Auf den Spuren von Golda Meir
Der Name Milwaukee wird von dem Wort «millioke» abgeleitet, das die nordamerikanischen Algonkin-Indianer für «gutes Land» benutzten. Vielleicht war das der Grund, warum Moses Mabowehz nach zwei Jahren in New York die Stadt verliess, und sich 1905 hier niederliess. Im folgenden Jahr hatte er genügend Geld gespart, um seine Familie aus der heutigen Ukraine nach Amerika zu bringen. In Milwaukee lebte die Familie an der Walnut Street wie viele andere Einwanderer auch. Es war kein einfaches Leben, doch es war besser als in Russland, wo die Gefahr eines Pogroms allgegenwärtig war. Bis zur Ankunft von Juden aus Osteuropa war Milwaukees jüdische Gemeinde eher deutsch geprägt. Noch heute gilt Milwaukee als eine der deutschesten Städte in den USA, und sie trägt noch immer den Spitznamen «Deutsch-Athen».
Die erste jüdische Gemeinde Milwaukees wurde 1848 gegründet. 1875 lebten gemäss einer Volkszählung 2068 jüdische Bürger in der Stadt. Um 1880 begann die Immigration von Juden aus Osteuropa, die schon bald die Mehrheit der jüdischen Gemeinde bildeten. 1895 lebten, aufgrund der Zuwanderung von Osteuropäern, schon 7000 Juden in der Metropole am
Lake Michigan.
Religions- oder Volksgemeinschaft?
Zwischen den beiden jüdischen Gruppen gab es einige Konflikte. Die deutschen Juden definierten sich primär als Religionsgemeinschaft, osteuropäische Juden hingegen sahen sich als Volksgemeinschaft. Die deutschen Juden Milwaukees waren fast ausschliesslich Anhänger des Reformjudentums, und Deutsch war lange Zeit die einzige Sprache, die man in den Reformsynagogen der Gemeinde hörte; 1912 führte die letzte Gemeinde englischsprachige Gottesdiente ein. Die osteuropäischen Juden hingegen waren oftmals orthodox, die Gottesdienste waren ausschliesslich auf Hebräisch, und Jiddisch war Umgangssprache. Milwaukees erste jüdische Einwanderer sahen sich als Teil der allgemeinen deutschen Gemeinde und waren sehr amerikanisiert, die Osteuropäer hingegen waren vor allem Sozialisten und Zionisten.
So auch Mabowehz Tochter Golda, die 1917 Morris Meyerson heiratete. Damals lebten bereits über 20 000 Juden in Milwaukee. Im selben Jahr erhielt Moses Mabowehz seine amerikanische Staatsbürgerschaft. Gemäss der amerikanischen Gesetzgebung erhielten daher auch alle seine Familienangehörigen die Staatsbürgerschaft. Doch trotz Einbürgerung beschloss Golda 1921, mit ihrem Mann Milwaukee Richtung Heiliges Land zu verlassen.
Premierministerin Israels
Die Geschichte könnte hier enden und niemand würde sich an das Immigrantenkind erinnern. Doch da in Palästina aus Golda Meyerson Golda Meir, die spätere Premierministerin des Staates Israel, wurde, ist man heute stolz auf die prominente ehemalige Bürgerin. Als Golda Meir während ihrer Amtszeit als Premierministerin 1969 durch die USA reiste, kam sie auch nach Milwaukee, wo die damals Siebzigjährige unter anderem ihre ehemalige Grundschule besuchte. «Das war damals eine grosse Sache für Milwaukee», erklärt Jay Hyland, der Archivar der jüdischen Gemeinde. Im Gemeindearchiv finden sich gleich zwei Ordner zu Golda Meir, die viele Fotos und Zeitungsartikel von dem Besuch beinhalten.
Als 1972 der Dachverband der jüdischen Gemeinde ein neues Gebäude bauen liess, beauftragte man Marc Chagall, einen Wandteppich für das Haus zu kreieren. Der 4,5 auf 6 Meter grosse Teppich wurde am 29. April 1973 der Öffentlichkeit präsentiert und war der erste Wandteppich Chagalls in Nordamerika. Der Künstler erklärte damals, dass der Teppich die Geschichte des jüdischen Volkes darstelle und zugleich als Hommage an Golda Meir zu sehen sei. «Die Frau in dem Bild», erklärte er damals, «ist inspiriert von den Frauen in der Bibel, von Madame Golda Meir und all den tapferen Frauen auf dieser Welt.»
Eine Inspiration
Das Gebäude beheimatet heute neben dem Archiv auch das jüdische Museum der Stadt, in dem die Geschichte jüdischer Immigration nach Milwaukee im Kontext der Weltgeschichte erzählt wird. «Es war uns wichtig, dass dies ein lebendiges jüdisches Museum und kein Holocaust-Museum ist», erklärt Kathie Bernstein, die Direktorin des Museums. Golda Meir ist selbstverständlich Teil der Ausstellung. Sowohl ihre Jugend in der Stadt als auch ihr Besuch als Premierministerin werden in der Ausstellung dargestellt. Ellie Gettinger, eine Sprecherin des Museums, ist davon überzeugt, dass Golda Meirs «allgemeines Gefühl, alles erreichen zu können und nicht auf traditionelle Rollen beschränkt zu sein», in Milwaukee geprägt wurde. «Ein Grossteil der städtischen Energie von Milwaukee war übertragbar auf die Staatsgründung Israels», und ihre amerikanische Jugend machte sie «zu einer lebenslangen Ansprechpartnerin der Juden in den Vereinigten Staaten. Viele Mitglieder der jüdischen Gemeinde sehen Golda Meir noch heute als Inspiration, da sie veranschaulicht, dass alles möglich ist.»
Etwa 25 000 Juden leben in Milwaukee, mit knapp 600 000 Einwohnern die grösste Stadt im Bundesstaat Wisconsin. Während innerhalb der jüdischen Gemeinde fast jeder von Golda Meirs Zeit in Milwaukee weiss, sieht das ausserhalb der jüdischen Gemeinde ganz anders aus. «Die meisten Bürger der Stadt haben heute wohl keine Ahnung, dass Golda Meir hier lebte», meint Bernstein. Das Jüdische Museum klärt daher nicht nur über jüdische Stadtgeschichte, sondern eben auch über Israels bisher einzige weibliche Premierministerin auf. «Etwa die Hälfte der jährlich 5500 Museumsbesucher ist nicht jüdisch», erklärt Bernstein.
«Leider finden sich heute nur noch wenige Orte, die mit Golda Meir zusammenhängen», bedauert Hyland. «Wo einst das erste Wohnhaus der Familie Mabowehz war, ist heute ein Altersheim. Das zweite Wohnhaus wurde abgerissen, als die Autobahn ausgebaut wurde.» Golda Meirs ehemalige Grundschule gibt es hingegen noch. 1979, nur ein paar Monate nach ihrem Tod, wurde die Schule in Golda Meir School umbenannt. Im gleichen Jahr entschied die Universität von Milwaukee, ihre Bibliothek zu ihren Ehren nach Golda Meir zu benennen. Der Tag der feierlichen Eröffnung der Bibliothek, der 5. August 1979, wurde von dem damaligen Gouverneur des Bundesstaates Wisconsin, Lee Sherman Dreyfus, zum Golda-Meir-Tag erklärt.
www.jewishmuseummilwaukee.org


