Eine theokratische Vision Amerikas
Mit Ruth Marcus und Dana Milbank haben sich in der «Washington Post» nun zwei der angesehendsten Kolumnisten Amerikas mit scharfen Attacken auf den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Rick Perry gemeldet. Beide sind jüdischer Herkunft und haben sich nun über die Bücher des texanischen Gouverneurs gebeugt, die laut Milbank eine «theokratische Vision Amerikas» verkünden. Darin werden Homosexuelle und all jene, die sich der «absoluten Wahrheit» der Bibel verweigern, zu Staatsfeinden erklärt – so Perry wörtlich. Dafür vermisst Milbank in den Aussagen des 61-jährigen Luftwaffeveteranen das «christliche Mitgefühl», dass George W. Bush als Gouverneur in Texas und danach als Präsident zu seinem Motto erhoben hatte.
Radikale Ansichten
Auch Ruth Marcus gibt sich schockiert von Perrys Texten. Der Sohn eines armen Baumwollpflanzers lehnt in seinen Büchern «On My Honor» (2008) und «Fed Up!» (2010) das von den demokratischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt und Lyndon B. Johnson geschaffene, aber noch von dem Republikaner Richard Nixon erweiterte soziale Netz als «sozialistische» Begrenzung bürgerlicher Freiheiten ab. Zudem würde Perry als Präsident Machtbefugnisse der Bundesregierung in Washington weitgehend an die Gliedstaaten abgeben. Er glaubt auch weder an den Klimawandel als Menschenwerk noch an die Evolution.
Unbestrittener Vorreiter
Marcus kann es kaum fassen, dass Perry mit diesen radikalen Ansichten schlagartig zum unbestrittenen Vorreiter unter den republikanischen Kandidaten für das Weisse Haus aufgestiegen ist. Sein Programm gibt zwar eine perfekte Zielscheibe für die Demokraten ab. Aber Perry hat sich in Texas auch als harter und politisch geschickter Taktierer gezeigt, der ein exzellentes Gespür für die öffentliche Stimmung hat. So hat er als Nachfolger von George W. Bush im Gouverneursamt immer wieder Flexibilität demonstriert. Perry hat Washington 2009 zwar mit der Sezession von Texas gedroht, nahm aber danach 17 Milliarden aus dem von ihm verdammten Konjunkturpaket von Barack Obama an. Und trotz aller Tiraden gegen die Macht des Staates hat er sein Amt beharrlich zu der Unterstützung von Unternehmen und Geschäftsleuten genutzt, die sich dann mit Wahlspenden bei ihm revanchiert haben. Gleichzeitig ging er etwa in der Immigrationsfrage auf Distanz zu den Dogmen der Tea Party, indem er aus Rücksicht auf die texanische Wirtschaft die Verfolgung illegaler Einwanderer vernachlässig hat. Dana Milbank und Ruth Marcus lassen sich von derlei Flexibilität jedoch nicht beeindrucken. Marcus schloss ihren Kommentar sogar mit dem Ausruf: «Wir müssen Amerika vor Rick Perry retten!»


