Perspektiven
Flüchtlingslager. Tausende palästinensische Flüchtlinge flohen aus ihrem Flüchtlingslager, als der syrische Präsident Bashar Assad die syrische Küstenstadt Latakia von syrischen Kriegsschiffen beschiessen liess. Laut dem Uno-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge UNRWA lebt in Syrien beinahe eine halbe Million Palästinenser in zwölf Flüchtlingslagern. Wie bitte? So viele Flüchtlingslager? Und nochmals so viele Leute in Libanon, in Jordanien? Geht jetzt irgendjemand für diese Menschen auf die Strasse und fordert die behördlich verbotene Integration in die sogenannten Bruderstaaten? Nein, keine Chance. Zu sehr sind die Wohlmeinenden auf die Palästinenser unter israelischer Herrschaft fixiert.
Endlich. Vergleiche hinken sehr oft, gegenseitige Aufrechnungen ebenfalls. Der Hinweis auf die miserable Situation der Palästinenser in den Nachbarländern ist nicht statthaft angesichts von Verletzungen des Völkerrechts durch Israel. Kaum jemand, der Vernunft und Anstand hochhält, wird verneinen, dass die Palästinenser in der unmittelbaren israelischen Nachbarschaft endlich eine Normalisierung ihres Status brauchen.
Fragen. Die Aussicht auf einen Antrag auf Uno-Anerkennung in irgendeiner Form durch die Regierung auf der Westbank hat die halbe Welt elektrisiert, noch bevor der Antrag formuliert ist. Gescheite Israeli sehen eine Chance. Der Bundesrat und die Aussenpolitische Kommission des Ständerats wollen sich nicht festlegen, ohne zu wissen, was im September in New York überhaupt passiert (vgl. S. 6). Das ist vernünftig. Und auch nachher bleiben viele Fragen offen: In wessen Namen spricht die Regierung in Ramallah? Wird es dem ägyptischen Militär noch gelingen, eine Aussöhnung zwischen der Hamas und der Palästinensischen Befreiungsorganisation zu erreichen, und wie lange wird sie halten? Mit zerstrittenen Palästinensern ist kein Staat zu machen. Und: Sorgen sich die Palästinenser auf der Westbank und in Gaza um ihre Brüder und Schwestern, die von Arabern unterdrückt werden und nicht von Israel?
Volksstimme. Die noch ziemlich theoretische Frage einer Anerkennung von Palästina durch die Uno in welcher Form auch immer entzweit die jüdische Gemeinschaft, und sie polarisiert auch in der nicht jüdischen Bevölkerung. Die – falsch formulierte – Leserumfrage der «Aargauer Zeitung», ob «auf Drängen der Uno» die Schweiz den Staat Palästina anerkennen solle, ergab 90 Prozent «Ja»-Stimmen, wobei die Anzahl der Abstimmenden nicht bekannt ist. Dazu gab es einige Lesermeinungen, eher gegen als für Israel. Ein saftiger Satz eines Herrn, nach eigenen Angaben vor 40 Jahren Geschichtsstudent, heute wohl Lehrer: Der israelische Botschafter in Bern nehme die friedliebende Schweiz in Geiselhaft.
Rückwirkungen. Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund und die Plattform der liberalen Juden der Schweiz beschäftigen sich oft mit Problemen Israels, obwohl ihr Kernanliegen die Befindlichkeit der jüdischen Gemeinschaft in der Schweiz sein muss. Zumindest diesmal liegen sie richtig. Denn was in Israel geschieht, zeitigt Rückwirkungen auf die jüdische Bevölkerung in der Schweiz. Sie wird von einigen Mitbürgern in Geiselhaft genommen und kann sich schlecht wehren.


