logo
12. August 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 32 Ausgabe: Nr. 32 » August 12, 2011

Beliebte Sommerprogramme

Von Ruth Ellen Gruber, August 12, 2011
Bei kürzlichen Aufenthalten in Österreich und Polen war es praktisch unmöglich, um die Studierenden, Wissenschaftler oder Interessierte herumzukommen, die Sommerprogramme in jüdischen Fächern belegt hatten oder in diesen Programmen Vorlesungen gaben.
DIE UNIVERSITÄT IN KRAKAU Mehr als 20 Studierende nahmen an der ersten internationalen Sommeruniversität teil

In Osteuropa herrscht Sommer-Hochsaison für jüdische Studien. Zahlreiche Programme widerspiegelten das bemerkenswerte Wiedererwachen sowohl des informellen jüdischen Lernens als auch akademischer Studien, das in Europa seit dem Fall des Kommunismus festzustellen ist. Rund 750 Institutionen des jüdischen Lernens waren, wie die Europäische Vereinigung Jüdischer Studien bemerkte, im Krieg auf immer verloren gegangen, wobei viele Städte eine «fast totale Zerstörung ihrer jüdischen Studienressourcen» erleben mussten. Im kommunistischen Nachkriegseuropa war das Unterrichten und die Erforschung jüdischer und Holocaust-Studien praktisch tabu.



Prägende Studienprogramme

Das Tempo des Wiederaufbaus variiert von Land zu Land, doch die Europäische Vereinigung Jüdischer Studien kennt heute fast 450 akademische Institutionen und Universitäten in zwei Dutzend europäischen Staaten, an denen jüdische Fächer unterrichtet werden. Viele weitere Programme werden im Zusammenhang mit nicht akademischen Körperschaften durchgeführt.
Einen besonderen Platz in diesem Rahmen nehmen Sommerprogramme ein, sind sie doch oft spezifisch auf Besuchende aus dem Ausland zugeschnitten. Einige der Programme wie etwa die Leo-Baeck-Sommeruniversität an der Berliner Humboldt-Universität werden zusammen mit nordamerikanischen oder israelischen Institutionen organisiert. Die Vorteile von Lernprogrammen im Ausland sind bekannt: Man wird fremden Kulturen und Sprachen ausgesetzt, kommt in Kontakt mit neuen Ideen und hat Gelegenheit, internationale Verbindungen herzustellen. Oft beeinflussen Studienprogramme in Europa den weiteren Verlauf des Lebens. Ihre Berichterstatterin etwa verbrachte das erste Semester ihrer Studien in Kunst und Kunstgeschichte an einem amerikanischen Universitätsprogramm in Rom. Nach der Rückkehr in die USA beendete sie ihre Studien und graduierte, doch nach einigen Monaten reiste sie bereits wieder zurück nach Europa, wo sie seither lebt.

Aussergewöhnlich motiviert

Es war sehr aufschlussreich, mit Menschen zusammenzukommen, die in diesem Sommer einen Teil ihrer Ferien damit zubrachten, jüdische oder Holocaust-Geschichte zu lernen. Auch der oft unerwartete Einfluss dieser Studien liess tief blicken. Das galt vor allem für Polen, dem jüdischen Vorkriegs-Herzland, das zum zentralen Schlachtfeld der Nazis geworden war. «Diese Menschen sind ausser-gewöhnlich motiviert», sagt Annamaria Orla-Bukoswska von einer Universität in Krakau über die mehr als 20 Studierenden aus den USA, Lateinamerika, Israel und anderen Staaten, die sich für die erste internationale Sommerakademie eingeschrieben hatten, die vom staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau organisiert worden war. Der im Juli abgehaltene Anlass konzentrierte sich auf Auschwitz und den Holocaust, aber auch auf die Nachkriegsgeschichte, auf die polnisch-deutschen Beziehungen während des Kriegs und die Bildungsherausforderungen für das Museum Auschwitz-Birkenau. «Man kann sich vorstellen», sagt Orla-Bukowska, «dass es physisch, geografisch wie psychologisch nicht einfach ist, Kurse zu belegen, die nicht nur über Wochenenden und während Ferien andauern, sondern die effektiv in Auschwitz gegeben werden.» Orla-Bukowska unterrichtet jüdische und Holocaust-Themen an verschiedenen Sommerprogrammen in Polen.

Wichtige Erfahrungen

Hailey Dilman, der an der Hebräischen Universität in Jerusalem Jüdische Studien studiert hat, war einer von zehn amerikanischen und kanadischen Studenten, die an dem vom Jüdischen Zentrum Auschwitz offerierten jährlichen Fellow-Programm teilgenommen haben. Das Zentrum befindet sich in Oswiecim, der Ortschaft, in deren Einzugsgebiet das Konzentrationslager Auschwitz liegt. Das dreiwöchige Programm kombinierte Reisen zu Stätten des Holocaust und des jüdischen Erbes mit Kursen und Archivarbeiten über polnisch-jüdische Geschichte und zeitgenössisches jüdisches Leben. Elizabeth Bryant, eine Doktorandin der Florida-State-Universität, war ebenfalls ein Fellow des Jüdischen Zentrums Auschwitz. Ihre Doktorarbeit hatte sich auf Auschwitz konzentriert, doch wie auch Dilman war sie noch nie auf dem Lagergelände gewesen. «Reisen wie diese unterstreichen, dass das Leben nicht immer eine Schwarzweissmalerei ist. Wenn man den Holocaust studiert, ist es manchmal schwierig, sich dieser Tatsache bewusst zu sein.» Bryants Leben ist nach eigenen Angaben durch die Erfahrung des Fellowship-Programms einschneidend verändert worden.



» zurück zur Auswahl