Die letzte Pointe war der Tod
Der Roman müsste Pflichtlektüre werden. Die ganzen 540 Seiten. Es gab Mäkler, die Charles Lewinsky vorwarfen, er habe seinen wunderbaren «Melnitz» zu früh aufhören lassen, um den Holocaust nicht thematisieren zu müssen. Hier ist er nun, der Holocaust, in seiner ganzen Entmenschlichung, die nicht einmal ein grosser Holocaust-Historiker wie Saul Friedländer nachvollziehen oder gar verstehen kann, in einer Facette, die Lewinsky vom Beruf her nahe liegt, als tragische Vignette eines Künstlerlebens, das nicht zu Ende gelebt werden durfte. Die Geschichte eines Mannes, der ein Star war und ein Held werden wollte, der im Auftrag der Nazis einen Propagandafilm über Theresienstadt drehen sollte und die Transporte nach Auschwitz nicht stoppen konnte. Nicht einmal seinen eigenen. Hinter seinem Namen auf der Liste stand R.U., Rückkehr unerwünscht.
Ein jüdischer Star
Ein Meisterwerk. Die Sprache, dieses schnoddrige, sarkastische, lakonische Idiom der stark jüdisch geprägten Berliner Künstlerszene, und die Verzahnung der zwischen den Zeiten hin und her springenden Erzählebenen ist grossartig gelungen. Die Schwatzhaftigkeit und die detailgetreuen Schilderungen der Protagonisten sind so anschaulich, so notwendig, dass sie nie langfädig wirken.
Kurt Gerron, eigentlich Kurt Gerson, Sohn eines wohlhabenden Textilkaufmanns, war ein bekannter Kabarettist, Revuestar, Schauspieler und Regisseur im Berlin der zwanziger Jahre. Berühmt wurde er durch den «Haifischsong», das Lied über Mackie Messer in der Dreigroschenoper, das Bertolt Brecht und Kurt Weill für ihn schrieben. Auf Youtube kann man ihn damit hören. Gerron spielte in der Dreigroschenoper den Polizeichef Tiger Brown, der mit Mackie den Kanonensong singt. Sonst wurde er oft als Schurke besetzt. Gerrons Werkliste nur schon in Stummfilm und Tonfilm, als Darsteller und Regisseur, ist unendlich lang. Er arbeitete mit Peter Lorre, und er war unter Josef von Sternbergs Regie der Zauberkünstler an der Seite Marlene Dietrichs in «Der blaue Engel». Diese drei, rechtzeitig in die USA geflüchtet, boten ihm mehrfach an, ihn herüberzuholen, doch er lehnte stets ab. Zuletzt flüchtete er mit seinen Eltern und seiner Frau Olga nach Paris, wo ihm die Sprache im Wege stand, und schliesslich nach Amsterdam, wo er wieder Karriere machte, bis die Familie ins holländische Konzentrationslager Westerbork deportiert wurde. Die Eltern wurden nach Sobibor transportiert und dort ermordet, er und seine Frau landeten in Theresienstadt.
Ein unmenschliches Dilemma
Hier setzt der Roman ein, im August 1944, unvermittelt, ohne Umschweife, ohne Vorgeschichte: Der Lagerkommandant Rahm will von Gerron einen Propagandafilm über Theresienstadt. «Den Rest meines Lebens müsste ich mich dafür schämen», sagt er zu seiner Frau Olga. «Wie lang ist der Rest deines Lebens, wenn du dich weigerst?», fragt sie. Ein Film dauert mindestens drei Monate. Bis dahin, meint Olga, könnte der Krieg vorbei sein. Gerüchteweise erfuhren die Todeskandidaten in Theresienstadt, dass die Amerikaner bereits in Frankreich gelandet und die Russen auf dem Vormarsch seien. Gerron hat vom SS-Mann drei Tage Bedenkzeit erhalten. Olga rät ihm, sie zu nutzen, um herauszufinden, was für ein Mensch er wirklich sei. Gerron weiss es: «Was wäre ich für ein Mensch, wenn ich das täte? Ein Mensch, der nicht nach Auschwitz geschickt wird. Ein Mensch, der es verdient hätte, nach Auschwitz geschickt zu werden.»
Spätestens jetzt hat Lewinsky die Leserschaft am Wickel. Amüsiert, atemlos, ahnungsvoll folgt man dem Jungen durch seine Kindheit und Jugend, die Zeit als Star in Berlin und in Amsterdam, lernt die Eltern und den Grossvater kennen, immer wieder durchflochten mit der Gegenwart in Theresienstadt. Natürlich sagt er zu, den Film zu drehen. Auf Youtube sind Teile zu sehen, unter dem infamen Titel «Der Führer schenkt den Juden eine Stadt». Sein Drehplan wird durch den Lagerkommandanten ergänzt und abgeändert. Und Gerron erstellt eine umfangreiche Besetzungsliste, um die Leute von den täglichen Transporten nach Auschwitz zu befreien. Doch sie werden alle nach Auschwitz deportiert. Gerron hat einen Schnittplan geschrieben. Doch er bekommt keinen Termin für die Fertigstellung des Rohmaterials. Stattdessen bekommen er und seine Frau Ende Oktober 1944 die Einberufung zum Transport.
Verwehter Ruhm
Sie haben viel Platz beim Warten, Gerron gilt als Aussätziger, weil er sich zu einem Propagandafilm herabgelassen hat und die Transporte trotzdem weitergingen. Faszinierend der Vergleich der Gerüche im überfüllten Waggon mit den Häftlingsräumen im Kolosseum, denen ein Statistenmeister Anweisungen gibt, bevor die Gitter zur Arena hochgezogen werden. Gerron, der die Menschen und die Ereignisse häufig im Format eines Drehbuchs oder eines Theateraktes beschreibt, denkt zum letzten Mal an seinen Ruhm: Wenn die Leute wüssten, dass er in diesem Güterzug sitzt? Er, der Star, den sie auf der Strasse um Autogramme gebeten hatten? Würden sie dann reagieren? Er wird bald wieder sarkastisch: «Aber die Filme, in denen ich mitgespielt habe, sind längst verboten, und Theateraufführungen haben die Leute schon vergessen, wenn sie an der Garderobe um ihre Pelze anstehen.» Er sei Vergangenheit, sagt er. Selbst wenn sie seine Geschichte aufschrieben, würde sie niemand glauben. «Aber so war es.» Kurt und Olga wurden gleich nach der Ankunft vergast. Drei Tage später wurden die Vergasungen eingestellt. Am Schluss von «Gerron» ändert sich unmerklich der Tonfall und die Zeitebene. Gerron kommen noch immer Erinnerungen in den Sinn, und er sieht seine Umgebung nach wie vor als Drehbuch. Aber die letzte Pointe ist dem Tod vorbehalten.
Charles Lewinsky: Gerron. Nagel & Kimche, Zürich 2011.


