf den Tisch legt, dann kommt das rüber und das Publikum spürt das. Man soll aber nie den Anspruch erheben, Mahler zu helfen. Mahler spricht für sich selbst.

Seit 1969 sind Sie Chefdirigent des Israel Philharmonic Orchestra. Was fasziniert Sie an diesem Orchester?
Ich habe mit ihm mehr als ein halbes Leben verbracht, war ab 1961 Gastdirigent und habe mit Ausnahme von drei Musikern das ganze Orchester persönlich zusammengestellt. Alle Musikerinnen und Musiker sind Israeli, darunter viele Emigranten aus Russland. Ich fühle
mich mit ihnen allen sehr verbunden.
Sie haben viel Sympathie für Israel. Während des Sechstagekriegs 1967 haben Sie alle Termine abgesagt, um bei Ihren Freunden in Israel zu sein. Was verbindet Sie so stark mit dem Land?
Seit meinem 25. Lebensjahr lebe ich dort – ich bin sozusagen in Israel aufgewachsen. Ich fühle mich mit dem Schicksal des Landes sehr verbunden. Schon nach dem ersten Konzert hatte ich das Gefühl der Einheit zwischen mir, dem Orchester und dem Land.

Welche Rolle spielt Musik in Israel?
Israel braucht mehr Musik als jedes andere Land. In Krisenzeiten brauchen die Israeli Musik. Während all der Kriege und den Intifadas besuchten viele Menschen Konzerte, obwohl ganz in der Nähe immer wieder Bomben explodierten – keiner hat sich das nehmen lassen.

Sie sind nicht jüdisch, gehören aber zu Israel und haben das Ehrenbürgerrecht von Tel Aviv. Haben Sie nie Angst vor Terrorismus?
Nein, Angst habe ich keine. Ich bin nicht alleine, denn ich bin umgeben von all den Musikern. Wir bilden sozusagen eine Familie, zu der auch die Zuhörer gehören. Man muss sein Leben weiterleben. Ich schätze es sehr, dass Israel eine Demokratie ist und ich frei meine Meinung äussern kann, auch wenn andere nicht einverstanden sind. Ich kann frei atmen und das ist mir ausserordentlich wichtig.

Daniel Barenboim gastiert immer wieder in Ramallah. 1999 gründete er das West-Eastern Divan Orchestra, in dem Araber und Israeli gemeinsam musizieren. Kann das ein friedliches Zusammenleben von Israeli und Palästinenser beeinflussen?
Ich denke, es ist phantastisch, was Barenboim macht, und hoffe, dass man es zur Kenntnis nimmt. Wenn er so etwas tun kann, können es andere auch. Vor einiger Zeit gab ich mitten in Israel zwischen Afula und Nazareth ein Konzert. Es kamen Araber und Juden – und wenn sie gemeinsam ins Konzert gehen können, können sie auch andere Dinge gemeinsam tun.

Würden Sie Wagner in Israel dirigieren?
Ja, doch – früher hat man Wagner auch am Radio gespielt. Natürlich war die Reaktion auf Barenboims Wagner-Aufführung 2001 heftig, doch die Gemüter haben sich wieder beruhigt. Israel hat schwierigere Probleme als sich mit Wagner-Debatten auseinanderzusetzen.

Es gibt Musikkritiker, die sagen, Sie setzen stark auf Effekte – und dies auf Kosten der Interpretation.
Wenn das ihre Meinung ist, so kann ich dagegen nichts sagen. Ich hoffe aber, dass diese Kritiker so viel von Musik verstehen wie wir Musiker. Ich setze dann auf Effekte, wenn es nötig ist, manchmal braucht es aber auch das Gegenteil: Ruhe. Letztlich sind wir nur die Diener der Musik.

Sie können Massen von Zuhörern begeistern, auch solche, die klassische Musik nicht kennen, wie zum Beispiel bei Konzerten im Central Park. Was ist Ihr Geheimnis?
Ich bin überzeugt, dass es ein Massenpublikum braucht, um eine Zuhörerschaft für den Konzertsaal aufzubauen. Es ist doch wunderbar, im Sommer im Freien aufzutreten und wirklich ernsthaft Musik zu machen, auch wenn es auf Kosten der Tonqualität geht. Wir müssen dann eben besonders gut spielen. Sicher können wir so manchen Zuhörer inspirieren und für klassische Musik gewinnen. Wichtig ist: Solche Konzerte müssen gratis sein.

Sie haben mit Andrea Bocelli CDs aufgenommen und 2001 mit ihm Giacomo Puccinis «Bohème» eingespielt. Ein Stardirigent zusammen mit einem Künstler, der kein Opernsänger ist – passt das zusammen?
Damit habe ich kein Problem, denn ich finde ihn gut. Soeben haben wir gemeinsam Puccinis «Tosca» auf einer CD herausgebracht. Wenn Bocelli Oper singt, klingt es nicht anders als bei jedem anderen Opernsänger, und ich hatte nie das Gefühl, mit einem Popstar zusammenzuarbeiten.

Sie kommen aus einer Musikerfamilie. War Ihre Karriere damit vorgegeben?
Zunächst schien es so. Doch meine Familie wollte, dass ich zuerst Medizin studiere. Mir gefiel das aber nicht und deshalb habe ich das Studium abgebrochen.

www.menuhinfestivalgstaad.ch
www.lucernefestival.ch
www.konzerte-basel.ch



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