Feiertage aus der Schrankperspektive
Jede Frau, die sich an den Feiertagen in die Synagoge wagt, weiss genau, wie viel Aufmerksamkeit ihrer Garderobe geschenkt werden wird. Nicht ohne Grund wird manchmal auch vom «Synagogenlaufsteg» gesprochen, bei dem jede Eintretende nicht gegrüsst, sondern vorerst eingehend gemustert wird. Ob dies nun wünschenswert oder eher bedauerlich ist, soll nicht weiter diskutiert werden. Wir wollen uns hier nämlich nur den unwichtigen, vergnüglichen Oberflächlichkeiten dieser Saison widmen. Schliesslich wollen wir uns nicht grämen, sondern freuen, an all den Farben, Schnitten und unserer bescheidenen Schönheit.
Mit dieser Haltung schliessen wir uns sogar der langjährigen jüdischen Tradition an, sich für den Schabbat und die Festtage hübsch zu machen und schöne Kleidung zu kaufen. Das Judentum ist schliesslich eine Religion, welche die Schönheit des Lebens zu zelebrieren weiss.
Sogar der Schtreimel, der von den meisten chassidischen Männern ab dem Tag ihrer Hochzeit an Schabbat und an Feiertagen getragen wird, ist letztendlich eine Modeerscheinung. Es wird nicht wenig Geld für so einen Pelzhut ausgegeben, und auch hierbei gibt es verschiedene Materialien und Formspielereien, welche die Unterschiede der verschiedenen chassidischen Strömungen deutlich machen. Somit dringt sowohl der identifizierende Aspekt von Kleidung durch als auch das Sprichwort «Schönheit muss leiden» (man denke an die Hitze in Israel), was uns in der wohltuenden Gewissheit lässt, dass wir nicht alleine sind mit diesen Oberflächlichkeiten.
Praktische Zweiteiler
Die nächsten zwei wichtigen Feiertage kommen bald, und langsam könnte man einen Blick in den Schrank wagen, und sei dies auch nur geistig. Zuerst werden die Kleider vom letzten Jahr begutachtet und evaluiert. Ein möglicher Fragekatalog könnte Folgendes beinhalten: Jahreszeit? (waren die Feiertage letztes Jahr eher im Früh- oder im Spätherbst?), Wohlbefinden?, Selbstbewusstsein?, Schlichtheit oder Extravaganz?, welche Schuhe?, Einteiler oder Zweiteiler?, Zustand?, Wiederverwendbarkeit? usw. Grundsätzlich kann gesagt werden, dass ein extravagantes Stück aufgrund des Wiedererkennungseffektes nicht noch einmal getragen werden sollte. Besonders zentrale Figuren der Gemeindemodewelt sollten zwecks Vorbildfunktion generell auf eine Outfitrepetition verzichten. Woher nehmen alle anderen sonst die Inspiration für Jom Kippur? Zweiteiler sind grundsätzlich einfacher neu kombinierbar und können mit Schmuck und Schuhen wunderbar aufgewertet werden. Deshalb lohnt es sich eigentlich durch das ganze Jahr hinweg Ausschau nach schlichten knielangen (oder längeren) Röcken zu halten.
Die Knielänge hängt mit dem Konzept von «zniut» zusammen. Das Wort «zniut» bedeutet eigentlich Bescheidenheit und soll Männer und Frauen dazu auffordern, ihre äussere Erscheinung nicht allzu sehr zu betonen. Schaut man sich um, merkt man schnell, dass auch in sehr religiösen Kreisen «zniut» auf einige wenige Punkte reduziert wurde, zum Beispiel auf die Länge der Ärmel und die Länge des Rockes, während ansonsten die gängige Mode frisch und freudig getragen wird. Es ist allerdings fraglich, wie man Kleidung, die die eigene Schönheit betonen soll, mit «zniut» vereinbaren kann. Eine gute Portion Keuschheit schadet unserer heutigen Gesellschaft jedenfalls nicht, folglich kann der Kodex von «zniut» ruhig respektiert werden. Das heisst Röcke bis zu den Knien und keine Schulter zeigen. Übrigens können Knie im Spätherbst gut durch blickdichte Strümpfe bedeckt werden.
Zurückhaltende Farben
Wie wahrscheinlich die meisten erkannt haben, war dieser Sommer besonders mutig mit Farben, und viele haben sich aus der «Schwarz-Wohlfühlzone» herausgewagt. Es wäre schade, wenn die Festtage dazu führen würden, wieder in alte Verhaltensmuster zurückzufallen. Zugegeben, es ist für viele, die die Synagoge nicht regelmässig besuchen, viel einfacher und vernünftiger, ein paar Synagogen-Basics in schlichten Farben zu besitzen, und nicht zuletzt ist die Farbe von Kol Nidrei traditionsgemäss andächtig weiss (dies verleiht dem Synagogen-laufsteg die nötige Dramaturgie). Aber wenigstens ein bisschen Farbe wäre trotzdem lohnenswert. Eine schöne, leichte Strickjacke in Matschfarbe, Senfgelb, Dunkelrot, Dunkelpink usw. kann auf einfachen Farben mit einer Schmuckvariation sehr interessant wirken. Auch wenn in charedischen Kreisen sehr viel Schwarz und Weiss getragen wird, heisst das nicht, dass Religiosität etwas mit Farben zu tun hat. Der Kleidungskodex der Charedim gründet zu einem grossen Teil darauf, dass sich die Juden von anderen Völkern separieren und nicht jede Modeerscheinung übernehmen wollten. Sich nicht immer der aktuellen Mode zu fügen, macht eigentlich auch generell Sinn: Wie oft hat ein Fashion Victim überhaupt Klasse? Die bedingungslose Hingabe zu aktuellen Trends enthüllt oft nur Angepasstheit und Obrigkeitsgläubigkeit, anstatt wirklichen Stil. Zudem ist nun wirklich nicht jede Modeerscheinung für jedermann vorteilhaft. Aber leichte Anspielungen auf die aktuellen Herbstfarben oder die Nutzung der momentan sehr schön fallenden Materialien können ohne jede Peinlichkeit in die diesjährige Garderobe eingegliedert werden. Auf Farben und Modetrends ganz zu verzichten gleicht in einer modernen Gemeinde eher überangepasster Frömmigkeit als aufrichtiger Religiosität.
Geld ausgeben
Somit geht es los mit dem Geldausgeben. Hier bietet sich Folgendes an: Nie in ein Geschäft für «fromme Kleidung» gehen – dort findet sich nichts. Nicht allzu viel in Ausgefallenes investieren, weil das, wie bereits erwähnt, nur einmal getragen werden kann. Gute Materialien (Seide, Leine, Kaschmir) schmeicheln dem Körper und kosten auch dementsprechend. Bei Basics, leichten T-Shirts, Strickjacken, Blusen usw. lohnt es sich jedoch, ein bisschen mehr springen zu lassen. Schuhe? Mal ehrlich, vermutlich stehen bereits genügend Paare im Schrank. Wenn die Zeit es erlaubt, kann es aber sehr vorteilhaft sein, nach schönen, nicht drückenden Schuhen ohne Leder Ausschau zu halten, um am Tag von Kol Nidrei nicht zwischen Eitelkeit und Religiosität entscheiden zu müssen.
Nun gilt es nur noch, das schlechte Gewissen zu umschiffen, das Geld auszugeben so oft mit sich bringt. Schöne Kleidung kann viel Freude bereiten, was die Feiertage noch bedeutungsvoller werden lässt. Nicht zuletzt befassen wir uns an Rosch Haschana und Jom Kippur auch mit dem Abschliessen des Jahres. Abgesehen davon, dass Abschlüsse immer gefeiert werden sollten, ist schliesslich der Abschluss des Jahres auch der Neuanfang des nächsten. «Titchadschi» sagt man auf Iwrit, wenn man etwas Neues kauft, was so viel heisst wie «erneuere dich». Auch Oberflächlichkeiten helfen manchmal dem Inneren, und dies nicht selten.


