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22. Juli 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 29/30/31 Ausgabe: Nr. 29 » July 22, 2011

Kreuzzug 2011

Editorial von Yves Kugelmann, July 22, 2011

Christenverfolgung? Was ist denn das? Ja, es gibt unbestrittenermassen leider weltweit Christen, die ihres Glaubens wegen diskriminiert, verfolgt und sogar getötet werden. Gibt es allerdings eine systematische, institutionalisierte Verfolgung und Tötung von Christen? Nein. Dennoch führen christliche Verbände seit Längerem das Wort «Christenverfolgung» im Munde: seit Kurzem macht die Christlichdemokratische Volks­partei Schweiz (CVP) damit propagandistische Politik im Vorfeld der ­nationalen Wahlen 2011 und instrumentalisiert so die bedrohten Menschen für zwielichtige Propaganda.



Nächstenliebe? Mit der Bergpredigt (Matthäusevangelium) tritt ­Jesus Christus in die Geschichte ein, manifestiert den Bruch mit den jüdischen Obrigkeiten und formuliert das Credo der Nächstenliebe neu, wie es für das Christentum bestimmend werden sollte: «Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen.» Ein starkes Stück und zugleich Vorgabe für die westliche Zivilisation, die als Folge der Katastrophe der Schoah Nächstenliebe und Brüderlichkeit oft bis zum Exzess zelebriert. 

Humanismus? In der Aufklärung verbinden sich humanistische Grundsätze und die Essenz christlicher Theologie, die in Nächstenliebe münden. Dass diese Nächstenliebe letztlich einer vermeintlichen christlich-­jüdischen Symbiose entsprungen sein soll, ist mit kritischem Blick auf die europäische Geistesgeschichte der letzten Jahrhunderte leicht zu widerlegen. Jüdinnen und Juden hätten gerne vieles dazu beigetragen; es blieb ihnen bis zur Emanzipation und auch danach lange verwehrt – von Christen, die heute das Gegenteil predigen.
Umgekehrt greift die ausgesprochene und unausgesprochene Forderung nach einer christlichen «Leitkultur» in der Schweiz immer mehr um sich. War die Verfassung bis vor Kurzem unangefochten religionsneutral, wird sie nun zusehends konfessionalisiert.

Populismus? Mit der Forderung der CVP, die Entwicklungszusammenarbeit in muslimischen Ländern aufzuheben, in denen Christen diskriminiert werden, ethnisiert die CVP staatliche Behörden und universelle Gesetze, verstösst gegen die Werte der Aufklärung, die explizit konfessionelle und andere Unterschiede zwischen Bürgern nicht mehr zur Zweiklassengesellschaft, sondern zum mündigen Recht von Bürgerinnen und Bürgern erhob und unter Schutz stellte. Denkt man die Forderung der CVP weiter, so ist Entwicklungszusammenarbeit in jenen Ländern, in denen etwa Muslime oder Juden getötet werden, vertretbar, darf auch geholfen werden, wo christlicher Kolonialisimus oder evangelikal motivierte Hegemonialpolitik vorherrschen. Die CVP fordert eine Zweiklassen­entwicklungshilfe und führt einen Kreuzzug unter anderen Vorzeichen in jenem Bereich, in dem gerade das Christentum einen zivilisatorischen Schritt vollführt hat: in der Nächstenliebe.

Gleichberechtigung? Wer vorgibt, für den religiösen Frieden und für Minderheiten einzustehen, sollte redlich mit Themen wie Religions- und Glaubensfreiheit umgehen. Wer vorgibt, für den religiösen Frieden einzustehen, sollte nicht gegen nicht christliche Friedhöfe votieren oder die Verfassung einseitig konfessionalisieren. Wer vorsätzlich für den religiösen Frieden eintritt, sollte die Gesellschaft nicht erneut ethnisieren und politische Diskurse nicht mit einer fragwürdigen Identitätsdebatte belasten. Stand das «C» im Parteinamen bis vor Kurzem als Garant für friedliches Zusammenleben und ein universelles Christentum, droht es heute, die aufgeklärte Gleichberechtigung mit einem unaufgeklärten Christentum zu torpedieren und die gesamte Schweizer Gemeinschaft zu belasten. Dass mit der Forderung gerade die Bedürftigsten getroffen werden, ist nicht nur unchristlich, sondern wider jegliche Verantwortung eines aufgeklärten Gewissens im Spiegel einer Verfassung der Gleichberechtigung.



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