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26. August 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 34 Ausgabe: Nr. 34 » August 26, 2011
Von Dan Goldberg

Mit dem Fahrrad rund um die Welt

August 26, 2011
Der Radfahrer Roei Sadan ist um die Welt geradelt und hat dabei seine Botschaft vom «wirklichen Israel» verbreitet. Kurz vor dem Ziel blickt der 29-Jährige zurück auf seine Reise und in die Zukunft.
ROEI SADAN RADELTE UM DIE WELT Eine harte Reise als Selbstentdeckung

Auch in den dunkelsten Momenten seiner vierjährigen Fahrrad-Odyssee, die ihn durch 42 Länder auf sechs Kontinenten führte, wusste Roei «Jinji» Sadan, dass er nicht aufgeben würde. Schliesslich fuhr Sadan auf einem Fahrrad, das den Namen Emunah («Glaube, Vertrauen») trägt.
In Melbourne erinnerte sich der 29-jährige Israeli am Vorabend der letzten Etappe seiner 39 000-Meilen-Reise daran, wie er am Neujahrstag 2008 durch die mexikanische Wüste radelte. Plötzlich hielt ein Auto neben ihm an. «Ich sprach kein Spanisch und dachte, die Menschen wollten mir helfen. Als dann aber einer der Insassen auf einen Revolver in seiner Hand zeigte, wusste ich, worum es sich handelte.» Die Banditen nahm ihm seine Kleider ab, Geld, Kreditkarten und alle Vorräte, ebenso sein Zelt und seinen Schlafsack. Verschont blieb hingegen sein 27-gängiges blauweisses Fahrrad der Marke Thorn Nomad, das speziell für ihn gebaut worden war. «Seither nannte ich es Emunah.» Kaum ein Stunde später wurde sein Vertrauen schon belohnt. Zwei amerikanische Surfer trafen Sadan und brachten ihn schliesslich nach San Diego, wo er seine Vorräte wieder aufstockte. Ein anderer Amerikaner, der ein TV-Interview mit Sadan gesehen hatte, fuhr ihn nach Mexiko zurück, damit er sein Abenteuer dort fortsetzen konnte.



Eine Selbstentdeckung

Der Zwischenfall war so etwas wie ein Mikrokosmos seiner harten Reise der Selbstendeckung: Haarsträubende Episoden und dann wieder Menschen, die sich von ihrer besten Seite zeigten. Weinige Kilometer vor seinem Ziel (dem Opernhaus von Sydney) erklärte Sadan, wie er seine Erlebnisse verwerten wollte: Er wollte ein motivierender Redner werden und aus seinen Tagebüchern ein Buch machen, das – so hoffte er – andere Menschen veranlassen würde, ihre Träume zu verwirklichen. Die wichtigste Herausforderung für ihn ist aber gewiss das Sesshaftwerden.
Am Anfang seiner Reise stellte sich Roei Sadan aus Oranit, einer 6000-Seelen-Siedlung in der Westbank unweit von Kfar Saba die einfache Frage: «Was ist wohl das grösste Abenteuer?». Er wollte rund um die Welt radeln. Nicht, um Rekorde aufzustellen, sondern um zu sich selber zu finden. Sadan bereitete sich anderthalb Jahre auf das Unternehmen vor, er absolvierte einen Nord-Süd-Marsch durch Israel und einige Trainingsmonate im indischen Himalaya.
Zahlreiche Erlebnisse hätten Sadan mehr als einmal veranlassen können, aufzugeben. In Alaska etwa verlor er über 30 Pfund Gewicht, während er in subarktischen Bedingungen nur auf einem Naturpfad vorwärtskam und während zehn Tagen lediglich an einem Haus anklopfen konnte. In Peru wurde er von einem wilden Hund gebissen, und in Mosambik erkrankte er an Malaria. Die Reise kostete ihn rund 60 000 Dollar. Einen Teil finanzierte sein Sponsor, die Wassergesellschaft Eden Water. In Bolivien hätte sein Unterfangen ihn aber beinahe das Leben gekostet. «In La Paz wurde ich von einem Auto angefahren», erinnerte er sich. «Es war Fahrerflucht, und niemand half mir. Ein dunkler Moment. Ich sagte mir, diese Albträume seien
nötig, damit ich meinen Traum erfüllen konnte. Wenn ein Albtraum Teil eines Traums ist, dann ist das in Ordnung.»

Emotionale Augenblicke

Schlimm war auch das Alleinsein: «Du bist mitten in der chinesischen Wüste bei minus 20 Grad. Du kannst nicht schlafen, und es ist niemand bei dir, dem du gute Nacht wünschen könntest. Trotzdem habe ich kein einziges Mals ans Aufgeben gedacht», sagte Sadan. Und das gute Erlebnis? «Menschen, die nichts haben, wollen dir alles geben.» Sadan erinnert sich an einen Stammesführer in Lesotho, der sein Essen mit ihm teilen wollte – Katzenfleisch. Da die Sprache ein Problem war, zeigte Sadan auf den Topf und fragte: «Muh muh?». Der Häuptling schüttelte seinen Kopf und sagte: «Miau miau.» Im Outback in Westaustralien offerierte ihm ein Palästinenser eine Unterkuft – ein starkes Erlebnis, hatte Sadan doch einen Teil seines Militärdienstes im Gazastreifen absolviert. Dort war sein Gastgeber zur Welt gekommen. «Er ist mein erster palästinensischer Freund», sagte Sadan. «Ein sehr emotionaler Augenblick.»
Im Gazastreifen ist auch der Soldat der israelischen Armee Gilad Shalit, seit fünf Jahren Entführter der Hamas. «Vier Jahre lang konnte ich meine Freiheit geniessen, und dann dachte ich an Gilad Shalit. Manchmal musst du an die traurigsten Dinge denken, wenn du selber auf dem Gipfel des Everest bist.» Nach seiner Ankunft in Melbourne nahm Sadan an einem Abend anlässlich des fünften Jahrestags von Shalits Gefangenschaft teil. Er sprach vor parlamentarischen Israel-Freunden aus Victoria. An sich hatte Sadan nie daran gedacht, ein Botschafter für Israel zu werden, doch verstand er sehr rasch, dass seine Anwesenheit, vor allem in Ländern, in denen es kaum Juden oder Israeli gibt, den falschen Eindruck abbaute, alle Israeli würden mit einem Maschinengewehr durch die Gegend spazieren. «Ich komme mit einem Fahrrad und einem Lächeln», sagte er. «Die meisten Menschen sind Israel wirklich zugeneigt. Ich bin keinem Hass begegnet.»

Weich, aber unzerbrechlich

Während eines kurzen Zwischenhalts in Oranit im Jahr 2009 erteilte Yuli Edelstein, Minister für Diasporaangelegenheiten, Sadan den Segen der israelischen Regierung für die Verbreitung seiner Botschaften. Seither hat er zahlreiche israelische Botschaften in vielen Ländern besucht, er ist vor mehr als 1500 Kindern als Redner aufgetreten. Zudem hat er zahllose Interviews über das «wirkliche» Israel gegeben. Von allen seinen Herausforderungen war die Letzte vielleicht die Schwierigste: Das Bewältigen der Great Ocean Road von Adelaide nach Melbourne. Sadan reiste auf einem Tandem mit Orly Tal, einer blinden israelischen Frau, die ihn über seine Website kontaktiert und ihn gefragt hatte, ob sie ihn auf dem australischen Teil seines Abenteuers begleiten könne. «Sie hat mehr gesehen als viele Menschen mit zwei normal funktionierenden Augen, doch die Fahrt war eine grössere Herausforderung als irgendeine Fahrt durch die Wüsten, die ich durchquert hatte.»
So kurz vor dem Ziel ist Sadan «aufgeregt». Ihn überkomme ein komisches Gefühl, denn das sei nun das «definitive Ende» seines Abenteuers. Er hat nicht vor, auf die konventionelle Weise nach Tel Aviv zu fliegen. «Ich werde nach Jordanien fliegen und von dort nach Jerusalem an die Westmauer radeln.» Sadan hofft, dass viele Würdenträger dem «grossen Anlass» beiwohnen werden, vielleicht sogar Staatspräsident Shimon Peres.



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