Sind die Tage des schiitischen Halbmonds gezählt?
König Abdullah II. von Jordanien war es, der 2004 das Horrorszenario eines „schiitischen Halbmonds“ prophezeite, eines ideologisch-politischen Gürtels, der sich vom Iran ausgehend über den Irak bis zum Libanon erstrecke und ein bedrohliches Potenzial für die mehrheitlich sunnitisch-arabische islamische Welt darstelle. Die Islamische Republik Iran mit ihrer zu 90% schiitischen Bevölkerung besitzt seit dem Sturz Saddam Husseins einen erheblichen Einfluss im Irak, das Land, das direkt nach dem Iran den höchsten Anteil an Schiiten, 60-65% der Bevölkerung, zählt. Von der Bevölkerung des Libanon sind 32% Schiiten, sie stellen somit nach den Christen (39%) die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe. Obwohl die Alawiten in Syrien, zu denen der Assad-Clan gehört, häufig zu den Schiiten gezählt werden, sodass Syrien einen theoretischen Schiitenanteil von 15 % der Bevölkerung aufweist, haben sie religiös wenig mit den Zwölferschiiten im Iran gemeinsam. Doch spielt Syrien eine vitale Rolle im schiitischen Gürtel um den arabisch-islamischen Teil des Nahen Ostens.
Warum wirkt der schiitische Halbmond bedrohlich?
Außer diesen Ländern haben auch einige der ölreichen Kleinstaaten am Persischen Golf einen hohen schiitischen Bevölkerungsanteil (Bahrain knapp 70 %, Kuwait mindestens 25 %). Aus Sicht der sunnitischen Herrscher haben sie ein enormes Unruhepotential. Auch bei den Unruhen im Jemen spielt der religiöse Gegensatz zwischen Sunniten und Schiiten eine Rolle (Im Norden war der Imam der Fünferschiiten bis 1962 auch weltlicher Herrscher). In Saudi-Arabien sind die Schiiten mit 10-15 % eine totgeschwiegene und unterdrückte Minderheit, die nun dem Haus Saud schlaflose Nächte bereitet. Die meisten sunnitisch-arabischen Staaten in Asien sehen die Schiiten als ideologisch-politischen Unruhefaktor, was auch für Israel und den Westen gilt. Hierbei sind die Blicke auf den Iran als Kern des Unruheherdes gerichtet, da er seit dem Sieg der Islamischen Revolution (1979) bewusst sein schiitisches Potenzial als Hauptmittel der Außen- und Sicherheitspolitik einsetzt. Hatte Ayatollah Khomeini den Export der Revolution in die gesamte islamische Welt im Sinne, woran er scheiterte, so verfolgt seine Nachwelt durch die Mobilisierung der schiitischen Masse der Region die Bildung eines starken schiitischen Gürtels rund um den Nahen Osten, um ihr strategisches Ziel bzw. ihren strategischen Anspruch als führende Regionalmacht zu erreichen bzw. zu konsolidieren. Ironischerweise spielte die Administration George W. Bushs den Ayatollahs durch die Kriege in Afghanistan und Irak in die Hände. Keinem Beobachter der regionalen Szene ist verborgen geblieben, dass zumindest für eine Weile die Aufrechterhaltung dieser Rivalität bzw. deren Intensität dem Interesse des Westens diente. „Der Streit unter meinen Feinden lässt mich ruhiger schlafen“, so dachte man sich auch in Jerusalem. Die Verdammung der Bush-Administration durch die arabischen Herrscher am Persischen Golf kann man den wehmütig-ironischen Äußerungen des saudischen Außenministers Saud Al Faisal entnehmen: „Alle arabischen Staaten haben geholfen, damit der Irak nicht vom Iran (im Iran-Irak-Krieg von 1980-88) erobert wird. Nun übergeben wir den ganzen Irak dem Iran.“ Faisal meint hierbei den immensen Einfluss des Iran im Irak, wobei Teheran sogar Bagdads Energie- und Sicherheitspolitik diktiert.
Der Gürtel droht zu zerreißen
Seit dem Ausbruch der arabischen Revolte Ende des vergangenen Jahres bröckelt der Halbmond aber stetig ab. Durch die Tendenz zum Sturz der Diktatoren weht ein starker Gegenwind gegen die extrem despotischen Hauptakteure des schiitischen Halbmonds, Iran und Syrien. Besonders der Wind aus Damaskus lässt die Mullahs, für die Syrien als wichtiger Transitkorridor dient, in Schüttelfrost erzittern. Unter dem Deckmantel des Anti-Amerikanismus als weltpolitischer Marschroute bilden die Eckpfeiler Irans regionaler Außenpolitik die erbitterte Feindschaft gegen Israel und die Unterstützung der radikalen Palästinenser in der Hamas. Dazwischen fungiert die schiitisch-libanesische Hisbollah als die regionale Haupttrumpfkarte und als stärkstes Mittel, um Druck auf Israel auszuüben. Aus geopolitischer Warte braucht Teheran für die Verwirklichung seiner strategischen Ziele Syrien, ohne das beide Eckpfeiler über Nacht einstürzen würden. Ein Fall von Bashar al-Assad, der anscheinend kaum noch vermeidbar ist, zerstört die Einflussnahme Irans jenseits der irakischen Grenzen. Es wäre für den Iran ein doppelter Rückschlag mit unvorhersehbar vernichtender Auswirkung, sollte in Damaskus eine moderate, dem Westen freundliche Regierung an die Macht gelangen. Die Hisbollah-Festung in Libanon würde löchrig werden, in dem sie plötzlich andere libanesischen Kräfte mit Unterstützung einer neuen syrischen Regierung vor sich sehen würde. Ein neues Regime in Damaskus könnte sie sogar gegen die Hisbollah mit Waffen ausrüsten. Die Miliz wäre sodann gegenüber einem etwaigen israelischen Angriff ohne Assad, d. h. ohne Teheran, einem aussichtslosen Schicksal überlassen. Derartige Verschiebungen der Machtkonstellation könnten sich ebenfalls negativ auf den Einfluss des Iran im Irak auswirken. Da etliche arabische Staaten, darunter auch Saudi Arabien, offenbar Assad für nicht länger tragbar halten und ihre Botschafter aus Damaskus zurückbeordert haben, wird der Druck auf den arabischen Bruderstaat Irak erheblich größer werden. Bagdad sendet hin und wieder Signale, dass es nicht mit dem Iran untergehen möchte. Vor der Nase Irans stehen die Türken längst in den Startlöchern und erweisen sich seit längerem als ein zuverlässiger nicht diktatorischer, den Terrorismus bekämpfender Akteur, auf den scheinbar der Westen als kommende regionale Supermacht baut.
Das Duo Khamenei- Ahmadinedschad, das selber genug damit zu tun hat, um die Revolte des unzufriedenen iranischen Volkes, das sich insbesondere nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen vom Juni 2009 artikulierte, niederzuschlagen, wartet nervös auf den Ausgang der syrischen Machtkämpfe. Teheran scheint bisher alles in seiner Macht stehende zum Schutze Assads unternommen zu haben, wozu sogar die Entsendung von Einheiten der al-Qods-Brigade (Auslandsarm der Revolutionswächter) gehört. Wie weit würde Religionsführer Ayatollah Khamenei gehen, sollte sich die anhaltende Unterstützung eines sich im Abgang befindlichen Regimes als eine Existenzbedrohung für die Machthaber im Teheran erweisen. Die 32 jährige Erfahrung der Islamischen Republik macht deutlich, dass dieses Regime nur eine einzige Maxime kennt, für die es scheinbar alles aufgeben würde, die Aufrechterhaltung des Regimes der Ayatollahs.
Haben die Ayatollahs die Idee des Exportes der Revolution in die islamische Welt gezwungenermaßen zugunsten der Bildung eines schiitischen Gürtels aufgeben müssen, so müssen sie heute den Gürtel losschnallen, um ihr Überleben zu sichern. Man hat nicht einmal den Rücken frei, denn wie die islamischen Staaten der Region zeigen, kann ein Funke das große stille oppositionelle Potenzial der iranischen „Grünen Bewegung“ wieder aufleben lassen und die Mullahs hinwegfegen. Der schiitische Halbmond ist stark beschädigt, daran besteht keinen Zweifel.


