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12. August 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 32 Ausgabe: Nr. 32 » August 12, 2011

Jahrhundert-Chance

Editorial von Jacques Ungar, August 12, 2011

Gefahr und Risiko. Die gesellschaftlichen Massenproteste, die Israel seit Wochen überziehen (vgl. S. 12), sind gleichzeitig Gefahr, Risiko und Chance. Gefahr und Risiko, weil im Falle eines Zusammenbruchs oder Auslaufens des Protestes die zwangsläufig entstehende Frustration Gewalt in für Israel ungekanntem Ausmass nach sich ziehen würde. Eine Gewalt, die im schlimmsten Szenario zu einer faktischen Zersplitterung der Gesellschaft und der von ihr getragenen Wirtschaft führen würde.



Chance. Die Chance bietet sich, solange der Protest noch durch Tel Aviv pulsiert, aber auch in Jerusalem, Asheklon, Kirjat Schmone und Beersheva zu spüren ist. Die Chance muss von innen her genutzt werden, das heisst gemeinsam von den Protestierenden und von jenen, die die wirtschaftliche Macht auf sich vereinen. Zu viel Macht ist in zu wenigen Händen. Das wissen die Entscheidungsträger schon lange, wollen es aber nicht wahrhaben.
Unausgegorene Träume. Die Protestierenden müssen unverzüglich über sich und ihre grösstenteils unausgegorenen Träume hinauswachsen und nationales Verantwortungsbewusstsein zeigen. Das Kind mit dem Bad auszuschütten, also die Wirtschaftsbosse so lange in den israelischen Wüstensand zu drücken, bis sie kurz vor dem Ersticken «mea culpa» hauchen, wäre ein kurzlebiger Pyrrhussieg. Leicht wird es nicht sein, die Tycoons zur Kooperation zu veranlassen, denn wer gibt schon freiwillig einen Teil des Kapitals auf, das die etwa 20 reichsten und einflussreichsten Familien des Landes während Jahrzehnten angehäuft haben, Schekel um Schekel, Fusion um Fusion, Expansion um Expansion? Die zehn grössten israelischen Wirtschaftsgruppen kontrollieren 30 Prozent des Marktwerts von den börsenkotierten Gesellschaften, die 16 grössten Gruppen haben das Sagen über die Hälfte des in Israel verfügbaren privaten Geldes. Für Nochi Dankner, den Mehrheitsaktionär der IDB Holding, ist das völlig in Ordnung, ist für ihn das «robuste finanzielle System Israels» doch das Ergebnis einer «klugen und strikten Regulierung».

Prioritäten verschieben. Die Protestwelle lässt erahnen, dass letzten Endes Prioritäten verschoben und eröffnet werden müssen, soll der demokratische Charakter von Staat und Volk überleben. Fraglich, ob das unter der Regierung Netanyahu überhaupt möglich ist, haben der Premier und zahlreiche seiner Minister doch über Jahre ganz offen mit den Tycoons gemeinsame Sache gemacht. Offiziell im Interesse des Staates, effektiv aber, um unbequeme Entscheidungen auf die lange Bank zu schieben. Oder wie es die Bank of Israel in einer von der «Basler Zeitung» zitierten Studie schreibt: «Eine Vielzahl von Unternehmen wird von grösseren Unternehmen kontrolliert, die wiederum von einer Person oder Familie kontrolliert werden.» Die seien an Konkurrenz nicht interessiert, es gehe ihnen vielmehr darum, die Politik zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Ende des Zitats, aber auch Ende der Fahnenstange? Bei aller Euphorie lässt sich eine gewisse Ratlosigkeit nicht verkennen.

Grosse Worte. Obwohl die Zeit für Klischees und Allgemeinplätze zu knapp ist, sollte vielleicht das grosse Wort des grossen David Ben Gurion aus der Mottenkiste gezerrt werden: Wer in Israel nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist. Angefügt werden muss diesem Wort aber ein nicht weniger grosses Talmud-Wort: Verlasse dich nicht auf Wunder! Protestierende, Tycoons und Politiker haben die Jahrhundert-Chance, Israel zu besseren, neuen Ufern zu führen. Sie müssen aber über ihren Schatten springen. Rasch und gemeinsam, denn die Weltwirtschaftssignale stehen auf Sturm.



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