Mit 63 Jahren Verspätung
Bemalte Fliesen einer beeindruckenden antiken Synagoge in Syrien sind zusammen mit anderen archäologischen Gegenständen seit einem Monat in einer Ausstellung auf dem Jerusalemer Scopusberg zu sehen – mit einer Verspätung von 63 Jahren. Eigentlich hätten die Objekte schon 1948 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen, doch der Ausbruch des Unabhängigkeitskriegs in jenem Jahr bedeutete das vorläufige Ende des Plans, ein beinahe vollendetes Museum auf dem Berg zu öffnen. Die Ausstellungsgegenstände wurden während Jahrzehnten in Schubladen aufbewahrt und der Öffentlichkeit erst vor ein paar Wochen zugänglich gemacht.
Unter den Ausstellungsgegenständen befinden sich Fliesen aus der Synagoge von Dura Europos in der syrischen Wüste über dem Euphrattal. Bis heute, immerhin rund 80 Jahre nach ihrer Entdeckung, ist diese Synagoge aus dem dritten Jahrhundert n. d. Z. als eines der vollständigsten und beeindruckendsten Beispiele jüdischer Sakralbauten aus jener Periode.
Biblische Szenen
Einer der prominentesten Sehenswürdigkeiten des Gebäudes – eine Rekonstruktion befindet sich heute im Nationalmuseum in Damaskus – sind herrliche Bilder mit biblischen Szenen an Mauern und Decken. Die Gruppe der Yale Universität, die die Stätte 1932 untersuchte, lud Eliezer Sukenik ein, die Stätte zu besuchen und sich an der Publikation über die Ergebnisse der Ausgrabungen zu beteiligen. Sukenik, einer der ersten jüdischen israelischen Archäologen sagte sofort zu.
Rund einen Monat nach der Einladung reiste Sukenik per Zug nach Damaskus und von dort an die Ausgrabungsstätte. Dank der Grosszügigkeit seiner Kollegen aus Yale kehrte er mit beachtlichen Funden zurück: Mit drei bemalten Fliesen, welche die Decke der Synagoge geziert hatten. Die bemalten Fliesen von Dura Europos hätten die zentralen Ausstellungsobjekte in dem von Sukenik lancierten Projekt sein sollen: Ein Museum, das Objekte im
Zusammenhang mit der Geschichte des jüdischen Volkes auf dem Campus der Hebräischen Universität auf dem Scopusberg zeigen würde. Der Plan für ein solches Museum – es erhielt den Namen «Museum für jüdische Antiquitäten» – wurde kurz vor der Entdeckung der Synagoge in Dura Europos im Jahr 1932 entwickelt. Sukenik und seine Kollegen wollten Gegenstände sammeln, die mit der Geschichte des jüdischen Volkes in alten Zeiten im Zusammenhang standen, und sie der Öffentlichkeit präsentieren.
Der Öffentlichkeit zugänglich
Das Museum wurde von den Architekten Carl Rubin und Itzhak Yavetz entworfen, und zwar im Rahmen eines Gesamtplans für den vom deutsch-jüdischen Architekten Erich Mendelsohn entworfenen Campus. Die Einweihung des Gebäudes fand 1941 statt, und anschliessend wurde begonnen, die Ausstellungsobjekte an ihre Plätze zu stellen. Das Museum nahm seinen Betrieb aber nie auf. Zwei Monate vor dem vorgesehenen Eröffnungsdatum brachen die Kämpfe des Unabhängigkeitskriegs aus, und das Haus auf dem Scopusberg wurde evakuiert.
Als die Fakultät der Hebräischen Universität nach der Wiedereroberung 1967 auf den Scopusberg zurückkehrte, gelangten auch die archäologischen Gegenstände dorthin zurück. Doch in dem als Museum vorgesehenen Gebäude – das entsprechende Schild war vor über 70 Jahren am Eingangstor angebracht worden – waren nun die Büros des Archäologischen Instituts und dessen Kollektionen beheimatet. Die Objekte lagen von da an in Schubladen und wurden gelegentlich von Studierenden und Archäologen benutzt. Erst kürzlich begann Daphna Tsoran, die amtierende Kuratorin des der Sammlung, die Objekte der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Seit Juni kann man die Deckenfliesen von Dura Europos und andere beeindruckende Funde im Rahmen einer Ausstellung auf dem Scopusberg bewundern, die sich genau in dem Gebäude befindet, in dem die Ausstellung vor 63 Jahren hätte eröffnet werden sollen.
Eine Detektivarbeit
Das Auffinden der Objekte glich, wie Tsoran erklärte, einer Detektivarbeit. Im Verlauf ihrer Bemühungen lernte die Kuratorin viel über frühe archäologische Arbeit in Israel. Einige der Gegenstände wurden, wie Tsoran im Archiv aufbewahrten Briefen und Tagebucheinträgen entnahm, von Wanderern entdeckt, die dann sogleich die Wissenschafter informierten. Tsoran fand ferner heraus, dass Sukenik und seine Kollegen nicht, wie zuerst angenommen, ausschliesslich an Funden im Zusammenhang mit Israeli und Juden interessiert waren. Sie investierten im Gegenteil viel Arbeit in das Zusammentragen von Objekten aus dem ganzen antiken Nahen Osten für das Museum. So findet sich etwa im Nationalmuseum in Beirut der Sarkophag eines der Könige der phönizischen Küstenstadt Byblos (heute Jubail) mit einer phönizischen Inschrift. Sukenik bestellte eine Kopie der auf dem Sarkophag eingravierten Inschrift. Zu diesem Zweck wandte er sich an die Baufirma Solel Boneh, die zur Zeit des britischen Mandats eine Niederlassung in Beirut hatte. Er bat um die Überstellung der Inschrift nach Jerusalem. Die Firma stimmte zu und lud die Kopie auf einen Lastwagen, der nach Israel fuhr. Jetzt kann die Inschrift auch auf dem Scopusberg gelesen werden.


