Tragödie von Borough Park
Am Mittwoch vergangener Woche hat die Polizei im New Yorker Stadtteil Borough Park die zerstückelten Überreste des achtjährigen Leiby Kletzky entdeckt und Levi Aron, den Mörder des Jungen, verhaftet. Leiby war am Montag, dem 11. Juli, nachmittags nicht vom Sommerprogramm einer nahe elegenen Jeschiwa in die Wohnung seiner Familie in einem Apartmenthaus zurückgekehrt. Der Junge hatte seine Eltern Esther und Nachman in den Tagen zuvor eindringlich gebeten, den nur sieben Häuserblocks langen Heimweg erstmals ohne Begleitung zurücklegen zu dürfen. Wie aus Zeugenberichten und Aufnahmen von Überwachungskameras an Strassenkreuzungen hervorgeht, hat Leiby eine Abzweigung verpasst und dann Aron um Hilfe gebeten. Dieser brachte den Jungen zu seinem Auto und fuhr mehrere Stunden lang mit ihm durch die weitere Umgebung. Schliesslich brachte Aron das Kind in sein Apartment, wo er Leiby dann im Lauf des Dienstags erstickt und die Leiche zerstückelt hat.
Stimmen und Halluzinationen
Arons Motive sind derzeit noch unklar. Der 35-Jährige war mit der Kletzky-Familie nicht bekannt und ist bislang auch nicht kriminell aufgefallen. Er ist zweifach geschieden und hat zeitweise in Memphis, Tennessee, gelebt, ehe er 2007 nach Borough Park zurückkehrte. Dort arbeitete er in einem Baumarkt und lebte in einer winzigen Wohnung unter dem Dach des Reihenhauses seiner Eltern. Bei seinen Kollegen gilt Aron als Einzelgänger. Seiner ersten Frau zufolge hat er die Tat begangen, um «berühmt» zu werden. So habe er davon geträumt, bei der Talentshow «American Idol» aufzutreten. Aus Behördenkreisen ist zu hören, dass Aron sich nicht an Leiby vergangen habe. Er habe zudem angegeben, mitunter Stimmen zu hören und unter Halluzinationen zu leiden. Aron ist anscheinend in Panik ausgebrochen und hat den Jungen erwürgt, als er erfahren hat, dass die Shomrim («Wächter») nach Leiby suchten. Dieser freiwillige Selbstschutzverband in Borough Park ist etwa 150 Mitglieder stark und hat mit Unterstützung Tausender Gemeindemitglieder 36 Stunden lang die weitere Umgebung durchforscht. Unter den Helfern war auch eine Gruppe pakistanischer Immigranten.
Die Suchaktion ist in der Geschichte ders Ortes ebenso einzigartig wie der durch das grausame Verbrechen ausgelöst Schock. Denn Borough Park war bislang auch dank der Shomrim eine der sichersten Nachbarschaften im gesamten Grossraum New York. Nun erklären viele Eltern, dass sie ihre Kinder nicht mehr aus den Augen lassen wollen. In Leibys Jeschiwa kümmern sich Fachkräfte um die verstörten Zöglinge.
Streben nach Selbstbestimmung
Eine Nachbarin des Mörders hat inzwischen erklärt, Aron habe vor einigen Wochen versucht, ihren Sohn zu entführen. Sie hatte sich jedoch nicht an die Behörden gewandt. Dies wirft ein Schlaglicht auf das Selbstverständnis der in der Regel kinderreichen orthodoxen Familien, welche die Mehrheit der 100 000 Juden in Borough Park stellen. Im Südwesten von Brooklyn gelegen, weist das Viertel rund 250 Synagogen auf, darunter auch vereinzelt der konservativen und der Reform-Strömung. Wie die Familie Kletzky ist Aron orthodox, gehört jedoch keiner der Gemeinschaften wie den Bobover oder Satmar an, die Borough Park mit ihrer aus Osteuropa stammenden Kleidung prägen und Jiddisch als Umgangssprache pflegen. Die Orthodoxen entwickelten sich erst ab den frühen neunziger Jahren zur Mehrheit in dem Viertel und sorgten 1999 durch die Errichtung einer «Schabbatgrenze» – die an Wochenenden 225 Blocks der Gegend für den Autoverkehr sperrt – für Schlagzeilen. Viele Bewohner halten sich vorwiegend in ihrer eigenen Umgebung auf und vermeiden jeden Kontakt zur «Aussenwelt». Dies gilt auch für den Medienkonsum. Die meisten Orthodoxen meiden das Fernsehen und die New Yorker Presse.
Das Streben der Orthodoxen nach Selbstbestimmung prägt zudem das Verhalten der Gemeinschaften nach aussen. So wenden sich Familien bei Sorgen und Problemen eher an ihre Rabbiner als an staatliche Behörden. Dass die Eltern Kletzkys zunächst die Shomrim alarmiert haben und erst Stunden später die Polizei, spricht für sich. Der New Yorker Polizeichef Ray Kelly hat dies mit der Erklärung quittiert, er wünsche sich in derartigen Fällen zukünftig eine raschere Information der lokalen Reviere. Allerdings hat die Alarmierung der Shomrim laut Kelly nichts am Tathergang geändert. Die Wächter geniessen nicht nur in ihren Gemeinschaften, sondern auch bei der New Yorker Polizei aufgrund ihrer Disziplin und Effektivität grosses Vertrauen.
Zeichen für Wandel
Der Mord erschüttert das Viertel und wird von vielen Bewohnern als Zeichen für einen unaufhaltsamen Wandel betrachtet, der Misstrauen und Anonymität in die geborgene Atmosphäre von Borough Park trägt. Die Bevölkerung in der Gegend ist so rasch gewachsen, dass Nachbarn einander nicht mehr persönlich kennen. Laut Ruchama Clapman, die eine Familienberatung in der Gegend betreibt, tun sich viele Orthodoxe immer noch schwer mit der Einsicht, dass auch in ihren Gemeinschaften «faule Äpfel» Alkohol- und Drogenmissbrauch treiben und sexuelle Delikte begehen. Dov Hikind, der Vertreter des Viertels im New Yorker Stadtrat, spricht diese heiklen Themen seit einigen Jahren in seiner Radiosendung an. Der populäre Politiker hat damit zunächst heftige Proteste ausgelöst. Doch inzwischen unterstützen viele Orthodoxe Hikinds Bemühen, «schmutzige Wäsche» an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. Sein Engagement dürfte zumindest dazu beigetragen haben, dass sich Betroffene gerade bei Sexualdelikten nun verstärkt an die Polizei wenden. So hat die Staatsanwaltschaft in Brooklyn zwischen Oktober 2008 und dem folgenden Herbst 26 Männer aus chassidischen oder orthodoxen Gemeinschaften aufgrund von Sittlichkeitsverbrechen verhaften lassen.
Doch diese Entwicklung konnte den Mord an Leiby Kletzky nicht verhindern. Dem Vernehmen nach steht die Familie immer noch unter Schock. Leibys Vater Nachman hat am Donnerstag letzter Woche nicht an der Beisetzung seines Sohnes teilgenommen. Und Esther Kletzky ist über die genauen Umstände der Ermordung ihres Kindes anscheinend immer noch im Unklaren. Sie hat im Haus ihrer Mutter Zuflucht gesucht, wo Verwandte Esther Kletzky von allen äusseren Informationsquellen abschirmen, um ihr weiteren Schmerz zu ersparen.


