«Typisch jüdische» Profile
Die Idee ist atemberaubend: Die vorwiegend paschtunischen Mitglieder der islamistischen Taliban-Terroristen könnten aus den verlorenen zehn Stämmen Israels hervorgegangen sein, von denen die Bibel berichtet. Mit etwa 15 Millionen Angehörigen sind die Paschtunen (auch Pathanen genannt) die grösste einzelne Stammesgruppe der Welt. Sie bewohnen von Afghanistan über Pakistan bis nach Kaschmir ein ausgedehntes Territorium und sind in einzelne Stämme gegliedert, deren Namen an die der zehn biblischen erinnern: Rabbani könnte aus Reuben hervorgegangen sein, Shinwari aus Shimon, Daftani aus Naftali, Jajani aus Gad und Afridi aus Efraim.
Ein Rätsel
Aus der Bibel wissen wir, dass die zehn verlorenen Stämme Israels im achten Jahrhundert v. d. Z. von den Assyrern verschleppt worden sind, während die Bewohner des Königtums Judäa in Palästina verblieben. Die Heilige Schrift berichtet weiter, dass die zehn Stämme ins Exil nach «Halah, Habor, den Städten der Meder und dem Fluss Gozan» weggeführt worden sind, die Region also, in der heute die Paschtunen leben. Das Schicksal der verschollenen Israeliten ist seit Langem ein Rätsel und wird im Talmud und anderen jüdischen Texten diskutiert. Aber Juden und Christen waren dennoch gleichermassen davon überzeugt, dass sie am Ende der Tage wieder mit den Nachkommen des Stammes Juda vereinigt werden würden.
Die Paschtunen selbst zweifeln nicht an ihren israelitischen Herkunft und behaupten, «Söhne Israels» zu sein, auch wenn sie virulente «Antizionisten» sind. Paschtunischer Überlieferung zufolge hat König Saul einen Sohn namens Jeremias gezeugt, dessen Geburt allerdings nicht in den jüdischen Schriften vermerkt ist. Dieser Jeremias soll einen Sohn namens Afghana gezeugt haben, dessen Nachkommen angeblich nach Jat im heutigen Afghanistan geflohen sind. Dort sollen sie auf den besonderen Wunsch des Propheten Mohammed hin zum Islam bekehrt worden sein. Diese Mission wurde durch seinen Abgesandten Khalid ibn al-Walid erfüllt, der seinem Meister persönlich als «Beweis» für seine Leistung 76 Konvertiten und sieben Anführer der «Kinder Israels» vorgestellt haben soll, darunter einen Abkömmling Afghanas namens Kish. Dieser hat seinen Namen der Überlieferung zufolge anschliessend in Ibn Rashid geändert und wurde von Mohammed beauftragt, die Botschaft des Islam zu verbreiten. Viele der heutigen Taliban behaupten von diesem Ibn Rashid abzustammen.
Wissenschaftliche Beweise?
Eine grosse Zahl afghanischer und westlicher Forscher geht aufgrund ausführlicher historischer, anthropologischer und philologischer Untersuchungen davon aus, dass die Paschtunen tatsächlich von den Israeliten abstammen. Etliche dieser «Beweise» muten merkwürdig an. So schreiben einige Forscher, die Paschtunen «sähen jüdisch aus» und hätten fahle Gesichter, dunkle Augen und Haare, seien von durchschnittlicher Statur, würden Bärte und Schläfenlocken tragen und wiesen «typisch jüdische» Profile auf. Andere behaupten, unter Paschtunen jüdische Gebräuche ausgemacht zu haben. So würden sie ihre Knaben möglichst um den achten Lebenstag beschneiden, die Frauen würden die von der Thora vorgeschriebenen Reinheitsgebote erfüllen; zudem sei das Tragen von Amuletten üblich, die angeblich die Worte des «Schema Israel» enthalten: «Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig!»
Wie bei den alten Israeliten stellt Ra-che («badal») eine treibende Kraft in der paschtunischen Gesellschaft dar. Angegriffen oder in ihrer Ehre verletzt, schliessen sich Paschtunen einem Jihad, einem heiligen Krieg also, gegen Invasoren an. Dabei waren sie im 19. Jahrhundert gegen die Briten, im 20. Jahrhundert gegen die Sowjets und im 21. Jahrhundert gegen die Ame-rikaner erfolgreich.
Jüdische Bräuche?
Israels zweiter Staatspräsident Jizchak Ben-Zvi hat den angeblich israelitischen Wurzeln der Paschtunen ein ganzes Kapitel in seinem Buch «The Exiled and the Redee-med» («Die Exilierten und die Befreiten») gewidmet. Er zitiert in Afghanistan lebende Juden, laut welchen Angehörige dieses kriegerischen Bergvolkes die Rückseite ihrer Kleider mit Chanukkaleuchtern besticken. Überdies konnte Ben-Zvi von seinen Gewährsleuten erfahren, dass Paschtunen Mesusot besässen, sich in Talitot zu hüllen pflegen und am Freitagabend Lichter anzünden. Zudem bestünden sie darauf, Peot (Schläfenlocken) zu tragen. Der seinerzeit im westafghanischen Herat lebende Abraham Benjamin berichtete Ben-Zvi, «einer Tradition der Afridis nach stammen sie von den Israeliten ab, genauer gesagt seien sie Söhne Efraims. Sie lassen sich Bärte wachsen. Die älteren unter ihnen verheimlichen ihre jüdische Herkunft nicht. Doch die jüngeren haben damit jüngst begonnen, da sie angesichts der nun im Lande herrschenden politischen Stimmung schlechte Folgen für sich befürchten.» Diese Sätze stammen aus dem Jahr 1951 – aber sie klingen umso glaubwürdiger im Jahr 2011.
Shalva Weil ist Anthropologin an der Hebräischen Universität und Spezialistin für die zehn verlorenen Stämme.


