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12. August 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 32 Ausgabe: Nr. 32 » August 12, 2011

Wir sind Brüder

Amos Oz zur Lage in Israel, August 12, 2011

Israel ist noch nie ein egalitärer Staat gewesen. In seiner Blütezeit aber war er egalitärer als die meisten Staaten der Welt. Die Armut war nicht akut, das Reichtum war nicht protzig, und die soziale Verantwortung gegenüber dem Armen und Bedürftigen wurde nicht nur auf der wirtschaftlichen, sondern auch auf der emotionalen Ebene unter Beweis gestellt.



In den Zeiten des früheren Israel konnten jene, die arbeiteten – und fast alle Frauen und Männer arbeiteten sehr hart – für sich und ihre Familien ein bescheidenes, aber respektables Einkommen nach Hause bringen. Die Neueinwanderer, die Flüchtlinge und die Bewohner der Immigrantenlager genossen alle öffentliche Bildung, Gesundheitsdienste und Unterkunft. Das junge, arme Israel war ein guter
sozialer Unternehmer.

All das ist aber in den letzten 30 Jahren zerstört worden, indem die Regierungen die Gesetze des Wirtschaftsdschungels – jeder soll sich möglichst viel unter den Nagel reissen – förderten.

Die Proteste, die heute auf Israels Strassen und Plätzen stattfinden, sind schon lange nicht mehr nur Proteste gegen die Wohnungsnot. Im Herzen dieses Protests stehen die Empörung und Wut über die Gleichgültigkeit der Regierung gegenüber den Leiden der Bevölkerung, gegenüber den ungleichen Ellen, mit denen das arbeitende Volk gemessen wird, und gegenüber der Zerstörung der sozialen Solidarität.

Der herzerwärmende Anblick der sich über das ganze Land hinweg erstreckenden Zeltstädte, der für ihre Patienten marschierenden Ärzte, der Demonstrationen und Kundgebungen ist für sich schon eine erfreuliche Wiederbelebung gegenseitiger Verbrüderung und gegenseitigen Engagements. Schliesslich ist das Erste, was diese Demonstrierenden sagen – sogar noch vor «soziale Gerechtigkeit» und «nieder mit der Regierung»: «Wir sind Brüder».Die Ressourcen, die es braucht, um in Israel soziale Gerechtigkeit zu erreichen, befinden sich an drei Orten. Erstens: Die Milliarden die Israel in die Siedlungen investiert. Diese sind der grösste Fehler in der Geschichte des Staates, wie auch dessen grösste Ungerechtigkeit. Zweitens: Die Mammutsummen, die in die ultraorthodoxen Talmudhochschulen fliessen, in denen Generationen ignoranter Rumtreiber heranwachsen, die voller Verachtung für den Staat, seine Menschen und die Realitäten des 21. Jahrhunderts sind.

Drittens und vielleicht am wichtigsten: Die leidenschaftliche Unterstützung, welche die Regierung Netanyahu und ihre Vorgängerinnen der ungebremsten Bereicherung der verschiedenen Wirtschaftsbosse und ihrer Anhänger angedeihen lassen – auf Kosten der Mittelklasse und der Armen.

Vergessen wir nicht die Herkunft des Reichtums, der in die Siedlungen, die Talmudhochschulen und auf die Konten der Wirtschaftsbosse strömt. Es stammt von der Arbeit und den kreativen Talenten von Millionen von Israeli, die auf ihrem Rücken das einzigartige Wirtschaftswunder eines Staates tragen, der arm ist an Naturschätzen (das Naturgas haben wir hier noch nicht berücksichtigt), dafür aber reich an menschlichen Ressourcen.

Diesen Protest haben weder die Parteien noch die alteingesessenen Oppositionsorganisationen ausgelöst. Er entstammt vielmehr der Hingabe und Begeisterungsfähigkeit von Hunderttausenden junger Leute, die in ihrem Kielwasser die besten Menschen des Landes mitrissen.

Es ist zutiefst bewegend, die Protest-Veteranen aller Generationen zu beobachten, die während Jahren nichts mehr als einsame Rufer in der Wüste waren, die heute aber Zeit in den Zelten der Jungen zubringen, die den neuen Protest mit Weisheit leiten.

Menschen wie ich, die jahrelang gegen die Politik israelischer Regierungen protestiert haben, umarmen diese neue Generation, welche vorhergehende überragt, mit Liebe und Bewunderung. 


Amos Oz ist israelischer Schriftsteller und Mitbegründer von Israels Friedensbewegung «Frieden jetzt».



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