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22. Juli 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 29/30/31 Ausgabe: Nr. 29 » July 22, 2011

«Gutes tun tut gut»

Von Valerie Wendenburg, July 22, 2011
Die Europäische Union hat das Jahr 2011 zum Jahr der Freiwilligenarbeit erklärt. Im internationalen Vergleich steht die Schweiz in diesem Punkt vorbildlich da – auch wenn die Anzahl der Menschen, die sich ehrenamtlich für die Gesellschaft einsetzen, leicht rückläufig ist.
EMGAGEMENT FÜR JÜDISCHE KINDER UND JUGENDLICHE Nahezu alle Lebensbereiche werden von Freiwilligen massgeblich mitgestaltet

Innerhalb der Europäischen Union (EU) – und auch in der Schweiz – stehen dieses Jahr die Menschen im Mittelpunkt, die Freiwilligenarbeit leisten und somit eine nicht wegzudenkende Stütze der Gesellschaft sind. Freiwilliges und ehrenamtliches Engagement gehören zu den wichtigsten Grundpfeilern des Schweizer Milizsystems und der Demokratie – und es gehört zum Selbstverständnis innerhalb des jüdischen Glaubens und der jüdischen Tradition.
Ehrenamtliches Engagement bereichert das politische und soziale Geschehen und trägt zu einer Vielfalt von kulturellen und sozialen Ereignissen bei. Es gibt keinen Lebensbereich, sei es in der Politik, im Sport oder eben auch in Gemeinden, der nicht von Freiwilligen massgeblich mitgestaltet wird. Innerhalb der Gemeinden wird freiwilliges Engagement besonders sichtbar: Gemeinden – auch die jüdischen – ermöglichen ihren Mitgliedern Identifikation, definieren Zugehörigkeit und Abgrenzung. Freiwilliges Engagement fördert nicht nur die soziale und kulturelle Integration vieler Menschen, sie schafft vielmehr auch einen Ausgleich in den Beziehungen zwischen den Generationen und den unterschiedlichen sozialen Schichten. Dies zu erkennen und freiwilliges wie ehrenamtliches Engagement zu fördern, wirkt sich positiv auf die jeweilige Gemeinde aus.



Schweiz ist Vorreiter

Die Schweiz steht in Europa hinsichtlich der Freiwilligenarbeit an der Spitze: Rund drei Millionen Menschen engagieren sich freiwillig. Im Jahr 2009 waren innerhalb der EU gut 90 Millionen Menschen über 15 Jahre freiwillig aktiv. Das entspricht rund 22 Prozent der Bevölkerung – in der Schweiz liegt dieser Anteil bei rund 40 Prozent. Auch im internationalen Vergleich nimmt das freiwillige Engagement eine Spitzenposition ein. In vielen Ländern entsprechen die freiwillig Tätigen einem Anteil von drei bis fünf Prozent der Erwerbstätigen, in der Schweiz liegt dieser Anteil bei rund 30 Prozent – auch wenn das freiwillige Engagement hierzulande leicht sinkt.
Dies liegt laut offiziellen Angaben nicht unbedingt daran, dass es schwieriger geworden ist, Menschen für Freiwilligenarbeit zu gewinnen – die Freiwilligen sind aber offenbar anspruchsvoller geworden. Der «klassische Freiwillige» hat sich laut Franziska Dürst, Mitarbeiterin der Kontaktstelle Freiwilligenarbeit der Stadt Zürich, zu einem «anspruchsvollen Freiwilligen» entwickelt, der im Rahmen seines Engagements auch gefördert werden möchte. Zudem gehe der Trend eher hin zu unverbindlichen und flexiblen Arbeitszeiten, die sich die Menschen neben ihren sonstigen Aufgaben wie Familie und Beruf zunehmend selbst einteilen möchten.

Eine Herausforderung

Kritische Stimmen mehren sich, die aufgrund eines Wertewandels hin zu mehr Selbstentfaltung und Individualisierung das freiwillige Engagement in Gefahr sehen. Freiwilliges Engagement verändert sich aber nicht nur durch den beschriebenen Wandel von Werten, es unterliegt vielmehr auch gesellschaftlichen Bedingungen, die einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die (vor allem auch zeitlichen) Möglichkeiten eines Engagements haben. Der immer flexibler werdende Arbeitsmarkt und die Tatsache, dass deutlich mehr Frauen (neben ihrer Aufgabe innerhalb der Familie) berufstätig sind, führt dazu, dass immer weniger Menschen ihre freie Zeit verplanen können. 
Parallel zu dieser Entwicklung gibt es im Vergleich zu früher deutlich mehr Organisationen und Vereine, die auf Freiwilligenarbeit angewiesen sind, wodurch der subjektive und falsche Eindruck entsteht, dass es weniger Menschen gebe, die sich ehrenamtlich für eine gemeinnützige Sache engagieren. Besonders kleinere Gemeinden und Vereine stehen nun vor der Herausforderung, die anspruchsvoller gewordenen und unter grösserem äusseren Druck stehenden potenziellen Freiwilligen für sich zu gewinnen. Einige Menschen begnügen sich eben oftmals nicht mehr mit der Art «Lohn», den Benevol, die Dachorganisation der Vermittlungsstellen für Freiwilligenarbeit in der Schweiz, für die unentgeltlich geleistete Arbeit definiert: «Gutes tun tut gut.» Man erhalte kein Geld für die geleistete Arbeit, dafür aber Anerkennung und Dank sowie einen Einblick in neue Lebenswelten, heisst es. 

Jüdisches Selbstverständnis

Jüdisches Engagement in ehrenamtlichen oder wohltätigen Tätigkeiten beruht seit jeher auf der «zedaka», dem Wohltätigkeitsgebot. Wohltätigkeit spielt in der jüdischen Tradition eine bedeutende Rolle, Frauen und Männer sind ihr gleichermassen verpflichtet. Bereits im 19. Jahrhundert entstanden jüdische Organisationen wie zum Beispiel die Chewra kaddischa, die nach einem Todesfall Hilfe anbot. In der Folge wurden immer mehr Hilfsorganisationen von zumeist bürgerlichen Frauen gegründet, die ihr Engagement mit dem Wohltätigkeitsgebot begründeten. Bereits im 5. Buch Mose (15:11) heisst es: «Die Armen werden nie ganz aus deinem Land verschwinden», und so sieht sich der jüdische Mensch seit jeher nicht als Einzelwesen, sondern als Mitglied einer Gemeinschaft, mit der Aufgabe, dazu beizutragen, die Schwachen, Armen oder auch Kranken zu unterstützen. Die Mildtätigkeit ist im Judentum somit nicht allein Ausdruck einer individuellen Grosszügigkeit und nicht unbedingt ein sozialer und freiwilliger Akt, sondern vielmehr die Erfüllung einer von Gott auferlegten Pflicht, eine Mizwa. Das eigene Verhalten gegenüber jenen, die Hilfe brauchen, ist massgeblich für die Beurteilung des Einzelnen wie auch der Gemeinschaft, in der er lebt. Das Gewicht der «zedaka» wiegt also schwer innerhalb der jüdischen Gemeinschaft, sie stellt eine bedeutende religiöse Pflicht dar: «Auf drei Dingen beruht die Welt; auf der Thora, auf dem Gottesdienst und der Ausübung des Wohltuns» («Pirkei Avot» 1:2). Nichtsdestotrotz ist es auch für jüdische Organisationen und Vereine in der heutigen Zeit schwieriger geworden, Menschen zu finden, die sich die Zeit nehmen, sich freiwillig für andere einzusetzen. Dies wurde auch anlässlich des 175-Jahr-Jubiläums des Israelitischen Frauenvereins Basel deutlich, an dem im Jahr 2009 betont wurde, dass immer weniger Frauen heutzutage die Bereitschaft zeigen, sich ehrenamtlich für einen Verein zu engagieren. Neben aller Anerkennung der Menschen, die Freiwilligenarbeit leisten, wird im Prospekt des Frauenvereins auf einen wichtigen Aspekt verwiesen: «Die Arbeit in der Gemeinschaft und für die Gemeinschaft bringt für beide Seiten eine tiefe Zufriedenheit, für die, die diese Arbeit ehrenamtlich tun, und für diejenigen, denen sie zugutekommt.»

www.freiwilligenjahr2011.ch



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